Luftfahrt 11.02.2000, 17:24 Uhr

Airport Leipzig-Halle setzt zum Flug nach Übersee an

Interkontinentalflüge von Leipzig-Halle in alle Welt werden nach der Eröffnung der neuen Startbahn Nord möglich. Damit sollen auch Fluggäste aus Berlin nach Sachsen gelockt werden.

Klaus-Dieter Schütte hat 65 m über der Erde alles im Blick. Vom neuen Tower des Flughafens Leipzig-Halle kann er nicht nur die neue Start- und Landebahn im Norden einsehen, sondern auch die alte Bahn im Süden. In der Mitte liegt ein drittes Betonband: die sechsspurige Autobahn Halle-Dresden am Schkeuditzer Kreuz.
Auf der südlichen Bahn schwingt sich jetzt ein Airbus in die Lüfte. „Das müsste die Lufthansa-Maschine nach Frankfurt sein“, meint der Niederlassungsleiter der DFS Deutsche Flugsicherung GmbH. Der Blechvogel ist längst in den Wolken verschwunden, als Schütte auf einen der Radar-Monitore zeigt. Dort schiebt sich das Fluggerät als winziges helles Quadrat mit einer angehängten Code-Nummer und der aktuellen Flughöhe immer noch westwärts. Auf den nächsten 200 km seiner Route wird es hier noch zu sehen sein, dann verschwindet es von den Radarschirmen der Leipziger Fluglotsen.
Die Lotsen selbst sind noch nicht in den Norden umgezogen. Sie regeln den Flugbetrieb noch vom Süd-Tower an der alten Start- und Landebahn, während an ihren künftigen Arbeitsplätzen über der neuen Interkontinental-Piste die Technik installiert wird. Das Radar funktioniert offensichtlich schon bestens, dagegen kann Schütte dem Wetterdaten-System vorerst nur den Start-Bildschirm entlocken.
An anderen Arbeitsplätzen müssen die Computer erst noch installiert werden, auf dem Fußboden ziehen Techniker die Strippen für die dezente Fußraum-Beleuchtung. Hier muss demnächst alles funktionieren, damit sich die Fluglotsen rechtzeitig mit der installierten Technik vertraut machen können. Wenn die neue Start- und Landebahn im März in Betrieb geht, soll schließlich alles wie am Schnürchen laufen.
Eigentlich sieht das 3600 m lange und 60 m breite Betonband von der 65 m hohen Kanzel des Towers so aus, als ob die Flugzeuge hier schon munter starten und landen könnten. Tatsächlich ist sogar das Instrumenten-Landesystem bereits in Betrieb und wurde von einem Messflugzeug erfolgreich auf seine einwandfreie Funktion getestet. „Das System muss jetzt 94 Tage störungsfrei laufen, um die Allwetter-Flugbetriebsstufe II zu erreichen“, erklärt Schütte. Weil diese Zeitdauer genau auf die Inbetriebnahme kalkuliert ist, hofft der Flugsicherungschef darauf, dass die Instrumente bis dahin von jeder Störung verschont bleiben. „Es würde schon reichen, wenn jemand mit dem Schneepflug durch den Sicherheitsbereich fahren würde“, so Schütte. „Dann schaltet sich das System automatisch ab. Deswegen müssen die Leute ganz genau eingewiesen werden.“
Weitere 94 Tage störungsloser Betrieb sind nötig, um die Allwetter-Flugbetriebsstufe III a zu erreichen und weitere 188 Tage, um III b zu bekommen. Dann dürfen die Flugzeuge auch dann noch starten und landen, wenn die Sichtweite auf 75 m sinkt und die Wolken bis zur Erde reichen. „Das sind die extremsten Bedingungen, die es in Deutschland gibt“, bemerkt Schütte. „In Leipzig haben wir das drei oder vier Mal im Jahr.“
An solchen Tagen kann der Flughafen Leipzig-Halle bisher in Bedrängnis kommen. Denn die alte Landebahn ist nur in der Ost-Richtung für III b zugelassen. Gesellen sich zu der schlechten Sicht auch noch ungünstige Winde, beispielsweise bei starkem Schneetreiben, kann auch in dieser Richtung wegen der Nähe zu bewohnten Gebieten nicht mehr geflogen werden. „Das ist zwar sehr selten“, so Schütte. „Aber wir mussten deshalb schon Flugzeuge umdirigieren.“
Es gibt freilich noch schwerer wiegende Gründe für den Neubau: Die alte, 2500 m lange Süd-Landebahn war 1963 eigentlich nur für den gelegentlichen Betrieb während der Leipziger Frühjahrs- und Herbstmesse gebaut worden. Sie verkraftet den enorm gestiegenen Luftverkehr nicht mehr und hätte ohne Neubau grundlegend saniert werden müssen.
Sie wäre aber auch zu kurz für große Interkontinental-Flugzeuge gewesen. Schließlich wollen die Gesellschafter des Flughafens, allen voran der Freistaat Sachsen, hier langfristig ein bedeutendes internationales Luftverkehrskreuz entwickeln.
Gemeinsam mit dem Güterverkehrszentrum und der neuen Leipziger Messe, die nur wenige Kilometer weiter an der Autobahn liegen, soll es die in den letzten Jahren geschwächte Wirtschaft in der Region ankurbeln. Einen ersten vorzeigbaren Erfolg hat diese Strategie schon gebracht: Von der Tower-Kanzel aus kann Schütte das Grundstück zeigen, auf dem der Sportwagen-Produzent Porsche sein Montagewerk für den neuen Geländewagen bauen wird. Die Möglichkeit, seine gut betuchte Kundschaft fast bis ins Werk einfliegen zu können, hat bei der Standort-Entscheidung eine wesentliche Rolle gespielt.
