Insight 31.07.2009, 19:42 Uhr

„Turnkey ist unsere Spezialdisziplin“  

Der Anlagenbauer M+W Zander kommt aus der Halbleiterei und etablierte sich als Spezialist für die schlüsselfertige Errichtung komplexer Fabrikations- und Forschungseinrichtungen. Jürgen Wild, Vorsitzender der Geschäftsführung, beschreibt, wie das Unternehmen auch in der Krise profitabel wachsen will. VDI nachrichten. Düsseldorf, 31. 7. o9, jdb

Jürgen Wild: Wir waren eines der ersten Unternehmen, das ab Mitte der 70er-Jahre zunächst in Europa und später in Asien und den USA in der Halbleiterindustrie mit modernen Reinraumkonzepten aktiv wurde. Im Laufe der Zeit zeigte sich dann: Wer eine Halbleiterfabrik bauen kann, der kommt mit so vielen komplexen, technischen Herausforderungen in Berührung, dass diese Erfahrungen auch auf andere Hightechbereiche übertragbar sind.

Welche Bereiche sind das?

Das waren zunächst mit der Halbleiterindustrie eng verwandte Bereiche wie Flachbildschirme oder später Photovoltaik. Heute bauen wir auch komplette Forschungszentren für die Nanotech- und Life-Science-Industrie und sind im Kraftwerksbau, bei erneuerbaren Energien, der Luft- und Raumfahrt sowie beim Bau von Rechenzentren international aktiv. Unsere Dienstleistung beginnt oft mit der Machbarkeitsstudie und setzt sich über die schlüsselfertige Projektrealisierung bis zum Betrieb fort.

Neben diesen klassischen Segmenten hat sich M+W Zander in den vergangen Jahren zu einem führenden Partner im Bereich Process Solutions entwickelt. Als einer der wenigen in diesem Segment können wir unseren Kunden Automatisierung und Anlagenbau für die Bereiche Chemie, Life-Science, Biotech und Nahrungsmittel aus einer Hand anbieten. Von wachsender Bedeutung ist hierbei für unsere beiden Process-Solutions-Tochterunternehmen LSMW und Lang & Peitler die Nahrungsmittelindustrie, in der wir bereits wichtige Erfolge erzielen konnten.

Wie viele Mitarbeiter hat M+W Zander weltweit?

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Die M+W Zander Gruppe hatte Ende 2008 weltweit 4500 Mitarbeiter. Davon sind inzwischen rund 2000 in Asien tätig, also in Ländern wie China, Singapur, Malaysia, Taiwan oder Indien. Unsere jüngste Landesgesellschaft in Vietnam errichtet derzeit für einen deutschen Kunden eine Produktionsstätte für Medizintechnik in Hanoi.

Der Ingenieuranteil dürfte unter Ihren Mitarbeitern recht hoch sein?

Ja, zwei Drittel unserer Mitarbeiter sind Ingenieure. Da kommen fast alle Fachrichtungen zusammen. Das macht uns als Arbeitgeber für Absolventen so interessant: Man kommt frühzeitig mit komplexen interdisziplinären Projekten in Berührung, und das auf internationaler Ebene.

Ihr Job ist es, im Auftrag der Kunden Fabriken zu errichten. Was braucht man da an branchenspezifischem Know-how und wie muss man sich bei Ihnen den Bereich F&E vorstellen?

Wir haben vor ca. einem Jahr unser globales Technologie-Know-how in einer zentralen Einheit als „Global Technology Services“ gebündelt und bauen sie systematisch weiter aus. Dort halten wir vielfältige Ingenieurdisziplinen als Expertengruppen vor. Unsere Spezialisten beraten den Kunden bei der Suche nach der passenden, intelligenten Fabriklösung – von der Standortauswahl, über höhere Energieeffizienz bis zum optimalen Produktionsprozess.

Dazu kommt die Marktseite: Wir haben für jedes Segment Marktspezialisten, die eng mit verschiedenen Branchengremien zusammenarbeiten. Gleichzeitig beobachten sie Entwicklungen in neu entstehenden Märkten, die für uns interessante Wachstumsperspektiven bieten.

Wer sind Ihre wichtigsten Wettbewerber in den verschiedenen Märkten?

