Raumfahrt 04.08.2000, 17:26 Uhr

Bald leben die ersten Astronauten auf der Station

Mit dem erfolgreichen Andocken des dritten Stationselements, Zvezda, ist die Internationale Raumstation jetzt bewohnbar – noch aber wird sie viel Zeit und viel Glück brauchen, bis sie endgültig fertig ist.

Feuchte Hände“ bekam der deutsche Astronaut Thomas Reiter, mit 179 Tagen in All immerhin einer der erfahrensten europäischen Astronauten. Doch es ging alles gut: In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch letzter Woche dockte das dritte Element, das Service Modul Zvezda, an die ersten beiden Elemente der Internationalen Raumstation an. In letzter Minute war die Videokamera auf der Station ausgefallen, was Reiter, der das Andockmanöver vom Kontrollzentrum des Bremer Raumfahrunternehmens Astrium aus verfolgte, zum Schwitzen gebracht hatte. Doch dann stand das Bild wieder und Jubel brach aus in Bremen. „Eine technische Meisterleitung“, freute sich Josef Kind, im Vorstand der Astrium für die Raumfahrt zuständig.
Damit sind die ersten drei Raumstationselemente im All. Aber nicht nur das. Das Andocken von Zvezda hat zumindest vorläufig die Zuverlässigkeit der russischen Raumfahrt wieder unter Beweis gestellt. Nie zuvor hat es das automatische Andocken von derartig großen Elementen im All gegeben – 21 t wog Zvezda, 35 t die beiden anderen Module Zarya und Unity.
Auch die Russen rechneten vorsichtshalber mit einem Scheitern: In Baikonur stand eine Rakete startbereit, um zwei russische Astronauten Anfang August ins All zu schicken, die Zvezda von Hand an die beiden seit 1998 durchs All fliegenden Module Zarya und Unity angedockt hätten.
Und für den Fall, dass Zvezda selbst durch einen Unfall beim Start mit der Proton zerstört worden wäre, hatten die Amerikaner ein „Interim Control Modul“ entwickelt, das im kommenden Dezember an Zarya und Unity angedockt worden wären, um zu verhindern, dass diese unkontrollierbar durchs All trudelten.
Denn mit Zvezda bietet die Station nicht nur erstmals drei Astronauten Platz zum Leben und Arbeiten, mit an Bord von Zvezda ist auch ein von der Astrium in Bremen entwickeltes fehlertolerantes Rechnersystem, das DMS (Data Management System), mit dem die Lageregelung der Station im All, aber auch die Lebenserhaltungssysteme und die Datenströme an Bord überwacht und gesteuert werden – das neue Gehirn der Station.
Damit fliegt erstmals eine kleine, funktionstüchtige, internationale Raumstation um die Erde, zu der bisher Russen, Amerikaner und Europäer ihren Beitrag geleistet haben. „Das ist die Geburtsstunde von all dem, was wir uns gewünscht haben“, so Jörg Feustel-Büechl, bei der Europäischen Weltraumagentur ESA für die bemannte Raumfahrt verantwortlich.
Doch eben nur die Geburtsstunde. Mit den drei Modulen, Gesamtgewicht etwa 56 t, fliegt dem Gewicht nach nur etwas mehr als ein Zehntel der endgültigen Station durchs All. Und um die Internationale Raumstation zu komplettieren, sind noch mindestens 40 Flüge notwendig, um aus der gegenwärtigen Rumpfstation bis Ende 2005 die gesamte Station aufzubauen.
Das Andocken der Zvezda war der fünfte Flug zum Aufbau der Raumstation. Im November 1998 war das erste Element, Zarya, ins All geschickt worden, im Dezember 1998 der Andockstutzen Unity. Zwei Shuttleflüge hatte im Juni 1999 und im Mai 2000 die beiden Elemente gewartet.
Nach der Zvezda-Mission aber zieht die Zahl der geplanten Flüge an: Bis Ende 2001 sollen allein neun US-Shuttles an der Station andocken, außerdem zwei russische Soyus-Kapseln und sieben russische, unbemannte Progress-Kapseln, die die Station mit Nachschub versorgen sollen. Schon Ende Oktober soll die erste Crew auf der Station leben, mit einer russischen Soyus-Kapsel hochgebracht und nach vier Monaten mit dem US–Shuttle wieder abgeholt werden. Die Soyus-Kapsel bleibt an die Station angedockt und wird für die kommenden Missionen als Rettungsfahrzeug genutzt.
Nicht nur für die schon immer finanzschwachen Russen, auch für die Amerikaner sind diese Starts eine Herausforderung. Denn dass sich der zwar über zwei Jahre verspätete, aber dann doch relativ problemlose Aufbau der Internationalen Raumstation auch in Zukunft so reibungslos weiterentwickeln wird, daran zweifeln sowohl Nasa- Vertreter wie auch Mitarbeiter der Europäischen Weltraumagentur ESA, wenn auch nicht öffentlich.
Da ist zum einen das Shuttle, das Arbeitspferd beim Aufbau der Station. Seit gut vier Jahren wird der Betrieb und Wartung des Shuttle von einem Privatunternehmen im Auftag der Nasa abgewickelt. Ziel ist die Senkung der Unterhaltskosten. Doch im Frühjahr dieses Jahres kam eine Untersuchungskommission zu dem Ergebnis, dass sich der Kostendruck bei Unterhalt und Wartung der vier US-Shuttles zu einem Risiko für das Shuttle und seine Besatzung entwickeln könnte und forderte eine gründliche Überarbeitung der Wartungsprozeduren.
Anders die Lage bei der russischen Proton, die neben der Soyus-Rakete wichtige Elemente zur Station gebracht hat und bringen wird. Bei der Proton hat es in der Vergangenheit wiederholt technische Probleme gegeben, die auch den Start des Zvezda-Moduls verzögerten.
Damit nicht genug. Die Russen haben immer wieder von den USA Geld gefordert, um ihre mit der Nasa eingegangenen Verpflichtungen beim Bau der Raumstation erfüllen zu können. Ursprünglich sollte die Beteiligung der weltraumerfahrenen Russen die Station um gut 2 Mrd. Dollar billiger machen, jetzt, so die Schätzung von Beobachtern, dürfte sie sie um 3 Mrd. Dollar teurer machen.
„Geld wird auch in Zukunft ein heißes Thema bleiben“, so ein ESA-Mitarbeiter, denn immerhin müssen die Russen noch mindestens neun Stationselemente bauen, darunter zwei große Forschungslabors.
Ein weiterer Risikofaktor sind die sog. „extravehicular activities (EVAs)“: Arbeiten, bei denen Astronauten, außerhalb der schützenden Stationselemente frei im All schwebend, die Raumstation zusammenbauen. Gut 570 Stunden solcher EVAs sind nach Angaben der Nasa allein für den Zusammenbau der US-Hardware im All nötig. Rechnet man das auf die gesamte Station hoch, kommt man mit Wartungsarbeiten schnell auf fast 1700 Stunden, in denen die Astronauten außerhalb der Station, nur durch ein Kunststoffseil gesichert, arbeiten müssen. Gelegenheit genug, dass auch routinierte Astronauten wie Thomas Reiter immer mal wieder feuchte Finger bekommen. W. MOCK

Von W. Mock

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