Fertigung 16.04.1999, 17:21 Uhr

Technische Welt im Kleinformat

Modellbau gilt als schönes Hobby. Modellbau ist aber auch für viele Branchen unverzichtbar – selbst wenn Computeranimation und Simulation den Profi-Bastlern Konkurrenz machen.

Mit ruhigen Fingern schiebt Peter Keim den Kolben in den Hydraulikzylinder und paßt ihn an den Ausleger des feuerroten Baggers an. Allein der Zylinder des Liebherr 996 besteht aus zehn Einzelteilen. Hauptbestandteil ist ein Aluminiumrohr mit aufgesetzten Gußteilen wie Rohrleitungen, Materialverstärkungen und Schlauchanschlüssen. „Um den Kolben optimal zu führen, arbeite ich O-Ringe ein“, erzählt der Göttinger Bagger-Spezialist.
Peter Keims Hobby, Großbagger bis in das letzte Detail nachzubauen, entpuppte sich als Marktlücke. Jetzt will er mit seiner Tochter Tanja professionell weiterarbeiten. Den derzeit größten Hydraulikbagger der Welt baute Keim schon 1997 im Modell nach . Der Baumaschinenhersteller O&K Mining aus Dortmund wollte ein Modell des 830 t schweren RH400 für ein Verkaufsgespräch in Kanada. Das Modell existierte noch vor dem Serien-Original. Damit begann Keims „Karriere“. „Inzwischen bekomme ich Anfragen aus der ganzen Welt.“ Die Szene kennt sich untereinander. Tanja Keim will nächste Woche das Gewerbe anmelden. Die gelernte Bauzeichnerin beherrscht inzwischen sämtliche Handgriffe beim Bau der Modelle so gut wie ihr Vater.
Keim bemüht sich weiter um Kontakte zu den Baumaschinenherstellern, von denen er die Konstruktionspläne braucht. „In mancher Abteilung von Baumaschinenherstellern springe ich herum, als ob ich dazugehöre“, erzählt er. In Zukunft wollen Keim und Tochter Firmen wie O&K Mining komplette Flotten ihrer Produktpalette zu Ausstellungszwecken anbieten. Dafür könnten die Modelle auch doppelt so groß sein. Für viele Firmen könnte das interessant sein, um künftig auf Messen und Ausstellungen einen realistischen Eindruck ihrer Produkte zu vermitteln. Keims Pläne sind ehrgeizig. „Wir wollen auch auf den amerikanischen Markt.“
Trotz der immer besser werdenden Computersimulation und trotz Virtual Reality sind Modelle, detailgetreue dreidimensionale Abbilder der Realität nach wie vor gefragt. Die Firma Keynes in Neuss ist vom Bastlerdasein schon lange weit entfernt und gehört mit ihrer 16 Mann starken Modellbauabteilung zu den größten Herstellern von Funktionsmodellen (siehe Kasten) in Deutschland.
„Vor ungefähr sechs Jahren fing die Computeranimation an, uns Konkurrenz zu machen“, erinnert sich Keynes-Werkstattleiter Ralf Berger. Der Computer macht dem Unternehmen seither ernsthafte Konkurrenz. Berger kennt aber auch Kunden, die von der Animation zum Modell zurückkehren. „Computeranimationen haben in puncto Faszination nachgelassen“, stellt er fest. Als Alternative bleibt noch, einen Film über das jeweilige Produkt zu drehen. Für die Präsentation auf Messen allerdings werden Filme immer weniger genutzt. Berger: „Die Leute setzen sich meist davor, um sich von den Strapazen zu erholen. Bei einem Modell können sie hingucken, wohin und so lange sie wollen.“
Der Modellbau ist wahrscheinlich so alt wie unsere Zivilisation selbst. Schon der römische Kaiser Nero hatte vor 2000 Jahren ein Modell des damaligen Rom bauen lassen. Heute unterscheidet man zwischen Produktions- und Anschauungsmodellbau. Der Produktionsmodellbau, der aus dem Gießereimodellbau hervorging, befaßt sich mit Prototypen und ist Bestandteil der Produktentwicklung beispielsweise in der Automobilindustrie. Anschauungsmodelle dienen in erster Linie zu Werbezwecken. Darunter fallen dann auch Architektur-, Industrie- und Funktionsmodelle. „Daß das ein ernstzunehmender Beruf ist“, sagt Modellprofi Berger, „das merken die Leute immer erst, wenn sie unsere Preise hören.“
