Fluglärm 07.10.2011, 12:06 Uhr

Flughafen Berlin-Brandenburg: Krach um Routenänderung

Es kommt nicht oft vor, dass die Gefühle mit Hochschulprofessoren durchgehen. Im Streit um die Flugrouten des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg ist der Leitung der Hochschule Wildau aber der Kragen geplatzt

Nicht nur die Hüter der Wissenschaft sind aufgebracht. Über zehntausend Bürger laufen gegen den sich abzeichnenden Krach über ihren Köpfen Sturm. Einige Gemeinden fühlen sich wie auch die Wildauer Hochschullehrer betrogen, da die Flugzeuge nie über sie hinweggehen sollten.

Doch im September 2010 korrigierte die Deutsche Flugsicherung plötzlich die Pläne: Viele Maschinen sollen nicht wie ursprünglich bekundet in gerader Linie starten, sondern drei der vier Routen um etwa 15 Grad davon abweichen. Lichtenrade, Teltow, Kleinmachnow und Steglitz-Zehlendorf sowie Potsdam würden dadurch unter Luftverkehr geraten. Die Anwohner fürchten nun den Lärm der Motoren, wenn der Flughafen im Juni 2012 seine Terminals öffnet.

Umweltbundesamt prüft optimale Routenkonstellationen für den Flughafen Berlin-Brandenburg

Das Umweltbundesamt prüft zurzeit, bei welcher Routenkonstellation möglichst wenige Anwohner dem Lärm ausgesetzt wären. Diese Prüfung ist ein Novum bei der Eröffnung eines deutschen Flughafens. Anfang des kommenden Jahres wird die Behörde ihre Ergebnisse vorstellen.

Die Experten berechnen zurzeit anhand der vorgeschlagenen Flugrouten, wie viele Bürger in welcher Lautstärke beschallt werden. Die Zahl der ein- und abgehenden Flüge spielt dafür ebenso eine Rolle wie der Typ der Maschinen: Der Airbus A320 bewegt sich vergleichsweise leise, Frachtmaschinen vom Typ Antonov 124 hingegen lärmen besonders stark. Steigt ein Flugzeug schnell, ist der Krach geringer. Auch ein kleiner Umweg in der Flugroute kann dazu beitragen, einen Teil der Bürger zu entlasten.

„Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung, das die Routen am Ende erlässt, muss aber nicht unbedingt unserer Bewertung der Flugroutenplanung folgen“, stellt René Weinandy, Leiter des Fachgebietes „Lärmminderung im Verkehr“ vom Umweltbundesamt, klar.

Flughafen Berlin-Brandenburg: Anwohner sollen möglichst wenig Fluglärm ausgesetzt sein

„Dass Lärm der Gesundheit schadet, belächeln Luftfahrtsexperten oft“, klagt Deutschlands bekanntester Lärmepidemiologe Eberhard Greiser vom Beratungsunternehmen EpiConsult in Musweiler. Dabei wurde mehrfach gezeigt: Ab 60 dB(A) am Tag sowie ab 50 dB(A) in der Nacht steigt das Risiko für Bluthochdruck und für Herzkreislauferkrankungen signifikant an. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht einem aktuellen Bericht zufolge davon aus, dass Lärm Herzkrankheiten, kognitive Beeinträchtigungen bei Kindern, Schlafstörungen und Tinnitus bedingt.

Fluglärm, als Sonderform des Gehörterrors, erhöht nachweislich das Risiko für Bluthochdruck und Schlaganfall. Die Verschreibung von Herz-Kreislauf-Medikamenten, Blutdrucksenkern, Beruhigungsmitteln und Antidepressiva ist im Umland des Flughafens Köln-Bonn signifikant erhöht, ermittelte Greiser.

Besonders drastisch ist der Effekt bei Menschen, die dem Krawall zwischen 3 Uhr und 5 Uhr nachts ausgesetzt sind. Wenn der Pegel in der Nacht um 10 dB(A) im Bereich von 30 dB(A) bis 60 dB(A) steigt, nimmt das Risiko für Bluthochdruck um 14 % zu, leitet das Umweltbundesamt aus einer internationalen Studie mit rund 5000 Anwohnern der Flughäfen Amsterdam, Athen, Berlin, London, Mailand und Stockholm ab. „Wir fanden auch einen Zusammenhang zu psychischen Erkrankungen, Leukämien, Brustkrebs und Lymphdrüsenkrebs“, ergänzt Greiser. „Dieser muss aber erst noch erhärtet werden.“

Einen Flughafen ohne gesundheitliche Last für die Anrainer gibt es jedenfalls nicht. Deshalb fordert Greiser, keinen Flughafen in Stadtnähe zu errichten: „Es war ein katastrophaler Fehler, dass man sich vor drei Jahren für den Standort Schönefeld und gegen Sperenberg entschieden hat. In diesem Fall wären nur 6000 Menschen vom Fluglärm betroffen; in Schönefeld sind es Hunderttausende.“ Doch bei den Abgeordneten ist dieser Appell verhallt. Weil für Politiker nur Geld zähle, möchte Greiser jetzt die gesundheitlichen Folgekosten der Dauerbeschallung ermitteln: „Dann wird es brandgefährlich.“

Beim Flughafen Berlin-Brandenburg ist mit Blick auf die Gesundheit nur Schadensbegrenzung möglich

Den Anwohnern des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg kann das nicht mehr helfen. Der Standort steht seit Jahren fest. Klagen einiger Bürger wurden abgewiesen. Jetzt ist – mit Blick auf die Gesundheit – nur noch Schadensbegrenzung möglich. Die Flugrouten können so gewählt werden, dass der Lärm möglichst gering ausfällt und möglichst wenige belastet werden.

Ein Nachtflugverbot von 22 Uhr bis 6 Uhr würde das Dröhnen der Motoren zur Schlafenszeit unterbrechen. Der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, hat sich bereits öffentlich dafür ausgesprochen. Der Flughafenbetreiber hofft dagegen auf bis zu 113 Flüge pro Tag, die auch in den Randstunden von 5 Uhr bis 6 Uhr sowie von 22 Uhr bis 24 Uhr abgewickelt werden sollen.

Im schlimmsten Fall bleibt nur dieser Trost: Vom Fluglärm stark betroffene Bürger haben ein Anrecht auf Schallschutzfenster im Schlafzimmer, bezahlt vom Flughafen. Das vermindert das Gesundheitsrisiko, wie Greiser in seinen Untersuchungen am Flughafen Köln-Bonn nachwies.

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