Fertigung 20.04.2007, 19:27 Uhr

Umsatzstarke Oberflächentechnik steckt in zu engem Kostenkorsett  

VDI nachrichten, Hannover, 20. 4. 07, Si – Mit einem zweistelligen Umsatzwachstum legt die deutsche Galvanotechnik derzeit überproportional zu. Dennoch leiden die meist mittelständischen Betriebe unter einer dramatischen Kostenexplosion, wie der Zentralverband Oberflächentechnik auf der Hannover Messe verdeutlichte.

Die Oberflächentechnik ist in Deutschland eine der am dynamischsten wachsenden Branchen, wie Herbert Baunach am 16. April in Hannover hervorhob. „Kein Auto“, so der Vorsitzende des Zentralverbandes Oberflächentechnik (ZVO), Hilden, „verlässt mehr das Band, bei dem nicht wesentliche Teile oberflächenveredelt sind, aber auch Bauwirtschaft, Sanitärindustrie oder die Elektrotechnik kommen ohne die große Behandlungsbreite der traditionell mittelständisch geprägten Branche nicht mehr aus.“

Rund 800 Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten sind laut den Angaben des ZVO in der Bundesrepublik in der Oberflächentechnik tätig. Wichtigste Kundengruppe der Branche, die nach Berechnungen der IKB Deutsche Industriebank, Düsseldorf, jährlich einen Umsatz von rund 17,5 Mrd. € erwirtschafte, sei die Automobilindustrie. Sie nehme etwa 40 % der gesamten Leistungen der deutschen Oberflächentechnik in Anspruch.

„In Deutschland werden jährlich Schäden durch Korrosion und Verschleiß im Wert von 150 Mrd. € durch die mittlerweile zu einer Hightech-Branche entwickelten Galvano- und Oberflächentechnik verhindert“, erklärte Baunach am ersten Messetag in Hannover. So ist es auch kaum verwunderlich, dass zur Zeit „galvanische Oberflächen auf der Überholspur sind“, wie Gerd-Uwe Brand belegte. Um durchschnittlich 15 % stieg laut Brand, stellvertretender ZVO-Vorsitzender der Umsatz in den Industriegalvaniken und um 10 % in den Lohngalvaniken des Handwerks. Den jährlichen Gesamtumsatz mit galvanischen Verfahren in Deutschland bezifferte Baunach ungefähr auf 5,6 Mrd. € bis 6 Mrd. €. Eine genaue Angabe sei schwierig, weil Betriebe mit weniger als 20 Beschäftigten statistisch nicht erfasst würden. „Mit der Entwicklung wurden selbst die äußerst positiven Prognosen der IKB aus dem Jahre 2005 übertroffen, die der Galvanotechnik jährliche Wachstumspotenziale von 4,5 % in Aussicht stellte“, freute sich Brand schon auf das in 2007 zu erwartende Wachstum. Zwar sei es jetzt noch zu früh für exakte Aussagen, aber vieles deute darauf hin, dass das laufende Geschäftsjahr mindestens ebenso gut, voraussichtlich aber noch besser als 2006 werden wird. Jedes vierte Unternehmen beider Segmente bezeichne seine aktuelle wirtschaftliche Situation als sehr gut, jedes zweite als gut.

Getrübt werden die Zukunftserwartungen laut Brand durch die extreme Kostensteigerung auf den Rohstoff- und Energiemärkten, so dass die Ertragssituation der oberflächenveredelnden Unternehmen angespannt sei und zum Handeln zwinge. Die Dramatik der Kostenexplosion verdeutlichte der stellvertretende ZVO-Vorsitzende am Beispiel von Zink, Nickel und Kupfer. Hier hätten sich die Preise von Januar 2005 bis Ende 2006 nahezu verdreifacht, bei Kupfer sogar vervierfacht.

Solch hohe Preissprünge ließen keine Kostenfestschreibungen auf Jahre zu, denn die derzeitigen Höchststände könnten je nach Bauteil eine Kostensteigerung von über 20 % bedeuten. „Nur der jährliche Ertrag, nicht der Umsatz, garantiert zweifelsfrei Kundennähe, Entwicklungskapazität, Termintreue, Qualität und Flexibilität“, begründete Brand, warum viele Unternehmer im vergangenen Geschäftsjahr den “ vielfach steinigen Weg“ der Preiserhöhung gegangen sind. Durchschnittlich um 6 % seien die Preise für galvanische Oberflächen erhöht worden. Weitere Preiserhöhungen sind laut dem Branchensprecher vorgesehen. Vor diesem Hintergrund, verbunden mit Kostensenkungsprogrammen, erwarte jeder zweite Oberflächenveredler eine deutliche Verbesserung seiner Ertragslage in diesem Jahr.

Für die Galvanotechnik im Allgemeinen konnte der Verband Vollbeschäftigung vermelden. Qualifizierte Fachkräfte würden sogar händeringend gesucht, der Arbeitsmarkt gebe sie aber nicht her. Diese Situation zu verbessern ist deshalb ein wichtiges Ziel für den ZVO und seine angeschlossenen Mitgliedsverbände. Brand: „Wir begrüßen jede Initiative und freuen uns besonders, dass die Hochschule Aalen auf unserem Gemeinschaftsstand ,Welt der Oberfläche“ ihren Bachelor-Studiengang vorstellt.“ JÜRGEN SIEBENLIST

Ein Beitrag von:

  • Jürgen Siebenlist

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Kunststofftechnik, Logistik, Verpackungstechnik, Textiltechnik.

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