Produktion 14.01.2005, 18:36 Uhr

Sonneberg: Mit Volldampf durch die Wende

VDI nachrichten, Sonneberg, 14. 1. 05 -Die Spielzeugfabrikation hat in Sonneberg in Thüringen seit 300 Jahren Tradition. Die Stadt behauptete sich schon kurz nach der Wende als Standort der Modelleisenbahn. Neben Marktführer Märklin aus dem Westen ist vor allem der ehemalige DDR-Hersteller Piko hier aktiv und mit neuen Marketing-Ideen erfolgreich.

Der Weg nach Sonneberg ist voller Zeichen und Symbole. Kurz hinter Erlangen breiten Engelchen ihre Flügel an der Einfahrt des alten Eisenbahntunnels aus. Formsignale recken ihre Flügel in die Höhe, der moderne Doppelstockzug rollt an barocken Kirchen, Schlössern, Industriebetrieben und alten Malzfabriken vorbei durch die sanft geschwungenen Hügel Frankens Richtung Osten. In Neustadt kurz ein Blick auf die Reste der Hausser-Werke, in der einst Miniaturfiguren von Elastolin das Licht der Welt erblickten. Heute stellt dort Preiser Figuren her. Keine Spur mehr von der Zonengrenze. Bis Sonneberg in Thüringen ist es aus Bayern nur ein Katzensprung.
Die Fahrt endet im Umweltbahnhof, einer Kombination aus verschnörkeltem Jugendstilgebäude und modernem Busbahnhof. Gegenüber thront das mächtige Rathaus von 1928 – schon das fünfte in der 800 Jahre alten Stadt, die zahllose Brände und Bombardierungen überstand. Ein steinernes Symbol der Schaffenskraft der südthüringischen Spielzeugstadt mit ihren 24 230 Einwohnern.
In der alten „Weltspielwarenstadt“ mit 300-jähriger Tradition, aus der Porzellanpuppenköpfe, Spiele und Teddybären kamen, in der sich zu DDR-Zeiten das Spielwarenkombinat „Sonni“ bildete, werden auch heute Plüschtiere genäht und Hightech-Modelleisenbahnen hergestellt. Seit der Wiedervereinigung noch mehr. Denn neben der DDR-Traditionsmarke Piko, die hier schon seit Jahrzehnten Modelleisenbahnen herstellt, siedelte sich Märklin aus der Partnerstadt Göppingen an.
Stehaufmännchen werden in Sonneberg nicht hergestellt, und doch spricht vieles dafür, dass sie hier zu Hause sind. Denn die Stadt und ihre Bewohner standen nach Rückschlägen immer wieder auf. „Es war ein Glück, dass diejenigen, die damals die DDR-Betriebe verstaatlicht haben, nach der Wende gleich die Privatisierung betreiben konnten“, sagt Annegret Steiner von der Abteilung Wirtschaftsförderung der Stadt Sonneberg. Bis etwa 1994 ging das ohne große Probleme und ohne die bürokratischen Hürden der Bundesrepublik.
So boten die cleveren Spielwarenkombinatsleiter ihren Neubau schon 1990 dem Fürther Spielwarenkonzern Dickie-Tamiya an, einem der größten Spielzeugkonzerne der Welt. Vom Logistikzentrum aus verteilen heute 120 Mitarbeiter die Waren aus China, Tschechien und Deutschland für ganz Europa – zu Westlöhnen.
Nach Holz/Kunststoff-Tarif zahlt Märklin in Thüringen, nach Metalltarif dagegen am schwäbischen Stammsitz. „In Göppingen zahlen wir im Schnitt 2235 €, in Sonneberg 1300 €“, sagt Märklin-Pressesprecher Roland Gaugele. Die Traditionsfirma übernahm schon Mitte 1991 Gelände und Mitarbeiter der DDR-Unterhaltungselektronik-Firma Stern-Radio, um den aus den Nähten platzenden Standort Schwäbisch Gmünd zu ersetzen. Jetzt, wo Konsumzurückhaltung, aber auch hausgemachte Probleme zum drastischen Stellenabbau in Göppingen zwingen, gewinnt der Betrieb in Sonneberg an Bedeutung. „Wir sind das Märklin-Kompetenzzentrum für Kunststoffspritzen und Oberflächentechnik“, sagt Werkleiter Helmut Paschold.
Unter den 240 Mitarbeitern sind 27 Diplomingenieure, die etwa für die Plasmabehandlung von Kunststoffoberflächen, den Umgang mit Wasserlacken, Zehnfarbendruckzentren und Laserdrucktechniken verantwortlich sind. Diese Stationen bekommen nur Journalisten zu Gesicht. Die jährlich 10 000 Besucher dürfen im angeschlossenen Laden einen Blick auf im wahrsten Sinne des Wortes „Modellarbeitsplätze“ werfen, an denen Frauen Eisenbahnwagen montieren.
