Luftfahrt 16.02.2007, 19:26 Uhr

Erst an der Bar macht Fliegen richtig Spaß  

VDI nachrichten, Toulouse, 16. 2. 07 , moc – Deutlich später als geplant wird der neue Airbus A380 an die Fluggesellschaften ausgeliefert – in diesem Jahr nur einer anstelle der ursprünglich geplanten 25. Jetzt hat Airbus schon einmal einen Vorgeschmack davon gegeben, wie das Fliegen mit der A380 in Zukunft aussehen könnte und die ersten Journalisten mit auf eine Reise nach Südfrankreich genommen. Die Bar an Bord wurde schnell zum Zentrum des Interesses.

John Leahy hat es ganz schön eilig. Aus dem Bauch der riesigen Maschine drängelt er nach vorn, vorbei an den Passagieren, die darauf warten, dass die Eingangstür des Airbus A380 aufgeht. An der Tür angekommen, setzt der Airbus-Verkaufschef sein breitestes Grinsen auf und schüttelt jedem Einzelnen, der die Maschine verlässt, die Hand.

Leahys Geste zeigt, dass Airbus einiges gut zu machen hat. Eigentlich sollte das größte Passagierflugzeug der Welt, die A380, längst fliegen. Erstkunde Singapore Airlines hatte vor Jahren schon Kappen mit der Aufschrift „First to fly A380“ verschenkt.

Doch daraus wurde nichts. Immer neue Pannen verzögerten die Auslieferung, der Imageschaden war nicht mehr abzuwenden. Die A380 wurde immer weniger das „Flaggschiff des 21. Jahrhunderts“, wie es die Airbus-Marketingstrategen einst formulierten, sondern drohte zum Sinnbild einer verfehlten Unternehmensstrategie zu werden, zum Milliardengrab, das Tausende von Arbeitsplätzen gefährdet.

Da musste Airbus gegenhalten und lud gut 200 Medienvertreter auf einen Rundflug über Toulouse ein.

Es ist kurz nach 12 Uhr und eigentlich würde Peter Chandler jetzt gerne losrollen. Doch in der riesigen Kabine der A380 ist die Hölle los. Die meisten der 200 Passagiere denken gar nicht daran, sich hinzusetzen und anzuschnallen. Stattdessen laufen sie herum, probieren die Sitze aus, drücken auf Knöpfe, schauen sich die Toiletten an oder laufen einfach nur die Treppen, die die beiden Stockwerke der A380 miteinander verbinden, rauf und runter.

Mehrmals muss Kapitän Chandler mahnen, bis Ruhe eintritt. Dann legt er ab vom eigens für die Auslieferungen gebauten Terminal am Flughafen Toulouse.

Etwa 370 t wiegt die A380 mit der Seriennummer MSN 007 an diesem Tag. Das ist enorm für ein Flugzeug, und doch nichts für den neuen Mega-Airbus: Sein maximales Startgewicht liegt bei 570 t. Heute aber hat er nur gut 40 t Sprit an Bord, für den geplanten Flug, zwei Stunden Sightseeing über dem Süden Frankreichs, reicht ein Bruchteil des Kerosins, das für einen Langstreckenflug nötig wäre.

Chandler ist ein erfahrener Mann auf der A380, sein Co ist der deutsche Testpilot Wolfgang Absmeier. Er rollt zur Startbahn und gibt Gas, nach erstaunlich kurzer Zeit hebt sich die Nase des Flugzeuges und Augenblicke später löst sich auch das Hauptfahrwerk vom Boden.

Es ist deutlich spürbar, wie viel Masse sich da durch die Luft bewegt, als die Maschine ruhig durch die Wolken steigt. Sie bleibt kurz auf 15 000 Fuß Höhe, bis ein kleiner Business Jet neben ihr auftaucht: Darin sitzt ein Fotograf und knipst für Airbus Werbebilder.

Wenig später steigt Chandler auf 40 000 Fuß, die Reiseflughöhe. Er löscht die Anschnallzeichen, an die sich ohnehin kaum noch jemand hält. Zeit für die nächsten Erkundungstouren.

Airbus hat in diesen Prototypen eine Kabine mit 519 Sitzen und ohne besonderen Luxus eingebaut, obwohl die A380 einst Inbegriff des eleganten und angenehmen Reisens werden sollte.

Doch selbst die eher spartanische Innenausstattung lässt erahnen, dass sich zumindest die Passagiere der First und Business Class auf neue Zerstreuungen freuen können.