Den einen großen Wettbewerber gibt es nicht, das hängt von der Branche und der Art des Kundenauftrags ab. „Turnkey“ ist unsere Spezialdisziplin, in unseren Segmenten können das auf der Welt nicht viele Unternehmen. Da erledigen wir Engineering, Bauausführung und Inbetriebsetzung schlüsselfertig aus einer Hand, nach Wunsch ergänzt um Wartung und andere Services. Wenn ein Kunde aber Teilaufträge vergibt, haben wir natürlich in allen Regionen Wettbewerber.

Und wie trifft Sie die gegenwärtige Krise? Der Bau von Chipfabriken ist derzeit ja eher kein Thema.

Unser Know-how ist nicht nur beim Neubau von Fabriken gefragt, sondern auch bei Erweiterungen, Umbauten und mitlaufenden Prozessverbesserungen. Selbst bei Stilllegungen oder Verkäufen gibt es für uns noch ein Geschäft beim Rückbau der Fertigung oder beim Verlagern von Equipment. Das muss ja als „Used Equipment“ auch irgendwo wieder aufgebaut und integriert werden.

Haben Sie als nicht börsennotiertes Unternehmen in der Krise einen Vorteil, weil Sie nicht an Quartalsergebnissen gemessen werden?

Auch wir haben einen starken Fokus auf die wirtschaftliche Entwicklung. Ob mit oder ohne Quartalsergebnis: Für uns gilt profitables Wachstum als Maxime unserer Unternehmenspolitik. Natürlich planen wir jetzt schon für die Zeit nach der Krise mit zusätzlichen Geschäftsmöglichkeiten. Wir wollen uns in neue Regionen ausweiten und neue Märkte erschließen.

Was heißt das konkret?

Geografisch wollen wir uns dieses Jahr stärker im Mittleren Osten positionieren, da sehen wir große Wachstumschancen. Und ein Beispiel für neue Märkte sind Batteriefabriken für Elektroautos. Das Elektroauto wird kommen, davon bin ich fest überzeugt. Aber die Herstellkosten für Lithium-Ionen-Auto-Akkumulatoren sind derzeit noch unwirtschaftlich. Drastische Kostensenkungen erreichen die Batteriehersteller nur durch Steigerung ihrer Produktionszahlen und eine damit verbundene Reduktion ihrer Stückkosten. Das von uns entwickelte, modulare Fabrikkonzept für die industrielle Serienfertigung kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Sie haben die Bedeutung des asiatischen Raums für M+W Zander betont. Etwas provozierend gefragt: Ist es da sinnvoll, seine Zentrale in Stuttgart zu haben und nicht z. B. in Singapur?

Europa bleibt für uns auch mittelfristig ein extrem wichtiger Wirtschaftsraum. In Russland z. B. werden im Bereich Nanotechnologie oder der Automobilindustrie in Zukunft neue moderne Fabriken entstehen. Die Photovoltaik wird weiterhin auch ein europäisches Thema sein. Und in der Forschung, der Life-Science- und der chemischen Industrie spielt Europa auch künftig eine große Rolle. Da überlegen wir, wie wir unsere Position in Europa ausbauen können.

Sie sind im Konsortium Desertec mit dabei. Was wird M+W Zanders Rolle beim Aufbau eines solarthermischen Kraftwerks in Nordafrika sein?

Wir sind seit langem im Geschäft mit Photovoltaik und Solartechnik tätig, ein von uns errichtetes Solarthermiekraftwerk ist seit März in Spanien in Betrieb. Insofern können wir unser Knowhow in diese Initiative einbringen. Das Besondere an der Desertec Industrial Initiative ist aus unserer Sicht, dass hier das gesamte Leistungsspektrum von der Finanzierung über die Technologien bis zum Anlagenbau gebündelt ist. jdb

 

Ein Beitrag von:

  • Jens D. Billerbeck

    Jens D. Billerbeck

    Leiter Content Management im VDI Verlag. Studierte Elektrotechnik in Duisburg und arbeitet seit seiner Schulzeit jounalistisch. Nach Volontariat und Studienabschluss Redakteur der VDI nachrichten u. a. für Mikroelektronik, Hard- und Software, digitale Medien und mehr.

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