Bescheidener geht es bei der ehemaligen DDR-Modellbahnfirma Piko zu. Reinräume und Zehnfarbdruckmaschinen für die Lackierung und Bedruckung gibt es auch hier – nur etwas kleiner als bei Märklin. Eine Werkstatt für den Formenbau ist der Produktion vorgelagert.
Im Mai 1992 hatte der westdeutsche Geschäftsmann Dr. René F. Wilfer den maroden Betrieb gekauft und 90 Mitarbeiter übernommen. Heute sind es 150, die im Dreischichtbetrieb H0-Eisenbahnen im Maßstab 1:87, Gebäudebausätze für Gartenbahnen und einige Baufahrzeuge für den Sandkasten herstellen. Piko-Chef Wilfer verrät keine Umsatzzahlen, vermutlich ein paar Millionen. Marktführer Märklin ist dagegen mit seinen 164,4 Mio. € Umsatz ein Koloss und beansprucht für sich knapp die Hälfte des deutschen Modelleisenbahnmarkts.
Doch Wilfer, der sich jedes Jahr eine Brille aus Eisenbahnmotiven gestalten lässt, freut es, wenn er für seine clevere Strategie gelobt wird. Seitdem Märklin den Abbau von 361 Stellen ankündigte, stehen die Journalisten bei ihm Schlange. Genüsslich zitiert er den großen Konkurrenten und skizziert seine Gegenstrategie. „Ich habe mir schon 1997/98 Gedanken gemacht: Wo geht der Markt hin?“ Erkennbar war: Die Kunden überaltern, die Kinder werden nicht mehr zum Modellbahnspielen animiert, die Preise laufen davon.
Während Märklin, Fleischmann und Roco in jahrzehntelanger Tradition jährlich ihre Preise im Februar um 4 % bis 12 % erhöhten, suchte Wilfer nach günstigen Alternativen. „Kunden werden über preiswerte Modelle gewonnen, nicht mit 200 € teurer Standardware.“ Piko schaffte es, mit der einfacheren, zum Teil in China gefertigten Hobby-Linie beim Fachhandel Fuß zu fassen. 89 DM kostete eine moderne E-Lok, die nicht die feinen Handgriffe und Leitern der Mitbewerber hatte, aber trotzdem eine gute Figur machte.
Das süße Gift des Modellbahnvirus kommt in aller Regel über die preiswerten Startpackungen ins Kinderzimmer – das weiß Wilfer ebenso wie Märklin-Chef Paul Adams . Wer mit einem Start-Set von Märklin, Roco, Fleischmann oder LGB angefangen hat, bleibt meist dabei. So etwas gab es bei Piko nicht, und so entwickelten die Sonneberger ein eigenes Gleissystem, preiswerte Häuschen und gingen 2003 in die Offensive. Über Lidl.
Wer beim Discounter Piko erwirbt, so Wilfers Kalkül, geht später vielleicht ins Fachgeschäft und kauft mehr von Piko. „Zugegeben, wer im Fachhandel auf eine Marke stößt, bleibt zu 50 % bis 70 % dabei“, sagt Wilfer. „Bei Lidl sind es vielleicht nur 10 %, aber da treffe ich auf Kunden, die nie ins Fachgeschäft gehen würden.“ Die Weiche für 10 €, günstige Loks und Wagen, da kauft der Kunde nach. Ein zweistelliges Umsatzplus war für Piko der Lohn. Mit solchen Strategien tut sich Märklin schwer. Wer, wie die Göppinger, die Tradition seit über 100 Jahren hochhält und auf lebenslang loyale Kunden zählt, rechnet nicht mit der Kraft des Bumerangs, der Märklin jetzt zum drastischen Stellenabbau zwingt. Während manche Kunden nicht mehr bereit sind, bis zu 450 € für eine Dampflok zu investieren, sterben die ältesten Märklin-Fans weg und hinterlassen oft große Sammlungen von neuwertigen Modellen. Sie sind nun bei Ebay für einen Bruchteil des Neupreises zu haben. Über 20 000 Märklin-Artikel sind dort ständig im Angebot.
Günstige Gebrauchtware und Konsumzurückhaltung ließen den gesamten Modellbahnmarkt schon 2003 um 7,5 % schrumpfen. Piko legte entgegen dem Trend zu. Auch Märklin verlor nur 3,5 % und hofft weiter auf steigende Exporte. Und weil in Sonneberg auch das Geschäft mit Plüschtieren und Kunststoffteilen für die Autoindustrie gut läuft, braucht man sich um das Stehaufmännchen Sonneberg keine Sorgen zu machen. FRIEDHELM WEIDELICH

Von Friedhelm Weidelich

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