Satelliten 06.01.2006, 18:42 Uhr

Ein neuer Stern über Europa  

Das Satellitennavigationssystem Galileo. Noch in diesem Jahr wird der zweite Satellit ins All geschickt, 2011 dürfte das gesamte Projekt einsatzbereit sein.

Selbst größere Technologieprojekte finden eher selten Eingang in Koalitionsverträge – doch das Galileo-Projekt kommt gleich gleich zweimal im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung vor: Denn das europäische System von 30 Navigationssatelliten soll als „innovatives Leuchtturmprojekt“ auch die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands steigern. Dafür will die Bundesregierung „die Unternehmen in Deutschland bei der Entwicklung von nutzerorientierten Dienstleistungen durch geeignete Rahmenbedingungen unterstützen“. Bis dahin ist der Weg allerdings noch weit.

Ende letzten Jahres wurde ein erster Galileo-Testsatellit, Giove A, ins All geschickt. Er soll die Nutzung der von der Internationalen Fernmeldeunion ITU zugewiesenen Frequenzen sichern, das Strahlungsumfeld der zukünftigen Galileosatelliten in 23 260 km Höhe untersuchen und erste Signale zur Erde senden.

An Bord hat der Satellit Rubidium-Uhren, so genau, dass sie in Tausenden von Jahren gerade mal eine Sekunde vor- oder nachgingen.

In der zweiten Hälfte dieses Jahres soll dann ein weiterer Test-Satellit ins All geschossen werden, mit zwei noch präziseren Atomuhren an Bord, so genannten Wasserstoff Masern (PHM). Solche Atomuhren werden auch auf den übrigen Galileo-Satelliten ihren Dienst tun.

Arbeiten diese beiden Satelliten zufrieden stellend, folgen die ersten vier operationellen Satelliten, mit denen die Zusammenarbeit von Satelliten und Bodenstationen ausgetestet wird. Damit ist die Etappe der orbitalen Validierung (IOV) des Galileo-Systems abgeschlossen.

Dann beginnt die Phase des Ausbaus. Diese ist vor allem Aufgabe der Industrie, die den Bau der restlichen Satelliten in Auftrag geben muss. Diese Aufbauphase soll gut 2,1 Mrd. € kosten, von denen die Industrie zwei Drittel übernehmen muss, der Rest kommt von der EU. Sind alle Satelliten im All, wird ein europäisches Industriekonsortium Galileo betreiben. Vor 2011 ist damit aber nicht zu rechnen.

Das komplette Navigationssystem wird aus 30 Satelliten bestehen, die auf drei Bahnen, jeweils in einem Winkel von 56° zum Äquator, um die Erde kreisen.

Das europäische Galileo-System soll mit dem amerikanischen GPS-System und dem russischen Glonass-System kompatibel sein. Die Genauigkeit dürfte bei mindestens 4 m liegen, je nach Anwendung aber bis in den Zentimeterbereich sinken und damit wesentlich genauer sein als das gegenwärtige GPS-System.

Zudem soll das Galileo-Signal in geschlossenen Räumen, engen Straßen und unter Bäumen einwandfrei empfangbar sein.

Doch dies sind nicht die einzigen Unterschiede zum amerikanischen GPS. Das europäische Galileo-System ist ein vor allem ziviles System, von einem Industriekonsortium betrieben. Und es ist damit ein kommerzielles System – der Nutzer wird für die angebotenen Dienstleistungen zahlen müssen.

Für Galileo dürfte das die eigentliche Hürde werden.

Fünf unterschiedliche Signale werden die Galileo-Satelliten anbieten (siehe Kasten).

Das Signal für den Massenmarkt ist zwar grundsätzlich kostenlos, aber auch mit diesem Signal soll Geld verdient werden. Denkbar ist etwa ein Galileo-Chip, der in Handys eingebaut wird und so dem Nutzer ermöglicht, das Handy auch als Ortungs- und Navigationsgerät zu nutzen. Für so einen Chip würde dann z. B. der Handy-Hersteller eine Lizenzgebühr an den Hersteller des Galileo-Chips zahlen. Denkbar ist auch, dass bestimmte Anbieter von Gütern oder Dienstleistungen ihre Angebote auf den Handy-Schirm senden, sobald sich Handy samt Besitzer in ihrer Nähe befinden.

Mit einem solchen Galileo-Chip im Handy ließe sich auch ein Such- und Rettungs-Signal senden, etwa bei einem Unfall. Über diese Funktion bekommt der Verunglückte dann auch ein kurzes Rücksignal, damit er weiß, dass Hilfe auf dem Weg ist.

Einer der vermutlich interessantesten Märkte für GPS wird der Transportmarkt sein. Hier kommen vor allem kommerzielle Nutzer ins Spiel, die ein verschlüsseltes Signal erhalten, für das sie bezahlen. Denkbar ist hier das Verfolgen von Gütertransporten bis hin zur Galileo-gesteuerten Navigation von Flugzeugen.

Kunden wie Fluggesellschaften erhalten zusätzlich zu ihrem Navigationssignal ein Referenzsignal, das ihnen die Zuverlässigkeit ihres Navigationssignals bestätigt.

Denkbar sind auch Anwendungen in der Landwirtschaft, etwa das satellitengesteuerte Versprühen von Pflanzenschutzmitteln oder die Kontrolle von Erntemaschinen. Dazu kommen Anwendungen im Freizeitbereich, etwa das Navigieren über Handys mit Galileo-Chip bei Wanderungen in unwegsamem Gelände.

Zugleich aber setzen die zukünftigen Betreiber des Galileo-Systems bei ihren Gewinnkalkulationen auch auf die öffentliche Hand. Diese kann und soll Galileo für hoheitliche Aufgaben einsetzen – etwa die Galileo-gesteuerte Erhebung von Autobahngebühren oder für Navigationsaufgaben im militärischen Konfliktfall.

Für solche Anwendungen steht das PRS-Signal zur Verfügung (siehe Kasten).

Völlig offen ist derzeit, wie hoch der Anteil der öffentlichen Hand am Geschäft der Galileo-Betreiber sein wird.

Genauso unklar ist, wie die internationalen Partner von Indien bis Marokko sich am Galileo-System beteiligen. Die Tatsache, dass Länder wie China eigene Hardware zu den Satelliten beisteuern wollen, sorgt nicht nur für Freude. “ Was nützt es uns, wenn wir irgendwann chinesische Hardware auf dem Hof stehen haben, und sie nur mit größter Mühe und viel Nacharbeit in unsere Satelliten integrieren können, so ein europäischer Industrievertreter.

Von Wolfgang Mock

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