Raumfahrt 27.11.2009, 19:44 Uhr

Auf der Suche nach neuen Zielen im Weltraum  

Die amerikanische Raumfahrt orientiert sich neu. Die Ziele der alten Bush-Regierung, in wenigen Jahren bemannte Missionen zu Mond und Mars zu schicken, sind gescheitert. Und was nun? Kommerzielle Raumfahrtunter- nehmen und internationale Partner könnten in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. VDI nachrichten, Düsseldorf, 27. 11. 09, moc

In den kommenden zehn Jahren wollen die USA fast 100 Mrd. Dollar in die bemannte Raumfahrt stecken – doch weder die Nasa noch Präsident Barack Obama wissen bisher, in welche Projekte.

Dabei schien noch vor fünf Jahren alles klar: 2004 hatte US-Präsident George W. Bush seine Vision der amerikanischen Raumfahrtpolitik vorgestellt: Eine neue Trägerrakete (Ares) sollte gebaut werden, dazu eine Kapsel für bis zu sechs Astronauten (Orion), eine Mondlandefähre (Altair) und schließlich Wohnsysteme für die Astronauten auf dem Mond.

Trägerraketen und Kapsel sollten 2012 fertig sein, schon 2020 sollten die US-Astronauten wieder auf dem Mond stehen. Und dann, so Bush, „sind wir so weit, die nächsten Schritte zur Eroberung des Weltraums zu unternehmen: eine bemannte Mission zum Mars“.

Den Amerikanern fehlt die klare Perspektive in der bemannten Raumfahrt

Das Programm musste finanziert werden: Also sollten spätestens Anfang 2011 das US-Shuttle eingemottet und die Internationale Raumstation (ISS) nur noch bis 2015 betrieben werden – nach 25 Jahren Planung wäre die ISS damit nur fünf Jahre in Betrieb gewesen.

Doch diese Pläne dürften Makulatur sein. Denn derzeit hinkt die Entwicklung der Raketen schon fast zwei Jahre hinter den Planungen her, gut 15 Mrd. Dollar fehlen dem Programm schon heute, so Ex-Nasa-Chef Michael Griffin. Nach aktuellen Finanzplanungen der Nasa dürfte das Defizit bis 2014 noch einmal um gut 3 Mrd. Dollar pro Jahr steigen.

Ein Team um den Ex-Industriellen Norman Augustine hat deshalb im Auftrag des US-Präsidenten jetzt einen Bericht vorgelegt, in dem die Perspektiven der bemannten Raumfahrt der USA untersucht werden. Sein Fazit zum Bush-Programm: Die aktuelle Haushaltsplanung ermögliche keinerlei sinnvolle bemannte Raumfahrt mehr.

Was nun?

Der Report spielt mehre Möglichkeiten durch, zweierlei scheint relativ sicher: Der Betrieb des Shuttle wird Anfang 2011 eingestellt, die Internationale Raumstation ISS wird bis 2020 weiter betrieben – nicht zuletzt aus Rücksicht auf internationale Partner. „Es gibt gute wissenschaftliche, technologische und politische Gründe, die Nutzung der Raumstation über 2015 zu verlängern“, so Evert Dudok, Geschäftsführer der Astrium GmbH, denn die ISS sei so etwas wie ein „Pilotprojekt für weitere globale Weltraummissionen“.

Die Einstellung des Shuttles aber hat Konsequenzen – nur noch die Russen können dann Menschen zur ISS und zurück transportieren. Und die Kosten pro mitfliegendem Astronaut dürften dann, so Robert Bigelow, Chef von Bigelow Aerospace, von derzeit 20 Mio. € auf 51 Mio. € in die Höhe schnellen.

Und das bis 2017, denn bei realistischer Betrachtung – so auch der Report des Augustine-Komitees – steht erst dann ein Shuttlenachfolger bereit. Die Europäer könnten mit der Ariane und dem ATV ebenso wie die Japaner mit ihrem HTV zwar Versorgungsgüter zur Station bringen, aber keine Menschen.

