200. Außeneinsatz auf der ISS 06.10.2014, 16:11 Uhr

Alexander Gersts Countdown für Weltraumspaziergang läuft

Am morgigen Dienstag gegen 14:10 Uhr öffnen sich die Luken der ISS, um den deutschen Astronauten Alexander Gerst und seinen US-Kollegen Reid Wiseman zu ihrem Außeneinsatz herauszulassen. Vorausgegangen sind akribische Vorbereitungen und Sicherheitschecks. NASA und DLR übertragen den Einsatz live. 

Astronaut Alexander Gerst muss Spezialunterwäsche unter dem Raumanzug tragen, wenn er am Dienstag zu seinem Weltraumausflug startet.

Astronaut Alexander Gerst muss Spezialunterwäsche unter dem Raumanzug tragen, wenn er am Dienstag zu seinem Weltraumausflug startet.

Foto: ESA/NASA

Zwischen die Bilder von der Erde und von seinem Alltag auf der Internationalen Raumstation ISS, die Astronaut Alexander Gerst postet, mischen sich zurzeit vermehrt voluminöse weiße Anzüge. Einer davon trägt eine Deutschland-Flagge am Arm. Die Zeichen sind eindeutig: Die Besatzung der ISS macht sich bereit für den Weltraumspaziergang, der für den morgigen Dienstag auf dem Programm steht – den 200. Außeneinsatz seit Bestehen der ISS 1998. Eigentlich war der Ausstieg schon für Ende August geplant, musste aber wegen eines möglichen Problems mit einer Sicherung in der Batterie der US-Raumanzüge verschoben werden.

„Mini-Raumschiffe“ müssen tadellos sitzen

Für den Ausflug ins All werden die Raumanzüge in den Tagen zuvor akribisch gewartet, an- und ausprobiert. Schließlich sind sie das einzige, was zwischen den Astronauten und den unendlichen Weiten des Weltraums steht, wenn sich die Luke hinter Gerst und seinem amerikanischen Kollegen Reid Wiseman geschlossen hat. Da muss alles bis hin zur speziellen Kühlschicht, die wie Ski-Unterwäsche mit Temperatur-Elementen aussieht, tadellos sitzen und funktionieren.

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst und sein US-Kollege Reid Wiseman werden ein Pumpenmodul reparieren. Der Außeneinsatz am Dienstag wird rund sieben Stunden dauern und wird live von NASA und DLR übertragen.

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst und sein US-Kollege Reid Wiseman werden ein Pumpenmodul reparieren. Der Außeneinsatz am Dienstag wird rund sieben Stunden dauern und wird live von NASA und DLR übertragen.

Foto: ESA/NASA

Außerdem sollten sich die Männer in den „Mini-Raumschiffen“, wie DLR-Chef Jan Wörner die Hightech-Anzüge bezeichnet, auch bewegen können: keine schlechte Idee, das Montieren und Greifen mit den dicken Handschuhen im Vorfeld schon einmal zu üben. Denn wenn Gerst und Wiseman ihre Außenmission begonnen haben, ist keine Zeit mehr für Extras: Die eingeplanten knapp sieben Stunden sind eng getaktet.

Ein Pumpenmodul muss bewegt werden

Los geht’s mit der Hauptaufgabe: Ein Pumpenmodul, das schon vor einiger Zeit den Geist aufgegeben hatte, muss bewegt werden. Ein vorheriges Außenteam hatte es an einer vorläufigen Stelle abgeladen, wo es aber auf Dauer nicht bleiben kann. Während Wiseman den vorgesehenen Platz vorbereitet, holt Gerst das Modul schon einmal vom derzeitigen Standort.

Alexander Gerst im Raumanzug: Die Bewegungen im Raumanzug werden wochenlang geprobt, damit beim Außeneinsatz jeder Handgriff sitzt.

Alexander Gerst im Raumanzug: Die Bewegungen im Raumanzug werden wochenlang geprobt, damit beim Außeneinsatz jeder Handgriff sitzt.

