Satelliten 14.04.2006, 18:43 Uhr

Der Wettlauf der Standorte hat begonnen  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 13. 4. 06, moc – Das europäische Satellitennavigationssystem Galileo soll europaweit für mehr als 100 000 neue Arbeitsplätze sorgen. Die Bundesländer wollen sich ein großes Stück dieses Kuchens sichern. So entstehen überall in Deutschland Entwicklungszentren und Firmennetzwerke. Eine zentrale Koordination gibt es nicht.

Spätestens seit dem Start des ersten Testsatelliten für das europäische Navigationssystem Galileo im Dezember 2005 will sich in Deutschland jedes Bundesland einen möglichst großen Anteil an den prognostizierten 100 000 Arbeitsplätzen sichern. Neben dem europäischen, läuft deshalb ein innerdeutscher Wettbewerb der Standorte an.

„Wer bis 2010 wartet, um eine Galileo-Anwendung zu entwickeln, wird zu spät kommen“, glaubt Hans Weigandt, Leiter des Industriereferats im hessischen Wirtschaftsministerium. Darum will das Land Hessen gemeinsam mit der europäischen Raumfahrtorganisation ESA noch in diesem Jahr ein Galileo-Gründerzentrum in Darmstadt aufbauen. „Verkehr und Logistik sind starke Branchen in Hessen. Deren Ressourcen in Forschung und Infrastruktur müssen aktiviert und gebündelt werden“, beschreibt der hessische Wirtschaftsminister Dr. Alois Rhiel die Ausrichtung des Gründerzentrums.

In Nordrhein-Westfalen setzt man dagegen auf die Energiewirtschaft und den Bergbau. Das Wirtschaftsministerium in Düsseldorf präsentierte Anfang dieser Woche unter dem Namen „Navisat“ einen „Anwenderverbund für integrierte Satellitennavigationslösungen/Galileo e.V.“.

Zehn Unternehmen sind Gründungsmitglieder, darunter RWE, aber auch kleinere Ingenieurbüros sowie E.on Ruhrgas, das mit Ascos einen Satellitenpositionierungsdienst für Vermesser betreibt. „Galileo wird den Markt für Anwendungen voranbringen, weil damit anders als mit GPS das Signal garantiert ist“, sagt Ascos-Chef Peter Loef, der den Vorsitz des Anwenderverbundes übernimmt.

Die Aktivitäten in NRW zielen auf kleine und mittlere Unternehmen. Sie sollen neue Dienste beispielsweise für die Forstwirtschaft, im Bauwesen oder für die Sicherung von Bergbaufolgen entwickeln. Präzise Satellitensignale könnten etwa helfen, mögliche Bodenabsenkungen frühzeitig zu erkennen. Das ist nach Ansicht Loefs ein Zukunftsmarkt, für den man sich schon heute positionieren müsse.

Ähnlich argumentiert Wolf Schöde, Geschäftsführer der Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz. „Wenn Galileo 2010 da ist, wird man vorhandene Dienste auf das neue System umswitchen. Wer nicht vorher Anwendungen auf GPS-Basis anbietet, wird kaum eine Chance haben.“

Schon im Juli 2005 hat Schöde deshalb mit anderen Industrieverbänden das Galileo Anwendungszentrum Berlin-Brandenburg aus der Taufe gehoben. Wie Navisat in NRW dient es als Informationsplattform für den Erfahrungsaustausch, soll Verbundprojekte von Wissenschaft und Wirtschaft ankurbeln und europäische Fördergelder in die Region holen.

In Bayern blickt man entspannt auf diese Aktivitäten. Das Bundesland ist der führende Standort: Galileo Industries sitzt in München, im nahe gelegenen Oberpfaffenhofen wird das Galileo-Kontrollzentrum der ESA sein, in Berchtesgaden entsteht eine große Testumgebung für neue Anwendungen, in der über Funkmasten die Satellitensignale simuliert werden.

Das bereits 2002 gegründete Anwendungszentrum Satellitennavigation in Oberpfaffenhofen hat bislang rund 20 Unternehmen betreut, weitere 40 sollen bis 2009 folgen. Über 200 Arbeitsplätze sind nach Angaben von Zentrums-Geschäftsführer Thorsten Rudolph entstanden.

Im Februar einigte sich zudem der bayerische Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) mit seinen Kollegen Walter Hirche (FDP) aus Niedersachsen und Otto Ebnet (SPD) aus Mecklenburg-Vorpommern darauf, dass die drei Länder sich bei künftigen Entwicklungen abstimmen. Bayern konzentriert sich darauf, die Qualität der Satellitensignale zu überwachen, Niedersachsen will mit der Initiative „Gauß“ sicherheitskritische Anwendungen etwa in der Luftfahrt zertifizieren und Mecklenburg- Vorpommern entwickelt mit dem Projekt „Gamma“ Navigationssysteme für die Seeschifffahrt.

Auch im Rostocker Hafen soll eine Testumgebung für Galileo entstehen.

Die Kooperation der drei Länder ist die bisher einzige, offiziell abgestimmte länderübergreifende Galileo-Initiative in der Bundesrepublik. Auch Hessen will sich daran beteiligen. Trotz der Vielzahl der Initiativen will niemand von einer Konkurrenz der Anwendungszentren sprechen. In allen Ländern betonen die Verantwortlichen jedoch, vor allem regionale Unternehmen zu stärken. Und wenn es um Investoren geht, dürfte sich ein Standortwettbewerb kaum vermeiden lassen.

So macht etwa Zentrumsleiter Rudolph kein Geheimnis daraus, dass er bei internationalen Konferenzen Bayern vertritt und nicht Deutschland.

Von solchen Problemen kann Michael Schenk nur träumen. Der Projektleiter Galileo im Indigo Innovationspark Bernburg in Sachsen-Anhalt wäre bereits froh, wenn seine Landesregierung die vom Landkreis Bernburg und der Fachhochschule Sachsen-Anhalt getragenen Aktivitäten überhaupt bemerken würde. In dem vor wenigen Monaten gegründeten „Verein zur Förderung der Satellitennavigation in Sachsen-Anhalt (SaNaSA)“ wollen sich vor allem kleine und mittelständische Unternehmen besser vernetzen.

Von einer Koordination durch den Bund würde die Initiative in Sachsen-Anhalt wohl profitieren, doch Schenk ist vorsichtig: „Ich glaube nicht, dass das Verkehrsministerium schon von uns weiß.“

Auf höherer Ebene ist die Lage nicht weniger undurchsichtig. Auch dem Bund fehlt der Überblick.“Wir kennen nicht alle Aktivitäten der Bundesländer in Sachen Galileo“, sagt Jürgen Frank, Sprecher des Bundesverkehrsministeriums. Aber man recherchiere, wer wo etwas unternehme. Schon bald, verspricht er, werde der Bund die Zusammenarbeit aller Galileo-Initiativen und Netzwerke in Deutschland moderieren. TIMO THALMANN

Von Timo Thalmann
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