Branchenexperten schlagen Alarm 14.12.2001, 17:32 Uhr

Produktivität ist noch längst nicht ausgereizt

39 % der Arbeitszeit werden im deutschen Mittelstand „verschwendet“. Das zeigen die Ergebnisse einer internationalen Studie. Für den deutschen Markt kommen die Produktivitätsberater zu teilweise drama­tischen Einschätzungen.

Wichtiges Fazit der weltweiten Analyse: Obwohl das Potential zur Produktivitätssteigerung beispielsweise durch neue Technologien deutlich zugenommen habe, werde es nicht in gleichem Maße ausgenutzt. Zu diesem Ergebnis kommen die Berater von Czipin & Proudfoot Consulting, Wien, in ihrer jetzt vorgestellten „Globalen Produktivitätsstudie“.

Für die Studie wurden international vergleichbare Produktivitätskennziffern ermittelt. „Produktive Tätigkeiten sind Tätigkeiten, die direkt der Wertschöpfungskette zuzurechnen sind. Abläufe, bei denen alles passt und jedes Zahnrad ohne Reibungsverlust ineinander greift“, definiert Alois Czipin, Geschäftsführer von Czipin & Proudfoot Consulting. Die globale Untersuchung basiert auf der Auswertung von Einzelstudien, die von Czipin & Proudfoot in den Unternehmen in Deutschland, Österreich, Frankreich, USA, Großbritannien und Ungarn durchgeführt wurden. Zudem wurden repräsentative Untersuchungen zum Thema Produktivitätsentwicklung durchgeführt, bei Betrieben in Österreich, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Ungarn, USA, Japan, Südafrika und Australien.

Alois Czipin nennt konkrete Ergebnisse: „39 % der Arbeitszeit wird in deutschen Unternehmen unproduktiv verschwendet. Das entspricht umgerechnet 85 Arbeitstagen im Jahr,
die nicht wertschöpfend genutzt
werden.“

In Deutschland wird die Liste der „Produktivitätskiller“ von Managementfehlern angeführt. So entfallen 45 % der Produktivitätsverluste bzw. insgesamt 38,3 verschwendete Arbeitstage auf „mangelnde Planung und Steuerung“ sowie 17 % oder 14,5 unproduktiv verbrachte Arbeitstage auf „mangelnde Führung und Aufsicht“.
Weitere Problemfelder sind „mangelnde Kommunikation“ und „Mangelnde Arbeitsmoral“. Aber auch „EDV-Probleme“ sowie „mangelnde Qualifikation“ führen zu Unproduktivität.

Der Unternehmensberater räumt ein, dass die hohe Unproduktivität nicht komplett beseitigt werden könne. Doch selbst wenn man zu Grunde legt, dass in der Praxis 15 % der in Unternehmen vorhandenen unproduktiven Tätigkeiten nicht zu vermeiden sind, sei bei mittelständischen Unternehmen ein Produktivitätssteigerungspotenzial von 24 % vorhanden, so Czipin.

Im internationalen Vergleich hat die deutsche Wirtschaft, nach den Studien von Czipin & Proudfoot, ihre eindeutige Führungsposition verloren. Deutschland und die USA (je 39 % Unproduktivität)sowie Österreich (40 %) liegen nun gemeinsam an der Spitze. Die Anzahl der verlorenen Arbeitstage bewegt sich zwischen 85 (bei 220 Arbeitstagen pro Jahr) verschwendeten Arbeitstagen in Deutschland, 88 (224 Arbeitstage pro Jahr) in den USA und 90 (225 Arbeitstage pro Jahr) in Österreich. Abgeschlagen zurück liegt eine zweite Gruppe von Ländern mit renommierten Wirtschaftsnationen wie Frankreich, Großbritannien und Ungarn mit rund 50 % Unproduktivität.

Die Befragung zeigt zudem weltweit, das die Zeiten für große Produktivitätssteigerungen zunächst vorbei sind, wobei die Ausprägung in den einzelnen Ländern unterschiedlich ist. Hinzu komme auch in Deutschland eine wachsende Verunsicherung und Mutlosigkeit unter Managern und Führungskräften.

Laut der im Oktober 2001 ebenfalls von Czipin & Proudfoot durchgeführten Meinungsumfrage unter europäischen Managern erwarten deutsche Wirtschaftsführer im laufenden Jahr nur noch eine Steigerung der Produktivität von 1,4 %. Im Jahr 2000 lag diese Steigerungsrate noch bei 2,8 %. Die Unternehmenslenker in Deutschland trauen sich demnach kaum noch einen signifikanten Abbau der unproduktiv verschwendeten Arbeitszeiten in ihren Unternehmen zu. Nur noch 55 % der deutschen befragten Manager erwarten überhaupt noch eine Produktivitätssteigerung für das Jahr 2001. Die pessimistische Prognose der deutschen Unternehmer für das Jahr 2001 bezeichnet Produktivitätsberater Czipin als „erschreckende Mutlosigkeit“. Offensichtlich sei Ihnen das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit abhanden gekommen.

Mutlosigkeit und Pessimismus sei aber der falsche Weg. „Gerade in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten kommt der Nutzung von Produktivitäts- und Einsparungspotenzialen eine bedeutende Rolle zu,“ resümiert Geschäftsführer Alois Czipin.

Der Vergleich der Leistungssteigerung aus dem Jahr 2000 mit dem Jahr 2001 verdeutlicht: Die Produktivitätssteigerung in den EU-Ländern wird sich im Jahr 2001 im Durchschnitt halbieren und die USA erleiden einen Einbruch um 40 %. In Japan zeigt sich die Krise besonders deutlich. Mit 0,4 % ist kaum noch eine Produktivitätserhöhung zu erkennen. Nur Australien und Südafrika können ihre Produktivitätssteigerung nahezu konstant halten.

„Die Produktivität ist der einzige valide Treiber des globalen Wohlstandes“, meint Czipin. Die Abschwächung der Produktivitätssteigerung sei daher besonders bedenklich. „Sämtliche Ausgleichsmaßnahmen globaler Natur werden in Zukunft erschwert, da auch in den Industrieländern ein Stillstand des Wohlstandes zu erwarten ist“, erklärt Alois Czipin die Konsequenzen aus den vorliegenden Zahlen.

Das erkennbare Potenzial müsse laut Czipin konsequent genutzt werden: „Jetzt ist es nicht an der Zeit, mutlos zu sein. Jetzt ist die Zeit zu handeln.“ Czipin mahnt die Unternehmer zu proaktivem Verhalten. „Wer heute noch glaubt, diese Einsparungspotenziale brach liegen lassen zu können, wird ein böses Erwachen erleben.“ Wer schneller reagiere, werde früher wieder Höhenluft schnuppern, lautet die Devise des Unternehmensberaters. ROE/CIU

Ein Beitrag von:

  • Martin Ciupek

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Maschinen- und Anlagenbau, Produktion, Automation, Antriebstechnik, Landtechnik

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