Foto: ESA/NASA

Sobald es sicher an Ort und Stelle auf Plattform 2 verstaut sein wird, kümmern sich die beiden Spacewalker um den Roboterarm der ISS. Sie werden ein Relais-System am mobilen Transporter installieren, das für Reserveenergie am Schienensystem an der Außenhülle sorgen soll.

Selbst wenn sie weniger als die vorgesehenen sechseinhalb Stunden brauchen, können sich die Astronauten trotzdem nicht zurücklehnen und die Aussicht auf die Erde genießen. Für diesen Fall gibt es einen Zusatzplan: Falls Zeit und Energie ausreichen, werden sie schon einmal mit vorbereitenden Arbeiten für kommende Außeneinsätze beginnen, zum Beispiel Kabel neu legen oder Instrumente konfigurieren.

Ein Weltraumspaziergang ist alles andere als entspannend

Anders als das deutsche Wort „Weltraumspaziergang“ suggeriert, ist der Einsatz kaum als entspannend zu bezeichnen. Vom Verlassen der Luke bis zur Rückkehr an Bord ist höchste Konzentration angesagt, dazu kommt die körperliche Anstrengung, von der psychischen Anspannung ganz zu schweigen: Während das Funktionieren der technischen Ausrüstung weitestgehend kontrollierbar ist, gibt es auch unbeeinflussbare Gefahrenquellen wie Mikrometeoriten und die Weltraumstrahlung.

Alexander Gerst mit dem Werkzeug, das er für den Außeneinsatz benötigt.

Alexander Gerst mit dem Werkzeug, das er für den Außeneinsatz benötigt.

Foto: ESA/NASA

Und da sich die Lichtverhältnisse wegen der hohen Fluggeschwindigkeit der Raumstation ständig ändern, können die Astronauten in der einen Sekunde von Sonnenlicht geblendet sein, während sie in der nächsten auf ihre Helmlampen angewiesen sind, um überhaupt etwas sehen zu können.

Ein Fehler oder eine Fehlfunktion kann fatale Folgen haben. Deshalb wird im Vorfeld alles genauestens geplant, gecheckt und geübt. Um die gesundheitlichen Risiken zu minimieren, atmen die beiden Astronauten wie Tiefseetaucher zwei Stunden lang reinen Sauerstoff, um so viel Stickstoff wie möglich aus ihrem Körper zu entfernen, bevor sich gegen 14:10 Uhr europäischer Zeit die Klappe öffnet.

Außeneinsatz ist der Höhepunkt der sechsmonatigen Gerst-Mission

Außerdem sind die beiden „Spaziergänger“ nicht auf sich allein gestellt bei ihrem Außeneinsatz: Im Innern der ISS unterstützt sie der zweite US-Astronaut Barry Wilmore per Roboter. Von den Bodenstationen in Huston und Moskau aus behalten Experten die Geschehnisse ebenfalls im Blick.

Immer zu einem Spaß aufgelegt: Der deutsche Astronaut Alexander Gerst im Hawai-Hemd auf der ISS.

Immer zu einem Spaß aufgelegt: Der deutsche Astronaut Alexander Gerst im Hawai-Hemd auf der ISS.

Foto: ESA/NASA

Trotz aller Anspannung und trotz der durchaus realen Gefahr: Die Außenmission zählt sicherlich zu den Highlights des sechsmonatigen Aufenthalts von Alexander Gerst an Bord der ISS – nicht nur für ihn persönlich, sondern auch für die deutsche Raumfahrt. Der letzte Weltraumspaziergang unter deutscher Beteiligung ist inzwischen sechs Jahre her. Damals hatte Hans Schlegel den Schritt nach draußen gewagt, zwei Jahre zuvor Thomas Reiter.

Live-Stream von NASA und DLR ab 13 Uhr

Wer nahezu hautnah dabei sein will, hat dazu per Live-Stream die Gelegenheit: ab 13 Uhr europäischer Zeit auf NASA-TV oder ab 14.15 Uhr beim DLR.

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