Angesichts dieser Lücke von fast sieben Jahren beim Transport von Astronauten zur ISS und knapper Kassen in den USA zeichnen sich zwei Lösungen des Problems ab:

– Die stärkere Einbeziehung

kommerzieller Raumfahrtanbieter

und

– Kooperationen mit internationalen

Partnern (siehe Kasten).

Auf Zusammenarbeit hofft auch der Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Johann-Dietrich Wörner: „Ich gehe davon aus, dass die USA stärker als zuvor nach internationalen Partnern suchen werden, die in ihren Bereichen auf gleicher Augenhöhe stehen.“ Auch Dudok fände eine solche Kooperation „sinnvoll“.

Als Kooperationspartner könnte Europa die Ariane für be- mannte Missionen einbringen

Die Europäer hätten als Partner ein Pfund, mit dem sie wuchern könnten: die Trägerrakete Ariane. Sie arbeitet zuverlässig und wird zudem kommerziell betrieben. Diskutiert wird deshalb, ob man auf die Ariane eine neue amerikanische Oberstufe, die Orion, setzen könnte, um so Astronauten zur ISS und in Richtung Mond zu fliegen.

Wörner wie Dudok weisen darauf hin, dass die Ariane ursprünglich für den Transport von Astronauten ausgelegt war, weshalb Wörner solche Ideen auch für „nicht abwegig“ hält. Eine Variante wäre, dass die Europäer ihren automatischen Raumtransporter ATV zu einer Kapsel weiterentwickeln, mit der Astronauten zur ISS und zurück geflogen werden können. „Die Fähigkeiten dazu sind vorhanden“, so Wörner, und Astrium, ergänzt Dudok, wäre als Hersteller der Ariane 5 „in der Lage, eine solche politische Entscheidung umzusetzen“.

Als zweite Möglichkeit wird in dem Augustine-Report – wesentlich stärker als in früheren Jahren – die Rolle privater amerikanischer Raumfahrtfirmen betont. Schon heute entwickeln diese eigene Trägerraketen und die dazugehörigen Transportkapseln für Menschen und Material (siehe Kasten).

Wo aber will die bemannte amerikanische Raumfahrt langfristig hin? Die Entscheidung darüber wird Präsident Obama in den kommenden Wochen treffen, Basis ist der Augustine-Report.

Einiges deutet darauf hin, dass sich Obama und die Nasa für einen „flexiblen Weg“ – so die Formulierung des Reports – entscheiden werden.

Der sieht im Kern vor, dass Astronauten zuerst unterschiedliche Punkte im All wie Asteroiden oder Kometen besuchen, sich so auf längere Reisen ins All vorbereiten. Dieser Weg soll wissenschaftlich wie wirtschaftlich der interessanteste sein und auch am besten geeignet, das Interesse der Öffentlichkeit an der bemannten Raumfahrt wach halten zu können, so der Report.

Die Missionen sollten sich langsam steigern zu Flügen zu Mond und Mars, wobei eine Landung auf dem Mars das langfristigste Ziel ist. In diesem Szenario könnten kommerzielle Unternehmen nicht nur Trägerraketen und Kapseln bauen, sondern auch Landegeräte, etwa für eine Mondlandung.

Noch ist offen, ob das große Ziel Mond oder Mars heißt

Zu einem solchen Szenario, so Wörner, könnten Deutschland und Europa Robotiksysteme, Sensoren und Kameras liefern. Auch in Sachen automatisches Andocken von Raumfahrzeugen hat Europa großes Know-how. „Europa ist hier technologisch führend“, so Dudok, „diese Kompetenz müssen wir in eine weltweite Kooperation einbringen.“

Der Mars mag zwar am Ende dieser Missionen stehen, aber er ist dennoch das große Ziel: Er sei, so der Augustine-Report, fraglos das wissenschaftlich interessanteste Ziel im inneren Sonnensystem, weil er der Erde am ähnlichsten sei.

Doch auch dieses Rennen ist offen: Es wird kein Zufall sein, dass just in dem Moment, in dem die Entscheidung über die großen Ziele der amerikanischen Raumfahrt ansteht, Wasser auf dem Mond gefunden wurde. W. MOCK

Von W. Mock
Von W. Mock

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