Produktion 07.05.2004, 18:30 Uhr

Siemens-Standorte in Ungarn sind offenbar ausgewählt

In Ungarn gibt es Anzeichen dafür, dass der Produktionsstandort für die in Zukunft eventuell verlagerten ICM-Jobs von Siemens aus Kamp-Lintfort und Bocholt die Insel Csepel im Süden von Budapest sein wird. Für die Transformatorenfertigung ist offenbar der westungarische Standort Szombathely vorgesehen. „Wir verhandeln und kämpfen in Deutschland um die Arbeitsplätze“, beruhigt aber Siemens-Sprecher Peter Gottal in München.

Was ist da los? In der heftigen Diskussion um die Verlagerung von deutschen Arbeitsplätzen nach China, Indien oder in kostengünstigere EU-Beitrittsländer gibt es vage Anzeichen dafür, dass den Worten in absehbarer Zeit konkrete Taten folgen sollen. Der Siemens-Konzern erwägt – wie bereits berichtet – zwischen 2000 und 3000 Arbeitsplätze seiner Mobilfunksparte (ICM) aus den Produktionsstätten von Handys und Schnurlostelefonen in Bocholt und Kamp-Lintfort nach Ungarn zu verlagern. Die Verhandlungen mit Gewerkschaft und Betriebsrat laufen auf Hochtouren. Siemens will Einsparungen bei den Lohnkosten erzielen. Siemens-Chef Heinrich von Pierer hatte bereits im vergangenen Jahr erklärt, dass er die EU-Osterweiterung zu großflächigen Arbeitsplatzverlagerungen nutzen werden.

Teil der Siemens-Strategie ist offenbar, die entsprechenden Maßnahmen im Ausland offensiv zu kommunizieren. Siemens-Statthalter Péter Hetényi, Generaldirektor für Ungarn, ließ gegenüber Budapester Medien ohne Umschweife durchblicken, dass die Standorte für die Verlagerungen feststehen – sofern in Deutschland mit den entsprechenden Plänen Ernst gemacht wird.
Für die Produktionsstätten von Handys und Schnurlostelefonen ist das traditionsreiche Budapester Industrieviertel Csepel vorgesehen, die Trafo-Fertigung soll ins westungarische Szombathely gehen. An beiden Standorten gibt es einschlägige industrielle Erfahrung und ein entsprechendes Potenzial an Arbeitskräften, betonte Péter Hetényi. Im Zeitalter der globalen Kommunikation und in Kenntnis der bei Siemens üblichen Kommunikationsgepflogenheiten scheint es wenig wahrscheinlich, dass sich ein lokaler Statthalter ohne grünes Licht oder entsprechende Anweisungen aus München in einer so brisanten Frage dermaßen deutlich in der Öffentlichkeit äußern könnte, meinen jedenfalls Kenner des Traditions-Unternehmens. Mit diesem Vorgehen solle offenbar der Druck auf die Gewerkschaften in Deutschland weiter erhöht werden. Gleichzeitig kann in Ungarn das Terrain für unternehmerfreundliche Lösungen seitens der lokalen Behörden entsprechend aufbereitet werden. Siemens nimmt in Ungarn – ähnlich wie bereits vor dem Zweiten Weltkrieg – in vielen Industriesparten eine dominante Stellung ein. Die ungarische Ländergesellschaft erzielte im vergangenen Jahr mit 15 Sparten (2300 Beschäftigte) einen Umsatz von umgerechnet 303 Mio. €. Für den Standort Ungarn spreche neben dem 30 %igen Kostenvorteil vor allem auch die Tatsache, dass die ungarischen Arbeitskräfte deutlich flexibler seien als ihre Kollegen in Deutschland, betonte der ungarische Siemens-Generaldirektor gegenüber lokalen Medien. Während in Ungarn etwa in der besonders kundensensiblen Mobilfunksparte in der Zeit vor Weihnachten an sieben Tagen rund um die Uhr gearbeitet werde, könne das Unternehmen in schwächeren Nachfragezeiten problemlos auf Kurzarbeit umstellen. Die Gewerkschaften hätten in Ungarn zudem deutlich weniger Gewicht als in Deutschland und zeigten sich seit der Wende in einem entscheidenden Punkt deutlich gesprächsbereiter: In der Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen. Die Ungarn wissen zudem schon heute aus eigener leidvoller Erfahrung, dass zu teure Jobs sofort weiter nach Osten wandern, räumte der Siemens-Generaldirketor ein.

In der Konzernzentrale in München zeigte man sich von dem Vorstoß von Péter Hetényi überrascht. „Wir verhandeln hier weiter mit dem Gesamtbetriebsrat und kämpfen um jeden Arbeitsplatz in Deutschland“, erklärte Sprecher Peter Gottal. Warum sich der ungarische Generaldirektor so geäußert habe, sei ihm nicht bekannt. „Es gibt keine neue Sachlage.“ Es sei viel zu verfrüht, um über konkrete Dinge zu sprechen.

 

Von Aron G. Papp/Claudia Hantrop

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