Produktion 18.03.2005, 18:37 Uhr

„Unser Know-how bündeln wir in Deutschland“  

VDI nachrichten, Hemer, 18. 3. 05 – Dass Strategien aus der Automobilindustrie durchaus auch für deutlich kleinere Produkte taugen, belegt Grohe Water Technology mit Hauptsitz in Hemer. Im Interview erläutert Detlef Spigiel, Technik-Vorstand beim Badarmaturenhersteller, die Struktur seines globalen Fertigungsverbundes. Dabei unterstreicht er die zentrale Rolle der deutschen Werke für sein Unternehmen.

Spigiel: Wir haben ebenso wie die Automobilindustrie globale Absatzmärkte, unsere Kunden sind praktisch auf allen Kontinenten zu finden. Von daher brauchen wir ein Produktionsnetz, welches die drei wichtigsten Regionen – Europa, NAFTA und Asien – zeitnah versorgen kann, wobei wir den NAFTA-Raum auch in Verbindung mit Südamerika betrachten. In diesen Weltregionen muss man Wertschöpfung generieren, die sich aus Produktion und Einkauf zusammensetzt. Ideal ist dabei eine Wertschöpfung, die so groß ist, dass man währungsunabhängig wird, also Schwankungen bei den Umrechnungskursen zwischen Euro und Dollar ausgleichen kann. Damit können wir uns auf das operative Geschäft konzentrieren.

VDI nachrichten: Welche Säulen tragen dieses Konzept?

Spigiel: Wegbereiter für die Auslandsproduktion ist der Vertrieb. Dass Roll-out der Produktion kommt immer zeitversetzt, nach der Marktbereitung. Die zweite wichtige Säule im Verbund ist die Kompetenz und das Know-how der Produktentwicklung, welches wir hier in Deutschland haben. Darauf werden wir auch bei einem stärkeren Auslandsanteil künftig nicht verzichten können. Die Basis für Produktentwicklung und Design wird es auch in Zukunft in vollem Umfang in Deutschland geben.

VDI nachrichten: Können Sie das Argument, dass automatisierte Produktion Standorte in Deutschland sichert, für Ihr Unternehmen bestätigen?

Spigiel: Absolut! Unser Know-how in Deutschland bezieht sich nicht allein auf Design und Entwicklung, sondern auch auf die Fertigungstechnologie. Das ist ein wesentlicher Bestandteil unseres internationalen Produktionsverbundes. Die Fertigungstechnologien werden hier in Deutschland ständig weiterentwickelt. Das gilt für all unsere Kernbereiche, vom Messinggießen bis zur Kunststofffertigung. So haben wir unsere heimischen Fabriken als Kompetenzstandorte aufgebaut, wie z. B. Hemer für den Messingguss und Lahr als Treiber für unsere Kunststoffproduktion. Diese Beispiele sind Garant dafür, dass auch an unseren Auslandsstandorten die Technologie und Qualität sowie alle anderen Punkte der Produktion auf dem gleichen Niveau wie in Deutschland laufen.

VDI nachrichten: Können Sie ein konkretes Beispiel dafür nennen, wie Automatisierungstechnik die Effizienz im Stammwerk gesteigert hat?

Spigiel: Unsere Kartuschenfertigung im Werk Hemer ist dafür ein gutes Beispiel. Diese Anlage, behaupte ich, bewegt sich auf Weltklasseniveau. Sie läuft vollautomatisch, sobald sie manuell bestückt ist. Die Montage der Kartuschen wird komplett von Automaten erledigt. Das ist auch ein Garant für die Standortsicherung in Deutschland. Damit sind wir hauptsächlich kapitalgebunden, Löhne spielen eine sekundäre Rolle. Damit kann die Kartuschenfertigung, als ein Kernstück unserer Produktion, auf längere Sicht auch bei uns in Deutschland bleiben.

VDI nachrichten: Lassen sich solche Strategien auch auf internationale Standorte übertragen oder stehen da manuelle Tätigkeiten im Vordergrund?

Spigiel: Klar ist, dass wir an bestimmen Standorten auf der Welt eine gute Kombination aus automatisierten und manuellen Verfahren haben. Ein Beispiel ist Portugal. Dort sind wir in der Lage, Automatisierung auf dem gleichen Niveau wie in Deutschland zu betreiben. Portugal ist im Vergleich zu vielen, auch osteuropäischen, Standorten die bessere Wahl, weil die Infrastruktur in diesem Land gewachsen ist. Das betrifft sowohl die Ausbildung als auch die Verkehrsnetze.

Regionen mit einer solchen Konstellation sind absolut aufnahmefähig für hoch automatisierte Technologien. Länder wie Polen, Rumänien oder Tschechien sind in dieser Hinsicht weniger geeignet. Deshalb halten wir im Gegensatz zu anderen internationalen Unternehmen an Portugal fest. Dort finden wir günstige Lohnkosten, kombiniert mit einer guten Infrastruktur, was zusammen mit unserer Kompetenz in Deutschland unseren Erfolg ausmacht.

VDI nachrichten: Wie sieht es dagegen mit den Wachstumsregionen Osteuropa und China aus?

