Satelliten 13.06.2008, 19:35 Uhr

Galileo virtuell  

VDI nachrichten, Berchtesgaden, 13. 6. 08, moc – In der GATE (GAlileo Test Environment) -Testregion, im südlichsten Zipfel von Deutschland, findet die Zukunft der Satellitennavigation schon heute statt. Bevor Galileo-Satelliten ab 2013 Signale aus dem Weltall schicken, können ab dem kommenden Juli in Berchtesgaden Empfänger- und Anwendungsentwickler ihre Produkte unter realistischen Bedingungen testen.

Wofür der grüne Container mit Solarzellen hier oben auf dem Grünstein steht, wissen sie nicht. Dabei wandern Annemarie und Hans Gruber gern hier hoch, auf den „Hausberg“ Berchtesgadens, vor allem wegen des schönen Blicks. Tief unter ihnen liegt der Ort, der Königsee glänzt in der Sonne und auf den benachbarten Berggipfeln liegt der letzte Schnee.

Kreisrund ordnen sie sich um Berchtesgaden an: der Tote Mann, das Stöhrhaus, Kneifelspitze, Kehlstein und Jenner. Und wenn man durch das Fernglas genau hinschaut, sieht man auf diesen beliebten Wanderzielen zwischen den Schneeresten anstatt des Containers hohe Sendemasten: Seit zwei Jahren thronen hier modernste Sender, die das künftige europäische Satellitennavigationssystem Galileo simulieren sollen.

Und zu denen gehört auch der im Container versteckte Sender am Grünstein.

Die sechs Sender auf den Bergspitzen um Berchtesgaden – auch als Gate (GAlileo Test Environment) bekannt, simulieren jeweils einen Satelliten. Vier sind Voraussetzung für eine genaue Ortung, jeder zusätzliche erhöht die Präzision.

Die Signale der Sender auf den Bergen werden von einem Computerprogramm so modelliert, als stammten sie jeweils von einem der 30 Galileo-Satelliten, die ab 2013 in 24 000 km Höhe um die Erde kreisen werden.

Die Grubers kennen die Gegend um Berchtesgaden auch ohne Satelliten. „Da drüben sieht man den Untersberg. Wenn man da rum fährt kommt man nach Salzburg“, erklärt Hans und zeigt nach rechts. „Und ungefähr, am Hockalter vorbei, geht“s nach München“, ergänzt seine Frau und weist nach links. Doch mit dem Galileo-System soll es schon etwas genauer gehen.

Bereits heute helfen Navigationssatelliten Wanderern, Rad- und Autofahrern, Flugzeugen und Schiffen, auf den Ozeanen ihren Kurs zu bestimmen. Mit Galileo soll ein rein europäisches Satellitennavigationssystem entstehen, das, ähnlich wie das US-amerikanische GPS und das russische GLONASS, ab 2013 weltweit Daten zur genauen Positionsbestimmung liefern wird.

Der entscheidende Vorteil von Galileo soll in seiner größeren Genauigkeit und in seiner ständigen Verfügbarkeit liegen. Denn militärisch genutzte Systeme wie GPS und GLONASS könnten aus Sicherheitsgründen jederzeit für die zivile Nutzung gesperrt werden.

Experten schätzen, dass durch den Ausfall von nur einem Tag ein wirtschaftlicher Schaden von bis zu 6 Mrd. € entstehen kann. Denn nicht nur die Logistikbranche ist zunehmend von exakten Positionsdaten ihrer Container, Waggons und Fahrzeuge abhängig. Millionen von Menschen nutzen die GPS-Daten überall auf der Welt.

Für die Erschließung der kommerziellen Potenziale der Galileo-Signale wird derzeit in ganz Europa an möglichen Geschäftsmodellen gebastelt. Doch wer die Signale in fünf Jahren nutzen will, benötigt dafür ein Endgerät mit der notwendigen Soft- und Hardware.

Damit Hersteller und Käufer keine bösen Überraschungen erleben, müssen Geräte und Geschäftsmodelle unter realen Bedingungen getestet werden. Und solange dies mit echten Signalen noch nicht möglich ist, können sich die Hard- und Softwarehersteller die Satelliten von den Sendern auf den Berggipfeln um Berchtesgaden vorgaukeln lassen.

