Schoko-Hase kommt ohne Form in Form
Im ersten Halbjahr 1998 naschten die Deutschen Süßwaren im Wert von 7,5 Mrd. DM. Auch bei den Maschinen zur Herstellung von Schokolade, Zucker- oder Dauerbackwaren hat Deutschland eine Spitzenposition, wie jetzt die Messe Interpack wieder zeigte.
Der buntschillernde Schokoladen-Nikolaus wirkte etwas deplaziert in der Halle 1 des Düsseldorfer Messegeländes. Immerhin schien draußen die Maisonne auf die Besucher der internationalen Fachmesse Interpack. Es war – natürlich – die Verpackung, die den süßen Gesellen als Ausstellungsobjekt qualifizierte, aber ebenso der Inhalt. Denn die Interpack ist auch die führende Messeveranstaltung der Süßwarenmaschinen-Branche.
Süßwarenmaschinen auf einer Messe für Verpackungsmaschinen und Packmittel? Das ist auf den ersten Blick ein Widerspruch. Historisch betrachtet liegen die Wurzeln der Interpack jedoch genau in diesem Bereich: „Die Idee zur Interpack entstand Mitte der 50er Jahre“, erinnert der Vizepräsident der Interpack 99, Erhard Rustler. „Eine Gruppe von deutschen Maschinenbauern fühlte sich auf der Hannover Messe aufgrund der Fülle der Exponate nicht mehr recht wohl. Man beschloß, eine eigene Messe zu organisieren und von Hannover nach Düsseldorf umzuziehen.“ Federführend waren dabei eine Reihe von Herstellern von Süßwarenproduktions- und -verpackungsmaschinen. Rustler nennt Namen wie Bauermeister, Hänsel, Hamac Hanselle, Sollich oder Winkler & Dünnebier. Allerdings hat sich nach der ersten Interpack 1958 das Gewicht der Messe immer stärker zu ungunsten der Süßwarenmaschinen verschoben – heute sind die Süßwarenmaschinen unter den drei Ausstellungsbereichen der Interpack der kleinste.
Es gibt aber natürlich auch eine technische Begründung für die enge Verzahnung von Süßwaren- und Verpackungsmaschinen. In kaum einem anderen Bereich der Nahrungsmittel-, Chemischen- oder Pharmazeutischen Industrie besteht laut Rustler ein so enger Verbund zwischen der Herstellung des Produktes und seiner Verpackung: „Das hat damit zu tun, daß die meisten Süßwarenartikel – eine Tafel Schokolade, ein Riegel, ein Bonbon oder ein Stück Kaugummi – ohne Einzelverpackung gar nicht handhabbar wären.“ Es wurden also Technologien entwickelt, um die Herstellungs- und Verpackungsprozesse unmittelbar miteinander zu verbinden. Ein typisches Beispiel sind die eingangs erwähnten Nikoläuse und Osterhasen. Solche Schokoladenhohlkörper werden in Gußformen erzeugt, in die flüssige Schokoladenmasse eingebracht wird. Durch Schleudern wird diese gleichmäßig in der Form verteilt und ergibt nach Abkühlung eine dünne Schokoladenschicht in der gewünschten Gestalt. Was liegt also näher, als Form und Verpackung zu verbinden: Aluminium-Nikoläuse und Osterhasen – bunt bedruckt mit allem drum und dran – werden in einem Plastikträger direkt als Gußform benutzt. Nach dem Erkalten müssen die Ränder nur noch umgebördelt werden, und fertig ist das Produkt. Damit haben sich natürlich Gerüchte, nicht verkaufte Weihnachtsmänner würden zu Osterhasen umgewidmet, als unwahr entlarvt.
Rustler hat weitere Beispiele parat: Das Formen, Schneiden und Verpacken von Weichkaramellen, Toffees, Kaubonbons oder Kaugummis. Dabei werden gekochte oder gemischte Zuckermassen mittels Strangformeinrichtungen oder Extrudern zu kontinuierlichen Massesträngen von beliebigem Querschnitt geformt, die unmittelbar den Maschinen zugeführt werden, auf denen ein Stück abgeschnitten und verpackt wird.“ Das Endprodukt sei dann entweder ein Einzelbonbon in unterschiedlichen Einschlagarten oder eine Stange oder ein Päckchen. Ähnliche vollautomatische In-Line-Verfahren gibt es auch bei der Schokoladenproduktion.
In der Süßwarenindustrie, Abnehmer der Maschinen und Anlagen, herrscht 1998 nach einem schwierigen Jahr 1997 ein leicht positiver Trend vor, einige wenige Bereiche konnten nach Angaben des Süßwarenmonitors der Gesellschaft für Konsumforschung GfK in Nürnberg sogar zweistellig wachsen. Immerhin vertilgten die Deutschen von Januar bis Juni 1998 rund 557 000 t Naschwerk, darunter 74 295 t Riegel, 61 841 t Pralinen, 101 822 t Tafelschokolade, 45 990 t Bonbons, 50 129 t Fruchtgummi und Lakritz sowie 6719 t Negerküsse.
Im Spannungsfeld zwischen den Anforderungen der Süßwarenindustrie nach Flexibilität und Qualität hat sich die Branche der Süßwarenmaschinen hochspezialisiert. „Die berühmte Globalisierung ist für uns kein aktuelles Modewort, sondern seit Jahrzehnten Bestandteil unserer täglichen Arbeit“, meint Branchenexperte Rustler. Der geschätzte Produktionswert der deutschen Hersteller von Süßwarenmaschinen belief sich für 1998 auf rund 510 Mio. DM. Nach einem deutliuchen Zuwachs in 1996 bedeutet dies eine Stabilisierung auf hohem Niveau. Rustler: „Im Vergleich zum gesamten Maschinenbau, der einen Exportanteil von 65 % hat, gehört der Süßwarenmaschinenbau mit einer Exportquote von 85 % inklusive der gelieferten Anlagenteile zu den absoluten Exportweltmeistern. Dabei entwickeln sich die Anbieter vom reinen Anlagenproduzenten immer stärker auch zum Anbieter von Dienstleistungen, von Komplettlösungen. Rustler: „Viele Kunden möchten gerne einen Ansprechpartner für ihre Projekte haben, unabhängig davon, ob dieser Partner auch alle Anlagenteile selbst produziert.“
Als Dienstleister helfen die Maschinenproduzenten den Süßwarenherstellern, flexibel auf die Marktanforderungen zu reagieren. So zeigt sich – laut Bundesverband des Deutschen Süßwarengroß- und Außenhandels – daß Leckereien in poppiger und witziger Aufmachung heute besser laufen als die klassische Saisonware vom Osterhasen bis zum Weihnachtsmann. Möglicherweise wird so der poppige Nikolaus aus Halle 1 bald zum Ladenhüter.
JENS D. BILLERBECK
Außen bunt und innen lecker: Die weihnachtliche Verpackung des Schokoladenhohlkörpers dient gleichzeitig als Gußform. Verpackungskünstler ohne Christo: Bis zu 1800 Bonbons kann diese Maschine pro Minute in Folie einwickeln.
Gummibärchen werden in Formen aus Stärkemehl gegossen.
Candymaster heißt diese puderlose Gießanlage für Hart- und Weichzuckermassen.
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