Raumfahrt 27.10.2000, 17:27 Uhr

„Auf der Station ist es so, als übernachte man im Büro“

In der kommenden Woche soll zum ersten Mal eine dreiköpfige Crew für längere Zeit in die Internationale Raumstation einziehen. Ein reines Vergnügen wird das Leben an Bord nicht – schon jetzt sind auf der Station Teile des Energieversorgungssystems ausgefallen. Bis ein Europäer auf Dauer dazu stößt, kann es allerdings noch Jahre dauern.

Wer da hoch fliegt und denkt, er kommt in eine “Frequent-Traveller-Lounge“, der irrt sich gewaltig“. Dennoch würde Reinhold Ewald einiges darum geben, in der kommenden Woche mit den beiden russischen Kosmonauten Sergej Krikalev und Juri Gidzenko und dem US-Astronauten Bill Sheperd auf die Internationale Raumstation (ISS) zu fliegen.
Doch das wird dauern. Ewald ist einer aus dem Corps der 16 europäischen Astronauten, die sich derzeit darauf vorbereiten, irgendwann einmal zur Station zu fliegen. Sämtliche europäischen Astronauten werden vom Europäischen Astronautenzentrum EAC in Köln aus gemanagt, in dem auch Ewald sein Büro hat.
An diesem Nachmittag im Oktober ist es ruhig im EAC. In einer gigantischen Halle ein abgedeckter Pool, in den ganze Raumstationsteile versenkt werden können, um unter Wasser das Arbeiten in der Schwerelosigkeit zu simulieren. In der Nachbarhalle stehen 1:1-Modelle des russischen Mir-Moduls und des Columbus-Labors, des europäischen Beitrags zur Internationalen Raumstation.
Erst wenn das Columbus-Labor an der Station angedockt ist, bekommen Ewald und der Rest der europäischen Astronauten die Chance, für einen längere Zeitraum ins All fliegen zu können – aber das wird kaum vor 2005 sein.
Doch wer in den Weltraum will, muss ohnehin einen langen Atem haben. Gerhard Thiele, der letzte deutsche Astronaut, bereitete sich fast 13 Jahre auf seinen Flug vor – im Februar dieses Jahres konnte er schließlich mit einem US-Shuttle mitfliegen.
Ewald dagegen hat seinen ersten Trip in den Weltraum bereits hinter sich – und was für einen: 21 Tage war er auf der russischen Mir-Station, überlebte dabei mit seinen russischen Kollegen ein Feuer an Bord – und will trotzdem wieder fliegen.
Auch Krikalev, Gidzenko und Sheperd haben über drei Jahre trainiert, weil die russischen Partner mit dem Bau ihres Elements, des Service Modules, länger brauchten als geplant.
Vor dem Andocken an die ISS wird die Soyus-Kapsel, in der Krikalev, Gidzenko und Sheperd vom russischen Baikonur aus ins All starten, zwei Tage um die Erde kreisen, um sich in die richtige Position zu bringen und den Astronauten Zeit zur Vorbereitung zu geben.
Was die drei im All erwartet, ist auch nicht das reine Vergnügen. Denn die ISS in ihrem jetzigen Stadium ist eher noch unkomfortabler als die schon sehr beengte russische Mir-Station. Obwohl die derzeitige ISS aus drei Teilen besteht, ist nur das Service Modul wirklich bewohnbar – und laut. „Den Lärm hat die ISS von der Mir-Station übernommen“, so Ewald. Es wurde zwar nachgebessert, einige Ventilatoren besser schallisoliert, aber Schlafen wird auf der Station nur mit Ohrenschutz möglich sein.
Einmal an Bord, ist harte Arbeit angesagt – wenn der Körper es zulässt. Denn in den ersten Tagen übergeben sich die meisten Astronauten regelmäßig, bis sich das Gleichgewichtsorgan im Ohr an die Schwerelosigkeit gewöhnt hat. „Die Russen“, so Ewalds Erfahrung, „versuchen auch nicht, die Übelkeit mit Medikamenten zu unterdrücken. Irgendwann hört sie schon auf.“
„Wir werden das Licht anschalten“, so Sheperd, der Kommandeur auf der Station, ,,die Computer anwerfen, nach dem Wasser sehen, die Heizung kontrollieren – und natürlich die Toilette anwerfen.“ „Und“, ergänzt sein russischer Partner Gidzenko, „die TV-Kameras einschalten, um unseren ersten Fernsehbericht zur Erde zu liefern.“
Und dann wird die Küche ausprobiert. Die Astronauten können zwischen russischer Kost, die an Eintöpfe erinnert, oder amerikanischer wählen, bei der die Bestandteile eher einzeln verpackt sind und auch einzeln warm gemacht werden.
Doch im Weltraum, erinnert sich Ewald, neigen Astronauten ohnehin zur Junggesellenküche, nur nicht zu viele Töpfe auf dem Herd, eher mal hier ein Keks im Vorbeifliegen, dort ein Cracker. „Niemand fliegt da mit kulinarischen Ansprüchen hoch.“
Von Anfang an wird die Crew vor allem improvisieren müssen. Schon jetzt sind einige der Batterien ausgefallen, die die Energieversorgung an Bord sichern, und erste Dichtungen von Ventilen müssen erneuert werden. Wissenschaftliche Aufgaben stehen im Hintergrund, wichtig ist vor allem die Funktion der Systeme. Auch heute noch liegen die Chancen, dass ein Astronaut seine Mission nicht überlebt, bei 1:100.
Schlafen, arbeiten und kochen, alles das geschieht im Service Modul. Und allmählich werden sich auch die Astronauten verändern, ihre Gesichter werden runder, weil die Körperflüssigkeiten sich gleichmäßiger in der Schwerlosigkeit verteilen, die Hornhaut an den Füßen verschwindet, die Gesäßmuskeln bilden sich zurück, Geruchs- und Geschmacksnerven sprechen schwächer an.
Richtige Freizeit gibt es an Bord nicht .“Wo will man denn hin?“, so Ewald. Zwei Mal am Tag geht es für eine Stunde aufs Laufband, dann wieder an die Arbeit, keine Schichten alles gemeinsam, denn in der Enge kann niemand schlafen, wenn einer arbeitet. „Das ist“, so Krikalev, „als ob man im Büro übernachtet“.
In Ewalds Büro im EAC ist mehr Platz als die drei zusammen auf der ISS haben werden. Aber an einem lässt Ewald keinen Zweifel: dass er auch im Büro übernachten würde, wenn es nur in 400 km Entfernung um die Erde fliegen würde. W. MOCK

Von W. Mock

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