Spigiel: Rumänien z. B. ist ein Land, das heute nicht so weit entwickelt ist, um hoch technisierte Anlagen aufzunehmen. Dort können dagegen manuelle Tätigkeiten mit geringen Lohnkosten erledigt werden. Dafür ist aber eine starke Unterstützung aus Deutschland nötig.

China hingegen muss differenziert betrachtet werden. So ist die Region um Shanghai durchaus in der Lage, hoch automatisierte Produktionsanlagen aufzunehmen. Dort gibt es auch viele gut ausgebildete Leute auf internationalem Niveau. Andere Regionen, z. B. nahe der Grenze zu Korea, sind dagegen in Ausbildungsstand und Sprache eher auf dem Niveau von Rumänien.

VDI nachrichten: Weltweit verteilte Standorte stellen hohe Anforderungen an die Logistik. Wie gewährleisten sie dabei geregelte Abläufe?

Spigiel: Zunächst ist es wichtig, dass ein Unternehmen wie unseres eine durchgängige einheitliche Kommunikations- und IT-Umgebung hat. Das ist Voraussetzung dafür, dass man miteinander Informationen austauschen kann. Wir setzen dazu durchgängig auf eine SAP-Implementierung. Darüber hinaus braucht ein Produktionsverbund eine zentrale Logistik. Die haben wir hier in Deutschland. Diese steuert sowohl das interne Werk-zu-Werk-Geschäft als auch die Versorgung unseres weltweiten Vertriebs.

VDI nachrichten: Was ist in Bezug auf die externe Logistik unter Betrachtung von Just-in-time-Konzepten dabei zu beachten?

Spigiel: Das ist immer eine schwierige Aufgabe, die wir innerhalb unseres Verbundes mit traditionellen Mitteln lösen – sprich mit der Bahn, Kraftfahrzeugen und teilweise auch Luftfracht. Natürlich muss man dabei die einzelnen Wegzeiten im Blick haben, wenn man mit größeren Beständen agiert. So sind Teile zwischen unseren deutschen Werken und den USA z. B. auf dem Seeweg zwischen 17 und 27 Tage unterwegs. Entsprechend gilt es Material vorzuhalten, aber auch die Warenströme möglichst gering zu halten. Neben Währungsunabhängigkeit und Wertschöpfung in den wichtigsten Absatzmärkten ist deshalb ein geringes Umlaufvermögen die dritte tragende Säule unserer Produktionsstrategie.

VDI nachrichten: Welche Rolle spielen Zulieferer in diesem Konzept?

Spigiel: Die Einbindung der Zulieferer spielt eine wesentliche Rolle. Wir haben beim Produktionsmaterial ein Einkaufsvolumen von jährlich etwa 250 Mio. €. Das ist etwa die Hälfte der Produktionskosten insgesamt. Wir binden unsere Lieferanten bereits bei der Entwicklung ein und nutzen dabei Simultaneous Engineering. Das heißt, die Partner kommen früh zusammen, um die Konstruktion zu besprechen und hier einen hohen Wert für unsere Kunden zu schaffen. Dinge, die zusätzliche Kosten ohne Mehrnutzen für den Kunden bedeuten, werden dabei identifiziert und frühzeitig aus dem Produkt verbannt.

Darüber hinaus suchen wir Lieferanten, die auch von ihrer Unternehmensphilosophie zu uns passen und weltweit aufgestellt sind.

VDI nachrichten: Wie binden Sie Ihre Zulieferer in Ihr Produktionsnetz ein?

Spigiel: Wir wollen unsere Lieferanten in der Planung dahingehend einbinden, dass sie unsere Montagebänder in der Produktion direkt bestücken. Das wollen wir künftig erreichen. Heute liefern sie in den Wareneingang. Wir haben aber vor, die gesamtlogistische Verantwortung an Just-in-time-Lieferungen in die Verantwortung unserer Zulieferer zu übergeben, so wie es die Automobilindustrie bereits erfolgreich vormacht.

VDI nachrichten: Welche Kosteneinsparungen haben Sie mit dieser Strategie erzielt?

Spigiel: Konkrete Zahlen in den Raum zu stellen ist schwierig. Was wir aber sagen können ist, dass sich die internationale Produktionsstrategie durch die Minimierung des Währungsrisikos lohnt. Zudem vermeiden wir damit Einfuhrzölle, was weitere Kostenvorteile bringt. Sicher wäre es auch möglich, über Lohnkostenunterschiede eine Zahl zu konstruieren. Es wäre aber falsch, es allein daran festzumachen.

VDI nachrichten: Rechnen Sie nach die Übernahme aller Grohe-Anteile durch das Investorenkonsortium aus Texas Pacific Group und CSFB Private Equity in 2004 mittelfristig mit einem Einfluss auf Ihre Produktionsstrategie?

Spigiel: Die Basis, die wir mit der Umsetzung der internationalen Fertigungsstrategie gelegt haben, wird auch nach dem Eignerwechsel konsequent weitergeführt. M. CIUPEK

Von M. Ciupek
Von M. Ciupek

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