Luftfahrt 26.08.2011, 12:08 Uhr

Endspurt für den Flughafen Berlin Brandenburg

Zehn Monate haben die Bautrupps noch Zeit, dann muss der neue, 2,5 Mrd. € teure Berliner Großflughafen funktionieren. Am Abend des 2. Juni 2012 sollen die letzten Passagiere in Tegel und dem alten Schönefelder Terminal einchecken. Am 3. Juni 2012 soll vom neuen Flughafen Berlin Brandenburg die erste Maschine abheben. Chefplaner Manfred Körtgen hat den VDI nachrichten Europas größte Baustelle gezeigt.

Autobahnausfahrt „Flughafen Berlin Brandenburg“ auf der A 113 südöstlich von Berlin: „Ich brauche jetzt morgens um 7:30 Uhr über die Stadtautobahn nur noch eine halbe Autostunde“, freut sich Manfred Körtgen über die kürzlich eröffnete neue Ausfahrt. Der promovierte Diplomingenieur und Architekt leitet als Geschäftsführer Betrieb das Großprojekt rund um den neuen Flughafen für die Hauptstadtregion.

Seit dem Startschuss für den Flughafen Berlin Brandenburg sind 15 Jahre vergangen

Eine schwierige Geburt: Bereits 1996 fiel der Beschluss für den neuen Airport, seither sind 15 Jahre vergangen. Mit „mehr Abs als Aufs in der Frühzeit des Projektes“, resümiert der 58-Jährige. Nach der gescheiterten Privatisierung holte man ihn vom Düsseldorfer Flughafen. Er hat dort nach dem Brand 1996 den Aus- und Umbau geleitet und stampft nun seit sieben Jahren das Großprojekt aus dem märkischen Boden.

„Ich bin Berufsoptimist und Planungsfan“, sagt Körtgen auf dem 2 km langen Weg zum neuen Terminal. Ein Blick durchs Autofenster gibt einen Eindruck von der Dimension dieser Flughafenstadt mit den beiden parallel nutzbaren Start- und Landebahnen. 1500 ha groß ist die Fläche. Das entspricht der Größe von 2000 Fußballfeldern.

Ein kurzer Stopp für die Sicherheitskontrolle. Körtgen ist hier bestens bekannt. Zusammen mit seinem 70-köpfigen Planungsteam steuert er allein für das neue Terminal über 140 Planungsbüros, dazu kommen Hundertschaften an Ingenieuren für den Hoch- und Tiefbau, für die Statik, die Grünflächenplanung und vieles mehr: „3500 Bauarbeiter und Ingenieure passieren hier täglich die Kontrolle“, sagt er.

Hinter riesigen Sandbergen tauchen plötzlich Gleise nebst Oberleitungen und Signalen auf. Sie führen direkt auf das neue Terminal zu. Aus der Ferne erinnert dessen mächtige Glasstahlkonstruktion an die Berliner Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe – nur erheblich größer. 220 m ist das Terminal lang, 180 m breit und 32 m hoch. Allein dafür wurden 30 000 t Stahl verbaut.

Noch ist das u-förmige Terminal mit seinem 720 m langen Hauptpier und den 16 Fluggastbrücken von Kränen umstellt. Die Parkhäuser mit 10 000 Parkplätzen und ein Mietwagencenter sind noch im Rohbau. In einer weit geschwungenen Kurve geht es vorbei am 350 m langen Nordpier.

Air Berlin will den neuen Flughafen Berlin Brandenburg als Drehkreuz nutzen

Hier sollen künftig den Billig-Airlines wie Easyjet zwölf Positionen zur Verfügung stehen. Fluggäste laufen an dieser Stelle weiter über das Vorfeld zum Flugzeug. Gegenüber liegt das Südpier mit neun Fluggastbrücken. Hier wird die zweitgrößte bundesdeutsche Fluggesellschaft Air Berlin einziehen, die demnächst der Luftfahrtallianz „One World“ beitritt und den neuen Flughafen als Drehkreuz für Umsteigeverkehre in alle Welt nutzen will.

„Damit haben wir eine Eröffnungskapazität von 27 Mio. Passagieren jährlich“, sagt Körtgen, während er unter dem weit ausladenden Terminaldach parkt. Zu Fuß geht es in das sechsstöckige Gebäude, wo noch kahle Betonwände dominieren, aus denen die Elektrokabel lose ins Nichts baumeln. Doch es ist bereits alles erkennbar, was einen Flughafen ausmacht: Probekoffer sind an den acht Check-in-Inseln mit insgesamt 94 Schaltern gestapelt, Förderbänder liegen davor und warten auf ihren Einbau.

