Luftfahrt 11.06.1999, 17:21 Uhr

Der große Boom ist vorbei

Am kommenden Sonntag beginnt in Le Bourget, Paris, die größte Luftfahrtshow der Welt. Doch die Asienkrise dämpft die Wachstumserwartungen der Branche.

Jedes Jahr dasselbe Spiel: In den Wochen vor den großen Luftfahrtmessen des Jahres – Farnborough/England oder Le Bourget/Frankreich – ist kaum etwas von den großen Flugzeugherstellern zu hören. Manchmal gibt es wirklich nichts zu vermelden, doch meist bunkern sie nur ihre Aufträge.
So auch Airbus und Boeing. Wenn am Sonntag die größte Luftfahrtmesse der Welt in Paris eröffnet wird, werden beide stolz die neusten Kunden und Auftragseingänge präsentieren.
Doch zwei Dinge stehen schon jetzt fest: Airbus hat bei der Zahl der Bestellungen im vergangenen Jahr zu Boeing aufgeschlossen und den amerikanischen Konkurrenten im ersten Drittel dieses Jahres klar abgehängt: Bis Ende April verbuchte Boeing 41 Festbestellungen, Airbus dagegen 152.
Beide Hersteller werden aller Voraussicht nach weder noch einmal so viele Bestellungen wie 1998 einsammeln können, noch werden sie wirklich spektakuläre Erfolge von strategischer Bedeutung mit neuen Kunden vorweisen können – der Boom im zyklischen Luftfahrt-Geschäft ist vorbei.
Besonders deutlich wird dies am Beispiel von Boeing. In den ersten Monaten des Jahres hat das Unternehmen zwar 33 Maschinen des Typs 737 und sieben Jumbos 747-400 verkauft. Von den anderen drei Modellreihen, der 757, 767 und 777, hat Boeing aber bis April “99 genau ein einziges Flugzeug – eine 767 – an den Mann gebracht.
Wenn es in diesem Jahr überhaupt bemerkenswerte Aufträge gegeben hat, dann sind sie Airbus Industrie zugefallen. Die Leasingfirma CIT Group bestellte 30 Maschinen. Der Auftrag ist bisher der größte dieses Jahres. Auch das bislang einzige neue Flugzeugprogramm des Jahres, der nicht unumstrittene A318, stammt ebenfalls von Airbus. Air France, Egypt Air und Trans World Airlines (TWA) haben diese verkürzte Version der A320 bestellt. Und der einzige Großauftrag, der für Le Bourget erwartet wird, ist eine Bestellung über 57 Airbus-Maschinen. Wer der Käufer ist, will das Konsortium noch nicht verraten.
Selbst bei den Neuentwicklungen ist die Flaute zu spüren. Mitten in der Bestellwut der Airlines schien es nur eine Frage der Zeit, bis Airbus seine A3XX – eine Maschine mit zunächst 550 Sitzen – offiziell starten würde. Und nach einigem Zögern hatte sich auch Boeing entschlossen, mit einem eigenen Konzept nachzuziehen.
Doch so große Flieger will derzeit niemand haben, eine Folge der Asienkrise, da es vor allem die asiatischen Fluglinien waren, die als Käufer der neuen Megaliner gehandelt wurden. Airbus hat jetzt seine Entscheidung über den A3XX auf das nächste Jahr verschoben.
So richtet sich das Augenmerk derzeit auf die kleineren Flugzeuge. Die 717 von Boeing, eine Weiterentwicklung der DC-9, soll gegen den A318 im Hundertsitzer-Segment bestehen. Doch das Flugzeug scheint in der Branche ein Imageproblem zu haben, das sich auch auf die Zahl der Aufträge niederschlägt: In den letzten Jahren gab es nur 115 Bestellungen.
Das Konkurrenzmodell, der Airbus A318 (109 Bestellungen in weniger als einem Jahr) soll sich nach dem Willen von Airbus vor allem bei den Fluggesellschaften verkaufen, die die größeren 320er-Versionen schon bestellt haben.
Das derzeit größte Problem des ins Wanken geratenen Weltmarktführers Boeing ist aber die 777-200X und -300X. Dabei handelt es sich um Varianten der Boeing 777 mit deutlich größerer Reichweite. Obwohl Boeing diese Varianten seit fast zwei Jahren anbietet, hat sich noch kein Käufer gefunden. Ein potentieller Kunde, Singapore Airlines, hat sich zudem für das Konkurrenzmodell, den Airbus A340-500 entschieden.
Die Frage, ob der Markt für die 777X groß genug ist, um Geld zu verdienen, beschäftigt aber auch die Triebwerkshersteller. Denn derzeit gibt es noch keinen Motor, der die erforderlichen 115 000 Pfund Schub entwickeln kann. Schon bei den aktuellen 777-Versionen gilt es als zweifelhaft, daß die Triebwerks-Lieferanten überhaupt in die schwarzen Zahlen kommen.
Die wichtigsten Neuigkeiten von Le Bourget könnten aber aus einer ganz anderen Ecke kommen. Die schweizerische Regionalfluggesellschaft Crossair entscheidet am heutigen Freitag über einen Großauftrag für Fairchild Aerospace: 60 Festbestellungen und 100 Optionen für die neue 728-JET-Familie (55 bis 105 Sitze) aus Oberpfaffenhofen bei München stehen zur Debatte. Die Bestellung wäre wohl der endgültige Durchbruch für das Unternehmen, das durch den Kauf der Dornier-Luftfahrt innerhalb von drei Jahren im Segment der kleinere Flieger zum ernstzunehmenden Konkurrenten auch von Boeing und Airbus geworden ist.
JENS FLOTTAU
Der auf 70 Sitze ausgelegte Fairchild-Dornier 728JET wird das erste Element einer ganzen Flugzeugfamilie, deren größere Varianten über 100 Sitze haben sollen.

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