„Gate ist eine kleine Galileo-Welt am Boden, in der alle landgestützten Anwendungsbereiche praxisnah getestet werden können“, fasst Günter Heinrichs von der Firma IFEN zusammen.

Die „IFEN Gesellschaft für Satellitennavigation“ mit Firmensitz in Poing bei München betreut im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) den Aufbau der GATE-Testregion.

Das 65 km2 große Gebiet des Berchtesgadener Talkessels ist dafür ideal. „Es wird von Bergen so umschlossen, dass von allen Seiten Funksignale losgeschickt werden können“, so Nachrichtentechniker Heinrichs. „Mit Gate können wir deshalb einen entscheidenden Marktvorsprung bei der Produktentwicklung bieten.“

Ab kommendem Juli sollen Firmen das oberbayerische Testgebiet nutzen können. Allein aus Deutschland gäbe es bereits um die 150 Interessenten, schätzt Heinrichs. Rettungsdienste, Transport und Logistik, aber auch Freizeit und Sport sind Bereiche, die künftig ohne Satellitennavigation nicht mehr auskommen werden.

Das idyllische Klausbachtal liegt mitten im Nationalpark Berchtesgaden – einem Eldorado für Wanderer. Im Nationalparkhaus herrscht emsiges Treiben, eine Hamburger Wandergruppe wartet auf ihre „AlpenRanger“.

Das sind kleine, handliche und bedienerfreundliche Navigationsgeräte, von der Form ein etwas größeres Handy. Carolin Scheiter vom Nationalparkhaus teilt die Geräte aus, die auch bei den älteren Gästen sehr gut ankommen.

Im Nationalpark setzt man schon seit zwei Jahren auf moderne Satellitennavigationstechnik. AlpenRanger sind digitale Wanderführer, die dem Ausflügler via Satellitenortung nicht nur den richtigen Weg, sondern auch Wissenswertes über Pflanzen, Tiere und Umgebung mitteilen.

Wie ein persönlicher Begleiter führt das einfach zu bedienende Gerät durch die Landschaft und informiert sowohl akustisch als auch digital. Manchem wird es ganz mulmig, als das Gerät direkt unter dem kleinen Mühlsturzhorn den Besuchern erklärt, dass dort 1999 Gestein mit einem Volumen von 570 Reihenhäusern zu Tal gedonnert ist.

„Aber auch ganz praktische Dinge wie die Abfahrtzeiten einiger Regionalverkehrslinien sind abrufbar, falls der Wanderer für den Rückweg den Bus benutzen möchte“, erklärt Gerd Waitzmann, Geschäftsführer der Firma ProTime in Prien, die gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) und dem Nationalpark das Hightech-Gerät konzipiert hat.

Noch ist das Manko des AlpenRangers die Ungenauigkeit der GPS-Daten, mit denen er arbeitet. „Doch sobald Gate voll einsatzfähig ist, werden wir die AlpenRanger auch mit den Gate-Signalen testen“, so Waitzmann.

Im ersten Schritt allerdings sollen die Gate-Signale für die Bergrettung und bei der Suche nach Lawinenopfern eingesetzt werden. „Man könnte verunglückte oder verschüttete Personen schneller orten und die Rettungskräfte gezielter zum Einsatzort lotsen“, hofft Waitzmann. „Hier könnte Gate uns weiter voranbringen.“

Von so viel Hightech ist das Ehepaar Gruber sichtlich beeindruckt, als es sich auf den Abstieg ins Tal macht. Der Sohn hat sie per SMS informiert, dass sich auf den Straßen bereits die ersten Staus bilden, viele haben das schöne Wetter für einen Ausflug in die Berge genutzt. Hans Gruber nimmt es gelassen: „Unser Auto-Navi wird uns schon drumherum lotsen.“ Auch wenn sie den grünen Container auf dem Grünstein immer noch nicht schön finden, auf Satellitennavigation möchten auch die Grubers nicht mehr verzichten.

KATHRIN THOMA-BREGAR

Ein Beitrag von:

  • Kathrin Thoma-Bregar

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