Seit dem vergangenen Winter wird im Schichtbetrieb die Haupthalle ausgebaut. Schon damals funktionierte die Heizung. Möglich machen das Energiezentralen, die Wärme, Kühlung und Strom über Blockheizkraftwerke, kombiniert mit einem Gasnetz, liefern. E.on Edis hat den Versorgungsauftrag für 15 Jahre erhalten.

Rund zwei Dutzend Bauarbeiter verlegen hier im Flutlicht Natursteinböden. Körtgen weist auf den darunter installierten Heiz-Kühl-Boden hin, der Teil eines ausgeklügelten Wärmerückgewinnungssystems ist. Unter dem Natursteinbelag liegen dünne Heizungsrohre in Schlangenlinien, die bei Bedarf heizen oder kühlen können. Die genutzte Erdwärme kommt mit konstanten 10 °C aus dem Boden weit unter dem Terminal und wird je nach Bedarf per Wärmepumpen angehoben.

Vier Ebenen tiefer als das Terminal liegt der sechsgleisige Bahnhof. „Er ist auf 1300 Bohrpfählen errichtet und steht permanent 9 m im Grundwasser“, betont Körtgen. Jeweils zwei Gleise stehen für den Regionalverkehr sowie den Intercity zur Verfügung. Auch die 8 km lange S-Bahn-Strecke vom Bahnhof Schönefeld über die neue S-Bahnstation „Waßmannsdorf“ bis zum Flughafen ist fertig und endet hier. Geplant sind ein 10-min-Takt und ein 15-min-Takt für den Airport-Express.

Körtgen passiert eine der insgesamt 30 noch imaginären Sicherheitsschleusen, die zur Eröffnung zur Verfügung stehen werden. „Im vergangenen Jahr mussten wir die Planung ändern, weil die Europäische Union ab 2013 wieder Flüssigkeiten im Handgepäck zulassen will“, sagt der Cheftechniker. Das bedeutet aber eine andere Sicherheitstechnik, um Gefahrstoffe in Flüssigkeiten aller Art zu identifizieren. Die neuen Schleusentypen seien doppelt so breit und viermal so schwer wie derzeitige Modelle.

Deshalb werden bis 2013 nördlich und südlich des Terminals zwei 600 m² große Pavillons gebaut, die weitere zwei Check-ins mit 24 Schaltern und sechs Sicherheitsschleusen beherbergen, um pro Stunde insgesamt 5500 Passagiere abfertigen zu können. Hier sei dann auch Platz für die Ganzkörperscanner. Auch wenn deren Einführung noch in den Sternen steht.

„Vom Fliegen allein kann keiner mehr leben“

Hinter den Sicherheitsschleusen reihen sich auf einer Fläche von 20 000 m² die noch rohen Parzellen für 150 Geschäfte und Restaurants aneinander. Körtgen will wie alle Flughafenchefs bis zu 50 % der Erlöse mit dem sogenannten „Non-Aviation-Geschäft“ machen. Denn: „Vom Fliegen allein kann keiner mehr leben.“

Weit gediehen ist der Bau bereits an der Stirnseite des Hauptpiers. Beim Blick über das Areal ist der 72 m hohe Tower zu sehen. Derzeit installiert die Deutsche Flugsicherung die Technik. 15 doppelstöckige Fluggastbrücken, über die getrennte Ein- und Ausstiege möglich sind, sind bereits fertig. Eine der Brücken ragt besonders weit ins Vorfeld. Hier könnte der Airbus 380 andocken – wenn er denn tatsächlich einmal in Berlin Brandenburg landen wird.

Doch Körtgen rastet nicht. Er ist schon unterwegs in den Bauch des neuen Flughafens zur „Achillesferse“. Stolz präsentiert er die rund 10 km lange, computergesteuerte Gepäckförderanlage, die pro Stunde maximal 15 000 Koffer transportieren kann. Jedes einzelne Gepäckstück kommt auf eine der Transporttafeln und wird auf die Zehntel Sekunde genau je nach Destination elektrisch abgeworfen.

Infrarot hilft bei der Erkennung, wohin die Reise gehen soll. Die berührungslose Funktechnik RFID sei noch zu teuer und international an Flughäfen wenig verbreitet. Körtgen bedauert zudem, dass Roboter nicht den Knochenjob der Gepäckträger am Band übernehmen können – sie seien noch nicht serienreif.

