Luftfahrt 12.03.2004, 18:29 Uhr

Harter Markt für Regionalflugzeuge

VDI nachrichten, München, 12. 3. 04 -Obwohl der Markt für Regionalflugzeuge mit unter 100 Sitzen wesentlich kleiner ist als der für klassische Flieger, tummeln sich hier noch wesentlich mehr Anbieter. Marktführer sind Bombardier und Embraer. Beide liefern sich einen erbitterten Wettbewerb.

Für Brasilien war der Tag ein nationales Ereignis. Präsident Lula da Silva war mit sieben seiner Minister eigens eingeflogen und hatte sich auf die Ehrentribüne gesetzt, genau gegenüber dem riesigen Fabriktor, umgeben von tausenden von Arbeitern. Als das Tor sich öffnete, rollten Mitarbeiter den neuesten Hoffnungsträger des brasilianischen Flugzeugherstellers Embraer heraus: Die Embraer 190, ein Flugzeug mit 98 bis 108 Sitzen.
Dieser elegante Flieger soll die Stellung des Unternehmens im Weltmarkt stärken und nach Jahren der Krise wieder für neues Wachstum sorgen. Denn während sich bei den großen Flugzeugen ab etwa 130 Sitzen mit Airbus und Boeing längst ein Duopol fest etabliert hat, kämpfen immer noch eine erstaunliche Menge von Anbietern um den finanziell weit weniger lukrativen Markt für Regionalflugzeuge: Da sind das brasilianische Unternehmen Embraer, das nur kleine Jets baut, das kanadische Unternehmen Bombardier, das Jets und Turboprops herstellt und das im französischen Toulouse beheimatete ATR, das allein auf Turboprops setzt.
Neu im Rennen, genauer, wieder im Rennen: Fairchild Dornier AeroIndustries, eine Tochter des chinesischen Mischkonzerns D“Long, die das 728-Programm des in Konkurs gegangenen Herstellers Fairchild Dornier wiederbeleben will, AvCraft Aviation als neuer Eigentümer des Ex-Fairchild Dornier-328JET-Programmes sowie der chinesische Staatskonzern AVIC (Aviation Industries of China) mit dem Regionaljet-Projekt ARJ-21. Keine Rolle auf dem Weltmarkt spielen dagegen die russischen Regionalflugzeuge.
Die beiden vergangenen Jahren waren für die Hersteller von Regionaljets ein Desaster. Wegen der Fairchild Dornier-Pleite verlor die Branche insgesamt im Jahr 2002 genau 96 Aufträge, vor allem, weil Großbestellungen storniert wurden. Im vergangenen Jahr kamen alle Hersteller zusammen dann wieder auf 303 Orders (ohne Stornierungen).
Der Turboprop-Hersteller ATR bekam 2002 noch 14 Aufträge, 2003 aber keinen einzigen mehr, weil sich Neubestellungen und Stornierungen die Waage hielten. Bei der Bombardier-Turboprop-Linie Dash sieht die Bilanz kaum besser aus.
Bei den Jets hat Bombardier im vergangenen Jahr zwar mit 221 Maschinen deutlich mehr ausgeliefert als Rivale Embraer (101). Indes scheinen die Kräfteverhältnisse bei den Neuaufträgen zu kippen: 181 zu 91 ging der Wettbewerb 2003 aus – zugunsten von Embraer. In diesem Jahr will Embraer 160 Maschinen ausliefern und 2005 sollen es 170 werden.
Der brasilianische Hersteller, der drittgrößte Exporteur des Landes, deckt als einziger konsequent den gesamten Markt ab. Mit der Regionaljetfamilie Embraer 170/190 schließt das Unternehmen zudem die Marktlücke zwischen zu den großen Jets von Boeing und Airbus. „Wir haben 1998 diese Lücke im Markt entdeckt“, erklärt Embraer-Chef Mauricio Botelho. „Es gab für diesen Bereich bislang kein geeignetes Produkt.“
Mittlerweile steht der 70-Sitzer Embraer 170 kurz vor der Auslieferung an Alitalia und US Airways. Das Programm hat allerdings unter anderem wegen Problemen bei der Software-Entwicklung, die Zulieferer Honeywell zu verantworten hat, mehr als ein Jahr Verspätung.
Der Ableger 175 mit 78 bis 86 Sitzen befindet sich in der Flugerprobung und soll gegen Ende des Jahres ausgeliefert werden. Die Embraer 190 fliegt in diesen Tagen erstmals und die größte Version der Familie, die Embraer 195 mit bis zu 118 Plätzen, wird voraussichtlich Anfang 2006 ausgeliefert.
Insgesamt hat Embraer für die Maschinen 245 Festbestellungen gesammelt. Darunter befindet sich mit der amerikanischen JetBlue Airways auch eine Billigfluglinie. JetBlue brach mit der Bestellung eiserne Branchenregeln, schließlich galten 150-Sitzer bislang als die kleinstmöglichen Flugzeuge für den Sektor, weil sonst die Stückkosten nicht niedrig genug gehalten werden könnten.
So groß der Markterfolg von Embraer ist, technologisch setzen die Brasilianer auf Erprobtes. Nur bei der Flugsteuerung hat Embraer mit der so genannten Fly-by-Wire-Technologie, die Airbus und Boeing bereits einsetzen, im Regionalgeschäft Neuland betreten.
Mit dem Schritt, eine neue Flugzeugfamilie zu bauen, war Embraer aber immerhin mutiger als Konkurrent Bombardier. Die Strategie des kanadischen Flugzeugbauers zielt darauf ab, bestehende Modelle zu modifizieren und zu strecken. Doch wie die Verkaufszahlen zeigen, scheint das nicht aufzugehen. Die 50- und 70-Sitzer aus Montreal verkaufen sich noch gut, aber der 90-Sitzer bekommt in Sachen Passagierkomfort gegenüber dem Embraer-Modell schlechte Noten.
Zwar hat Bombardier eine interne Studie über den 100-Sitzer-Markt gestartet, doch will der Konzern, der in erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt, frühestens 2005 eine Entscheidung über ein neues Flugzeug in dieser Größenklasse treffen.
JENS FLOTTAU

  • Jens Flottau

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