Flugverkehr 02.11.2012, 19:55 Uhr

Flughäfen: Prestigeprojekte oder sinnvolle Investition?

Die SPD-Bundestagsfraktion hat jetzt ein Papier vorgelegt, mit dem sie eine Debatte über den Luftverkehr in Deutschland anregen und den Einfluss des Bundes stärken will. Weil sich manche Regionalflughäfen nicht lohnten, sehen Fachleute den Neu- und Ausbau kleinerer Flughäfen kritisch.

Regionalflughäfen als Entlastung der großen Drehkreuze?

Regionalflughäfen als Entlastung der großen Drehkreuze?

Foto: Düsseldorf Marketing & Tourismus GmbH

„Wir brauchen eine grundsätzliche Diskussion über die Frage, welchen Luftverkehr wir in unserem Land wollen und wie wir ihn in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren organisieren“, begründet Projektkoordinator Sören Bartol den Vorstoß. Der SPD-Politiker und Obmann der Sozialdemokraten im Verkehrsausschuss des Bundestages, hält „viel von einer stärkeren Rolle des Bundes“, um eine deutschlandweite integrierte Flughafenplanung gekoppelt mit anderen Verkehrsträgern zu erreichen. Wichtig seien die Erstellung eines „Flughafennetzplans“ und die Bewertung der volkswirtschaftlichen Auswirkungen einzelner Ausbauprojekte.

Geprüft werden müsse unter anderem, heißt es in dem Papier, ob die freien Kapazitäten an kleineren Standorten zur Entlastung der Drehkreuze genutzt werden könnten und ob eine Verlagerung wirtschaftlich möglich und ökologisch verträglich wäre. An der Rolle der Regionalflughäfen jedoch scheiden sich schon lange die Geister.

Flughafenverband ADV lobt Dialogpapier der SPD

Das Dialogpapier der SPD stelle die richtigen Fragen, lobt der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV, Ralph Beisel. Er verweist auf die polyzentrische Struktur der Bundesrepublik. Deutschland sei letztendlich stark, weil es viele verschiedene Wirtschaftszentren habe, die aber auch ein angemessenes Luftverkehrsangebot brauchten.

Den Regionalflughäfen ordnet er wesentliche Funktionen zu: als Zulieferer für die großen Drehkreuze, als Entlastungs- und Ergänzungsflughäfen, bei Direktverbindungen und nicht zuletzt für die Abdeckung des sogenannten allgemeinen Bedarfs der Luftfahrt wie Geschäftsflieger oder Krankentransporte, die nach seinen Angaben 95 % der in Deutschland registrierten Flugzeugflotte ausmachen.

Die häufig geäußerte Kritik, regionale Flughäfen seien nicht wirtschaftlich, kann Beisel so nicht teilen. „Diejenigen, die international aufgestellt sind, verdienen zumindest ihre Betriebskosten.“ Die Entwicklung in Dresden z. B. zählt nach seiner Ansicht zu den Erfolgsgeschichten. 500 Mio. € seien dort seit der Wende in die Infrastruktur investiert worden. Heute lägen die jährlichen Passagierzahlen bei rund 2 Mio. und es gebe viele Unternehmensansiedlungen, unter anderem ein VW-Werk. Auch der Flughafen Münster/Osnabrück habe mit rund 1,5 Mio. Passagieren pro Jahr „über Jahrzehnte stabil Gewinne erwirtschaftet“, so der ADV-Chef.

Die Bedeutung von Regionalflughäfen stellt auch Eric Heymann von der Researchgruppe der Deutschen Bank nicht grundsätzlich infrage. Betriebswirtschaftlich gesehen seien solche Flughäfen für die meisten Kreise und Städte allerdings kein lohnendes Projekt, der „übergeordnete verkehrswirtschaftliche Nutzen“ sei häufig limitiert. „Daher sehen wir Aus- und Neubauvorhaben bei Regionalflughäfen grundsätzlich kritisch.“

Deutsche Bank hält regionale Flughäfen für „Prestigeobjekte der Regionalfürsten“

Die Analysten der Deutschen Bank warnen seit Jahren vor solchen Projekten, weil sie vorwiegend „Prestigeobjekte der Regionalfürsten“ seien, die kritische Größe zum Erfolg nicht erreichten und Subventionen verschlängen. Vor diesem Hintergrund sollten die politisch Verantwortlichen abwägen, was eigentlich die entscheidenden Standortfaktoren und vor allem ihre Kernaufgaben seien, findet Heymann: „Kitas und Schulen brauchen auch Geld.“