Für die Zukunfts-Visionen des Flughafens ist Geschäftsführer Volkmar Stein zuständig. Vom Nord-Tower aus führt der Weg in sein Büro über die Autobahn-Brücke zum Süd-Tower. In dem hochaufragenden Plattenbau sind nicht nur die Fluglotsen untergebracht, sondern auch die gesamte Flughafen-Verwaltung und ihr Chef, der im fünften Stock residiert. Mit der neuen Piste im Norden erfüllt sich für ihn ein lang gehegter Traum: „Wir können dann ohne Nutzlast- und Reichweiten-Beschränkungen alle Ziele in der Welt erreichen.“ Da Leipzig-Halle auch zu den wenigen deutschen Flughäfen zählt, auf denen der Betrieb rund um die Uhr genehmigt ist, scheinen die Bedingungen auf den ersten Blick ideal.
Dass Stein dennoch um jede neue Verbindung hartnäckig kämpfen muss, liegt am relativ geringen Passagier-Aufkommen auf den einzelnen Linien. Die meisten Fluggäste waren bisher Ost-West-Pendler und Touristen. Der Trumpf der Interkontinental-Bahn brachte bisher eine neue Touristik-Strecke in die Dominikanische Republik ein, über weitere Übersee-Strecken für das nächste Jahr wird noch verhandelt. „Für Direkt-Verbindungen in europäische Hauptstädte fehlt noch die kritische Masse der Passagiere“, erklärt Stein. Dass die hoffnungsvoll gestartete Brüssel-Verbindung der Lufthansa wieder eingestellt werden musste, führt er aber auch auf mangelndes Marketing der Fluggesellschaft zurück.
Den größten Schlag haben dem ehrgeizigen Flughafen-Projekt bisher aber die Bundesregierung und die Deutsche Bahn AG versetzt: Im Herbst kam das Aus für den fest eingeplanten Intercity-Express (ICE) von Berlin über Erfurt und Nürnberg nach München, der am Flughafen-Bahnhof halten sollte. In Leipzig-Halle hatte man sich von ihm viele Passagiere vom Konkurrenz-Standort Berlin erhofft, wo sich der Flughafen-Ausbau immer mehr verzögert. Doch inzwischen hat die Bahn sogar noch einen draufgelegt: Nicht einmal die Intercity-Züge zwischen Leipzig und Halle sollen nun am Flughafen halten.
Auch wenn hier alle 20 Minuten Regionalzüge verkehren sollen, werden wohl mehr Fluggäste die einfachere Anreise mit dem Auto vorziehen. Für die fahrbaren Untersätze wächst derzeit ein riesiges Parkhaus mit 2700 Stellplätzen vom Terminal an der alten Landebahn aus nach Norden in Richtung Autobahn.
Das unterste Geschoss hängt noch an Stahlseilen. Monteure lassen riesige Schraubenschlüssel kreisen, um die Auto-Plattform an den Stahlträgern festzuschrauben. Auf dem obersten Deck dagegen ist schon alles fest verankert. Hier stapft Hochbau-Leiter Torsten Hentschel bis zum letzten Pfeiler der Stahl-Fachwerk-Konstruktion. Unten dröhnt sechsspurig der Verkehr auf der Autobahn.
Wir stehen genau in der Mitte zwischen der Auto-Fahrbahn und der künftigen Bahnstrecke, die unter dem Parkhaus hindurchführen wird. Hier pfeift jetzt noch ein eisiger Wind. Gemütlicher wird es wohl erst, wenn auch das Zentral-Terminal fertig wird, das parallel zum Parkhaus entsteht und dann auch den Wind abfängt.
Sollten die Passagierzahlen in 20 Jahren oder 30 Jahren stark ansteigen, können Terminal und Parkhaus bis über die Autobahn zur Nord-Bahn verlängert werden und so die Kapazität des Flughafens erweitern. Bis dahin werden die Flugzeuge noch am Süd-Terminal an der alten Landebahn abgefertigt und fahren auf zwei Rollbrücken über die Autobahn zum Nordgelände. Unter dem Parkhaus wird inzwischen auch an den Bahnanlagen gebaut. So ganz hat man am Flughafen die Hoffnung auf die Eisenbahn ohnehin noch nicht fahren lassen. „Wenn die Bahn merkt, dass die Nachfrage da ist, wird sie den ICE auch einsetzen“, glaubt Flughafen-Geschäftsführer Stein. Aber er plant auch schon einen Airport-Expresszug, der Berliner Fluggäste in einer Stunde Fahrtzeit nach Leipzig-Halle bringt und einen neuen Service bietet: Der Fluggast kann sein Gepäck schon am Abfahrts-Bahnhof bis zum Zielort einchecken und sich damit aller Schlepperei bis zum Zielflughafen entledigen. Das ist nur eine von Steins Ideen, mit denen er den Flughafen Leipzig-Halle für Passagiere und auch für Frachtkunden attraktiv machen will: „Uns fällt noch viel ein.“ STEFAN SCHROETER
Flughafen-Geschäftsführer Volkmar Stein vor den Plänen des Airports. Zwischen dem Terminal und dem ursprünglich geplanten ICE-Bahnhof entsteht derzeit ein Parkhaus.
Ein Messflugzeug der DFS war der erste Gast auf der neuen Start- und Landebahn Nord des Flughafens Leipzig-Halle, die im März eröffnet werden soll.
Klaus-Dieter Schütte, Niederlassung Leipzig der Deutschen Flugsicherung, testet die Überwachungseinrichtungen im neuen, 65 m hohen Tower an der Startbahn Nord.
Vermessungsarbeiten an der Startbahn Nord durch die DFS. Im Hintergrund eine Gleitwegantenne für die Instrumentenlandung.

Von Stefan Schroeter

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