Luftfahrt 23.04.1999, 17:21 Uhr

Die Trägheit des Systems überwinden

Der Koordinator für die Luft- und Raumfahrt der Europäischen Kommission, Herbert J. Allgeier, fordert eine „virtuelle Nasa“ für die Luftfahrtforschung der europäischen Länder.

VDI nachrichten: Die EU-Kommission hat sich zu einer deutlichen Aufstockung der Luftfahrtforschung auf insgesamt 700 Mio. Euro (1,36 Mrd. DM) für die Jahre 1999 bis 2002 entschlossen. Und das, obwohl Branchenförderung in der EU-Kommission lange kein Thema war.
Allgeier: Wir waren in dieser Frage vielleicht etwas scheinheilig.Wir wollten immer die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie stärken, aber Forschungsförderung nur im vorwettbewerblichen Bereich zulassen. Das macht wenig Sinn.
VDI nachrichten: Was hat die Position der Europäischen Kommission verändert?
Allgeier: Bei der Luftfahrt haben wir uns auf europäischer Ebene langsam zu der Ansicht durchgerungen, daß wir angesichts der Marktmacht der USA und deren Willen zur Dominanz reagieren müssen. Da hat sich ein politischer Druck aufgebaut.
VDI nachrichten: Um angesichts der US-Übermacht im Flugzeugbau nicht ganz von der Bildfläche zu verschwinden?
Allgeier: Genau, wenn es auch letztlich Aufgabe der Industrie ist, wettbewerbsfähig zu bleiben. Aber der Staat muß für einen fairen Wettbewerb sorgen. Wir haben unser Engagement gezeigt, als die Kommission die Fusion von McDonnell Douglas und Boeing untersucht hat. Und es zeigte sich, daß die USA mindestens das Doppelte an öffentlichen Mitteln für die Förderung der Luftfahrt ausgibt wie die EU-Staaten.
VDI nachrichten: Im Verhältnis dazu sind selbst die 700 Mio. Euro der Kommission ja auch nur ein kleiner Beitrag.
Allgeier: Aber ein Signal. Wir müssen in Europa unsere Systemkompetenz erhalten, d.h. unter anderem, ein eigenes Luftfahrtkontrollsystem und eigene Transportsysteme. An dem Tag, an dem wir keine kompletten Flieger mehr bauen und damit im Gesamtsystem Luftfahrt nicht mehr präsent sind, verlieren wir als Europäer die Freiheit, dieses System – von der Sicherheit bis hin zur Technologie – mitzugestalten. Diese Erkenntnis wächst langsam.
VDI nachrichten: Deutsche Politiker reagieren da ganz anders. Für den deutschen Wirtschaftsminister ist die Erhöhung der Brüsseler Fördermittel Anlaß, über die Kappung der nationalen Luftfahrtforschung nachzudenken nach dem Motto: Es gibt ja jetzt mehr Geld von der Kommission.
Allgeier: Das ist ein normaler politischer Reflex. Aber wenn wir uns schon entschieden haben, daß wir eine leistungsfähige europäische Luftfahrtindustrie brauchen, dann müssen wir uns auch einig sein, daß nicht alles nur mit Geld aus Brüssel machbar ist. Hier sollten die interessierten Länder Flagge zeigen.
VDI nachrichten: Noch tun sich Luftfahrtindustrie samt ihrer Forschungseinrichtungen aber sehr schwer, eine gemeinsame europäische Linie zu finden.
Allgeier: Die Luftfahrtforschung wurde ja auch lange aus der europäischen Forschungsförderung rausgehalten, weil die Nationen es so wollten. Erst jetzt wächst der Bedarf auch nach EU-Koordination.
VDI nachrichten: Es besteht ja auch mehr Handlungsbedarf.
Allgeier: Angesichts der Konzentrationsbewegung in der US-Luftfahrtbranche muß sich Europa jetzt bewegen. Doch die 700 Mio. Euro für die Luftfahrtförderung können nur der erste Schritt sein.
VDI nachrichten: Und was sind die anderen Schritte?
Allgeier: Ziel kann nicht sein, nur Geld auszugeben. Wir haben noch immer sieben nationale Luftfahrtforschungszentren und sieben nationale Luftfahrtforschungsprogramme in Europa, da fließt viel Geld in parallele Projekte. Mehr Geld allein löst also die Probleme nicht. Wir brauchen mehr Kohärenz bei den nationalen Programmen, mehr Synergien.
VDI nachrichten: Wie soll das klappen?
Allgeier: Wir müssen jetzt den Mut haben, Zwänge zu erzeugen. Wir sollten unsere Mittel einsetzen, um die Landschaft zu verändern.
VDI nachrichten: Das System ändert sich aber nicht von allein.
Allgeier: Wir brauchen ein sichtbares Zeichen, um die Trägheit des Systems zu überwinden. Ich denke da an eine Art „virtuelle Nasa“ für die Luftfahrtforschung, ein Büro für die Koordination und die strategische europäische Forschungsplanung, das von den nationalen wissenschaftlichen und politischen Autoritäten der interessierten EU-Länder getragen wird.
VDI nachrichten: Schaffen Sie nicht nur eine neue Institution?
Allgeier: Etwas Vergleichbares gibt es bisher nicht.Dieses Office muß den Auftrag haben, die europäischen Forschungsziele in der Luftfahrt zu koordinieren. Ideal wäre eine Initiative, die sowohl von der Kommission wie von der Industrie getragen wird. Mehr als 20 Mio. Euro wird ein solches Projekt nicht kosten. Was hat denn Airbus zu Beginn gemacht? Die Partner haben ein gemeinsames Büro eröffnet, gemeinsame Strategien formuliert.
VDI nachrichten: Dieses Office sollte auch über den Einsatz der 700 Mio. Euro für die Luftfahrtforschung entscheiden?
Allgeier: Es sollte darauf achten, daß das Geld im Rahmen der formulierten Ziele der gemeinsamen Strategie ausgegeben wird. Wir haben nur zwei Möglichkeiten: Entweder Industrie und Forschungseinrichtungen können sich einigen, und wir setzen das Geld erfolgreich ein, oder wir machen so weiter wie bisher, aber dann wird sich wenig ändern. Nur eines ist sicher: Wenn wir mit diesen 700 Mio. Euro keine sichtbaren Erfolge produzieren, ist nicht damit zu rechnen, daß im nächsten Forschungsrahmenprogramm wieder eine so große Summe zur Verfügung steht. Wir müssen es versuchen. Die Option, nichts zu tun, ist verantwortungslos.
moc
Mit einem gewissen Druck will der Generaldirektor der Europäischen Kommission, Herbert J. Allgeier, die europäische Luftfahrtindustrie bewegen, ihre Forschung stärker zu koordinieren.

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