Die wenigsten Modellbauer arbeiten allerdings mit großen Belegschaften. „Modellbau Hannover“ hatte Anfang der 90er Jahre noch zwölf Angestellte. Übriggeblieben sind Rainer Lotze und sein Sohn Martin.
Martin Lotze steht vor einem seiner Lieblingsmodelle, einem 1 m hohen Fahrstuhl. Der kürzliche Umzug der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe (DBE) in den Neubau in Peine hat das Modell ziemlich mitgenommen. Behutsam untersucht Martin Lotze die Anlage. Der eine von zwei Waggons mit den orangefarbenen Transportbehältern ist bei dem Umzug aus der Schiene gesprungen, der andere ist nicht Gang zu setzen. „Die Räder drehen durch.“ Jemand hat versucht, die Schienen mit Öl zu schmieren.
Zu dem Fahrstuhl gibt es bis heute kein reales Vorbild. Kernstück bildet ein hoher Turm mit Mehrfachflaschenzug, daran hängt ein Fahrkorb, in den Transportschienen führen. Es ist im Modell das Ergebnis eines Forschungsprojektes der DBE. „Vor unserem Projekt wußte kein Mensch, wie man Lasten von 85 t in 730 m Tiefe hinabläßt, wie das in Gorleben der Fall wäre“, betont DBE-Ingenieur Wolfgang Filbert. Beim Schachttransport werden die schweren Eisenbahnwaggons mit Pollox-Behältern, in denen abgebrannte Brennstäbe liegen, abgeseilt. Obwohl schon zehn Jahre alt, ist dieser Miniatur-Schachtfahrstuhl für Eisenbahnwaggons immer noch sehr aktuell. „Die Endlagerungsfrage ist ja noch offen“, so Filbert.
Die Besonderheit: Der Fahrkorb hat einen Zwischenboden, der beim Ein- und Ausfahren des Waggons mit einer Art Bolzenschloß in Höhe der Schienen völlig starr mit der Ebene verbunden ist. Erst wenn die Last im Fahrstuhl ist, übernimmt dieser langsam den Zwischenboden und die Bolzenschlösser lösen sich. Wäre das nicht der Fall, würden sich die Stahlseile über Tage 3 cm, in 730 m Tiefe aber über 1 m ausdehnen. Das Fahrstuhl-Modell stand schon auf vielen Messen und Ausstellungen, darunter mehrmals auf der Hannover Messe.
Erst vor einem halben Jahr haben Martin Lotze und sein Vater Rainer das Fahrstuhlmodell generalüberholt. Schon vor zehn Jahren war für den Sohn klar, daß er in Vaters Firma einsteigen wird. Der machte sich 1972 selbständig, als er vom Orgelbau genug hatte. „Damals war die Firma noch größer, aber heutzutage arbeitet auch die Konkurrenz meist nur mit ein bis zwei Angestellten pro Betrieb“, weiß der Vater.
Die meisten Aufträge für die Hannoveraner sind nach wie vor Architekturmodelle. Anfang des Jahres haben die beiden ein 12 m2 großes Modell vom Flughafen Hannover-Langenhagen ausgeliefert. Im Großraum Hannover ist „Modellbau Hannover“ der einzige Betrieb, der Industrie- und Funktionsmodelle herstellt. Sein erstes Industriemodell hat Rainer Lotze zu Beginn der 80er Jahre für eine Werkzeugmesse in Chicago gebaut – eine Drehbank im Maßstab 1:5, trotzdem noch schreibtischgroß. Seitdem haben Vater und Sohn 15 bis 20 Industrie- und Funktionsmodelle gebaut.
Und jedes einzelne ist eine knifflige Herausforderung. Auch der Fahrstuhl hat es in sich. Rainer Lotze ist zu dem Schluß gekommen, daß an dem Modell doch noch mehr nachzustellen und zu reparieren ist, als er auf die schnelle erledigen kann. Das Modell ist auch nach zehn Jahren immer noch im Einsatz. „Ich bin nicht der Typ, um am Fließband zu stehen“, sagt er. „So ein Modell hat man von Anfang bis Ende in der Hand, das ist was sehr Schönes an der Arbeit.“
KARSTEN SCHÄFER
Erhielt Auftrag durch Gorleben: Martin Lotze aus Hannover entwickelte mit Kollegen das Modell eines Fahrstuhls für den Transport radioaktiver Brennelemente in den Salzstock.
Der Göttinger Modellbauer Peter Keim und Tochter Tanja bauen komplizierteste Baumaschinen im Modell nach. Die beiden wollen Firmen komplette Flotten ihrer Produktpalette zu Ausstellungszwecken anbieten.

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