Michael Hoppe, Generalsekretär der Barig, einem Verband von Fluggesellschaften, wird noch deutlicher. Man könne das Geschäft auf regionalen Flughäfen nicht einfach durch Urlaubsflüge in den Süden sichern. Das Jahr habe 52 Wochen, aber außerhalb der Hochsaison fehle den betreffenden Airlines das Passagieraufkommen. „Und wenn ein Flughafen keine stabile Grundauslastung übers Jahr erreicht, dann stellt sich wirklich die Frage, warum man ihn betreiben soll.“

Auch nach Ansicht von Hoppe braucht die Verkehrsinfrastruktur in Deutschland, und damit auch die Flughäfen, ein koordiniertes Vorgehen und vor allem koordinierte Investitionen, „also einen überparteilichen Masterplan“. Der Barig-Chef empfiehlt eine länderbezogene Bestandsaufnahme. Danach könne man entscheiden, wo man Infrastruktur auf- und ausbauen kann: „Überall lokal und in Fragmenten zu arbeiten, ergibt wenig Sinn.“

Ein Blick auf die Diskussionen rund um den Flughafen Frankfurt-Hahn oder den Verkehrslandeplatz Kassel-Calden zeigt, welche Gratwanderung der Ausbau eines Regionalflughafens werden kann. Der Hunsrückflughafen Frankfurt-Hahn gilt eigentlich als positives Beispiel. Doch selbst hier werden nach Angaben von Geschäftsführer Jörg Schumacher nur operativ, das heißt vor Steuern und Abgaben, schwarze Zahlen geschrieben. Hahn nimmt eine Sonderrolle ein, weil die irische Fluggesellschaft Ryan Air hier einen Stützpunkt hat, weil er Deutschlands fünftgrößter Frachtflughafen ist und über eine 24-Stunden-Genehmigung verfügt. Fast 3 Mio. Passagiere waren es 2011 – trotz Einführung der Luftverkehrssteuer.

Ausbauprojekt Flughafen Kassel-Calden ist umstritten

Die Rentabilitätsfrage stellt sich auch in Kassel-Calden. Das Ausbauprojekt in Nordhessen ist vor allem umstritten, weil die Ausbaukosten von 2008 bis 2011 von 151 Mio. € auf 271 Mio. € gestiegen sind. Kritiker sprechen von einem „Millionengrab“. Das Gros der finanziellen Last übernimmt das Land Hessen als Mehrheitsgesellschafter, gefolgt von Stadt und Landkreis Kassel sowie der Gemeinde Calden. Neben der Abwicklung von Urlaubs- und Geschäftsflügen ist eines der Hauptargumente für den Ausbau die Förderung der regionalen Wirtschaft.

Im April 2013 soll der neue Flughafen in Betrieb gehen.

Die Passagierzahlen sind bisher allerdings überschaubar. 253 000 Fluggäste sollen nach Angaben von Geschäftsführerin Maria Muller im nächsten Jahr hier abfliegen, 410 000 im Jahr 2014 und 1 Mio. im Jahr 2042. Erst einmal prognostiziert Muller aber eine „Durststrecke“. In der Regel schreibe kein Regionalflughafen auf lange Zeit schwarze Zahlen, sagt die Geschäftsführerin. Solche Defizite müssten ausgeglichen werden. Regionalflughäfen würden in vielen Gegenden mit viel Steuergeldern unterstützt, beobachtet auch Sören Bartol. In Zeiten der Schuldenbremse, vermutet der SPD-Experte, könnten sich die Länder solche Förderungen nicht mehr leisten. 

Von Jutta Witte

Stellenangebote im Bereich Luft- und Raumfahrt

Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Entwicklungsingenieur Mechanik/Mechatronik (m/w/x) Oberkochen
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH-Firmenlogo
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH Projektmanager Entwicklung Luftfahrtgeräte (m/w/d) Fürstenfeldbruck
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH-Firmenlogo
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH Senior Systemingenieur (m/w/d) Fürstenfeldbruck
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH-Firmenlogo
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH Systemingenieur Avionik (m/w/d) Wurster Nordseeküste, Nordholz
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH-Firmenlogo
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH Systemspezialist Luftfahrtlogistik/-instandsetzung (m/w/d) Fürstenfeldbruck
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH-Firmenlogo
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH Technische Projektunterstützung für Marinehubschrauber (m/w/d) Nordholz
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH-Firmenlogo
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH Systemingenieur Hubschrauber (m/w/d) Fürstenfeldbruck
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH-Firmenlogo
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH Technical Representative Product Support (m/w/d) Fürstenfeldbruck
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH-Firmenlogo
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH Systemingenieur Technisch-Logistische Betreuung Bodendienst-und Prüfsysteme (m/w/d) Fürstenfeldbruck
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH-Firmenlogo
ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH Qualitätsmanager Software (m/w/d) Donauwörth

Alle Luft- und Raumfahrt Jobs

Top 5 Raumfahrt