So hat Airbus im Eingangsbereich und zwischen den einzelnen Sitzklassen kleine Bars eingebaut, im Oberdeck gibt es Sitzecken mit Sofas. Flugbegleiter von Air France und Lufthansa sind an Bord, schenken an den Bars Wasser, Wein und Champagner aus, so macht das Fliegen richtig Spaß. Bald ist ein Durchkommen an den Bars kaum noch möglich. So in etwa hatten es sich die Airbus-Marketingleute wohl vorgestellt, wenn sie von einer neuen Qualität des Reisens sprachen.

Wenn nur jetzt kein Luftloch kommt.

Als Pan American Airways 1970 die Boeing 747 zwischen New York und London in den Liniendienst einführte, bot die Airline im kurzen Oberdeck ebenfalls eine Bar an – damals eine Sensation und Inbegriff des Luxus.

Bald jedoch verschwand die fliegende Lounge zugunsten von Sitzen für mehr Passagiere, doch die Idee hat sich über die Jahrzehnte gehalten. Virgin Atlantic hat die Bars wieder eingeführt und auch andere Airlines bieten Theken an, die man mit etwas gutem Willen als Bars bezeichnen könnte.

Doch bei der A380 wird die Bar wohl endgültig ihre Renaissance erleben.

Wie das Innere der Flugzeuge im Linieneinsatz aussieht, ist natürlich allein Sache der Fluggesellschaften. Sie alle hüten ihre Pläne wie Staatsgeheimnisse. Bei Singapore Airlines, die im Oktober endlich die erste Maschine bekommen soll, bei Emirates oder Lufthansa sind auch intern nur wenige in diese Pläne eingeweiht.

Doch viele Gesellschaften haben angekündigt, mit der Einführung der A380 vor allem ihre First- und Business Class aufzupäppeln. Etihad Airways aus Abu Dhabi plant angeblich eine Art Restaurant im Heck des Fliegers.

Auffällig leise brummt der Flieger derweil in Richtung Pyrenäen. Ruhig liegt er in der Luft – ein wichtiger Komfortfaktor auf langen Flügen.

Alle, die in der Economy Class sitzen, werden allerdings auch feststellen, dass selbst in der A380 Fernreisen lang werden können. Airbus rechnet zwar vor, dass es pro Passagier mehr Platz gibt als bei jedem anderen Flugzeug. Doch wie viele Sitze in die Kabine wirklich eingebaut werden, ist ebenfalls Sache der Fluggesellschaften. Und weil die Kabinendecke in dem Doppeldecker relativ niedrig ist, entwickelt sich zumindest in der Economy Class kein Gefühl großzügigen Raumes.

Trösten kann man sich aber auch als Economy-Passagier mit einigen netten Neuheiten. Auf dem Seitenleitwerk ist eine nach vorne gerichtete Kamera angebracht, auf die man sich auch am eigenen Bildschirm aufschalten kann. Da kann man dann sehen, wie die A380 in die Wolken taucht oder über den Flughafen rollt.

Immer wieder dreht Chandler riesige Kreise über Südfrankreich, viel zu sehen ist durch die dicken Wolken allerdings nicht. Doch wen interessiert das schon bei einem solchen Flug?

Dann nimmt der Pilot wieder Kurs auf Toulouse und bittet einige Gäste auf die drei Sitze, die hinten im Cockpit angebracht sind. Für Unterhaltung ist kaum Zeit, denn Chandler hat jetzt viel zu tun. Schon ist die Landebahn zu sehen und vorsichtig bewegt Chandler den Joystick, mit dem er die A380 lenkt. Die Nase des Flugzeuges hält er stark nach links in den Wind, mit bis zu 30 Knoten bläst der Seitenwind und die berüchtigten Fallwinde in Bodennähe können die Flugzeuge schnell absacken lassen. Bis zu 45 Knoten ist die A380 zwar zugelassen, aber auch jetzt wackelt es schon ganz ordentlich. Doch A380-Routinier Chandler bleibt gelassen und setzt den Flieger trotz aller Turbulenzen sicher auf.

Ein paar der Passagiere sind etwas blasser um die Nase als der Flieger endlich steht, und mancher mag sich gedacht haben, dass das ja jetzt typisch sei für Airbus als Firma, das mit den Turbulenzen.

Aber da streckt ihnen auch schon John Leahy am Ausgang die Hand entgegen. Zwar gibt der Airbus-Verkaufschef ohne Umschweife zu, dass „wir das kleine Problem haben, das Flugzeug nicht rechtzeitig bauen zu können“, aber „das Warten lohnt sich“.

JENS FLOTTAU

Ein Beitrag von:

  • Jens Flottau

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