Intern wird die neue Gepäckförderanlage bereits kräftig getestet. Probepassagiere sollen ihre Koffer möglichst schnell an einer der acht Gepäckausgaben bekommen.

10 000 Komparsen sollen den Flughafen Berlin Brandenburg auf Herz und Nieren testen

Ab Januar kommenden Jahres testen dann 10 000 Komparsen den Flughafen auf Herz und Nieren, damit am 3. Juni 2012, dem geplanten Eröffnungstag, alles reibungslos funktioniert.

„Der Terminplan ist ehrgeizig, wir können uns nicht zurücklehnen, aber alle Prozesse, einschließlich der Umzugsnacht vom 2. auf den 3. Juni, sind aufgesetzt“, sagt der Chefplaner – wieder im Auto auf dem Weg Richtung altem Flughafen-Schönefeld – und er strahlt dabei vor allem Ruhe aus.

Ein gutes Stück vom Schönefelder Flugbetrieb entfernt liegt Körtgens Büro in einem beschaulichen Backsteinensemble. Hier saß die Geschäftsleitung des Flughafens Schönefeld bereits zu DDR-Zeiten, hier sitzt auch jetzt die Geschäftsführung der Berliner Flughäfen.

Zwei große Farbfotos schmücken die Wände seines Arbeitsplatzes. Beide zeigen den Düsseldorfer Flughafen. Dort hat Körtgen eine recht reibungslose Inbetriebnahme in der Nacht vom 29. auf den 30. Juni. 2001 erlebt. Berlin sei jedoch eine andere Dimension.

Es gehe um zwei Umzüge. Einer von Tegel über die A 100 Richtung Süden und ein zweiter von Schönefeld-Nord. Körtgen hofft, dass jeder in der Region mitspielt. Bereits vor einem Jahr habe er die Berliner Verkehrssenatorin um eine baustellenfreie Stadtautobahn Richtung Süden gebeten.

Und: „Es ist ein komplett neuer Flughafen in der Bundeshauptstadt und dann noch der letzte, der in der Republik gebaut wird.“ Körtgen musste den Eröffnungstermin schon einmal verschieben. Vom 30. Oktober dieses Jahres auf Anfang Juni 2012.

Niemand kann derzeit abschätzen, ob es dieses Mal klappt. Doch Körtgen steht bereits vor dem aktuellen Luftbild des neuen Flughafens und erklärt, wie der „modernste Flughafen Europas“ für bis zu 45 Mio. Passagiere ausgebaut werden kann. Wann, vermag auch der Chefplaner nicht zu sagen. Doch: „Dies ist dann ein neues Projekt, die Zukunft ist gesichert.“

Von Nikola Wohllaib

Stellenangebote im Bereich Luft- und Raumfahrt

NORD-MICRO GmbH & Co. OHG-Firmenlogo
NORD-MICRO GmbH & Co. OHG Ingenieur (m/w/d) Obsoleszenz-Management Luftfahrtindustrie Frankfurt am Main
HENSOLDT-Firmenlogo
HENSOLDT Projektleiter (m/w/d) Ground Support Stations Immenstaad
NORD-MICRO GmbH & Co. OHG-Firmenlogo
NORD-MICRO GmbH & Co. OHG System-Entwickler / System-Ingenieur (m/w/d) Entwicklung / Kabinendruckregelsysteme Frankfurt am Main
Pankl - APC Turbosystems GmbH-Firmenlogo
Pankl - APC Turbosystems GmbH Entwicklungsingenieur für Turbolader und innovative Aufladesysteme (m/w/d) Mannheim
NORD-MICRO GmbH & Co. OHG-Firmenlogo
NORD-MICRO GmbH & Co. OHG Ingenieur als Projektleiter (m/w/d) Entwicklung Frankfurt am Main
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V (DLR)-Firmenlogo
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V (DLR) Ingenieur/in Maschinenbau, Luft- und Raumfahrttechnik – Forschungs-, Entwicklungs- und Testarbeiten in der Abteilung Mechanik- und Thermalsysteme Bremen
BAM - Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung-Firmenlogo
BAM - Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung Wissenschaftliche/r Mitarbeiter/in (m/w/d) Berlin-Steglitz
HENSOLDT-Firmenlogo
HENSOLDT System Architekt (w/m/d) für Maritime Airborne Warfare System (MAWS) Immenstaad, Ulm
Carl Zeiss AG-Firmenlogo
Carl Zeiss AG Allrounder im Anlagenbau (m/w/x) Oberkochen

Alle Luft- und Raumfahrt Jobs

Top 5 Raumfahrt