Produktion 22.10.2004, 18:34 Uhr

„Ich habe hier schon einige Opel-Männer weinen sehen“

VDI nachrichten, Rüsselsheim, 22.10.04 -Die angekündigte Streichung von 4000 Arbeitsplätzen allein im Opel-Stammwerk Rüsselsheim, hat in der Stadt und der Rhein-Main-Region wie ein Blitz eingeschlagen. Dennoch blieben Streiks wie in Bochum aus.

Was? Sie wollen noch zu Opel?“, fragt der Taxifahrer entgeistert. „Da arbeitet doch keiner mehr.“ Nach mehreren Streiktagen in Bochum haben die Versorgungsengpässe auch die „Opel-Stadt“ Rüsselsheim getroffen.
Nicht nur im Werk, auch in den zahlreichen Läden und Gaststätten um das Werk ist die Stimmung gedrückt. „Ach“, sagt eine Frau in der Bäckerei, „die Amis wollen uns doch nur platt machen. Die wissen doch gar nicht, wo sich Rüsselsheim auf der Landkarte befindet.“ Und, nein, ihren Namen möchte sie nicht so gerne nennen.
Miese Stimmung macht sich auch in der „Opel-Klause“ vor Tor 20 des Opel-Werks breit. „Wir haben Angst“, gesteht eine Opelanerin in der opel-typischen grauen Werks-kluft. Der Jobverlust kann hier jeden treffen – ob in der Produktion, Verwaltung oder Entwicklung. Nein, auch fotografieren lassen möchte sich hier niemand. Wer weiß, ob das irgendwann nicht mal zurückschlägt.
Der Wirt und seine Frau leiden mit den Opel-Mitarbeitern. „Ich habe hier schon einige Opel-Männer weinen sehen“, sagt Gastwirtin Heidi Weimaer.
Seit vier Generationen strömen die Werksarbeiter in die „Opel-Klause“. Gut 60 % ihrer Kunden kommen von Opel. „Wir leben von Opel“, erklärt Weimaer. Und prophezeit: „Wenn GM mit seinen Drohungen ernst macht, dann gehen wir pleite.“
In der vergangenen Woche musste Weimaer bereits zwei Angestellten kündigen. Denn angesichts der unsicheren Zukunft sparen die Opel-Arbeiter auch am Essen. Dabei kostet eine Pizza ganze 3,50 € – „billiger gibt“s das nirgendwo“, ist Gastwirtin Weimaer überzeugt.
Rüsselsheims Oberbürgermeister Stefan Gieltowski (SPD) versteht diese Sorgen. Sollten tatsächlich 4000 Stellen gestrichen werden, wäre das dramatisch für die Stadt. „Jeder dritte ¿Opelaner“ ist Rüsselsheimer“, weiß er.
Bisher allerdings, so der Stadtvater, habe es die Stadt noch jedes Mal geschafft, den Jobverlust bei Opel zu kompensieren. „Seit 1975 sind bei Opel am Standort Rüsselsheim 13 000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Im gleichen Zeitraum sank in Rüsselsheim die Zahl der Arbeitsplätze jedoch lediglich um 600“, so Gieltowski gegenüber den VDI nachrichten.
Mit dem koreanischen Autobauer Hyundai und dem IT-Dienstleister EDS konnte die Stadt attraktive Unternehmen ansiedeln und einige Opel-Mitarbeiter unterbringen.
Doch ob das auch langfristig gut geht, ist offen. Alleine im südhessischen Raum hängen 5000 Firmen von Opel direkt oder indirekt ab. OB Gieltowski: „Das sind viele mittelständische Entwicklungsbüros und Dienstleister.“
Auch „Opelaner“ Helmut Zörner sieht für die Zukunft schwarz. „Wenn bei Opel die Lichter ausgehen, gehen sie auch in Rüsselsheim und der Region aus“, glaubt der Betriebselektriker.
Seit 34 Jahren arbeitet er beim Konzern, war zeitweilig Vertrauensmann und hat schon mehrere Krisen durchgemacht. Die letzte liegt gerade einmal drei Jahre zurück. Damals wurden im Rahmen des „Olympia“-Sparprogramms 2500 Stellen gestrichen.
Ex-Vorstandschef Carl-Peter Forster hatte zuletzt versucht, die eher altmodische Marke wieder aufzupeppen und mit dem Opel Vectra die Fachwelt zu versöhnen. Doch auch Forster gelang es nicht, Opel aus den roten Zahlen zu bringen. 2003 machte der Autobauer mit einem Minus von 384 Mio. € das fünfte Jahr in Folge einen Verlust.
Für die meisten Opelaner und Rüsselsheimer ist der Hauptschuldige der Krise jedoch nicht Aufsichtsratschef Carl-Peter Forster, sondern Ex-Manager Ignacio de Lopez. Der Spanier verschreckte Ende der 80er Jahre mit einem drastischen Sparkurs Zulieferer, Ingenieure, Entwickler und Mitarbeiter. „Die Misere hat mit Lopez angefangen“, glaubt Otto Jung, der in Rüsselsheim wohnt und im Umland als Verkäufer eines Baustoffzulieferers arbeitet. Lopez beschleunigte den Niedergang der Opel-Qualität.
Ein weiterer Grund für das Opel-Desaster sehen viele Mitarbeiter auch in der verfehlten Modellpolitik. Seit dem Opel Manta in den 70er Jahren hat Opel kein Fahrzeug mehr herausgebracht, das zum echten Verkaufshit wurde.
Das war lange Zeit ganz anders in Rüsselsheim. Mit Modellen wie dem „Kapitän“ oder dem „Senator“ eroberte Opel die Mittelklasse und machte zuweilen gar Mercedes-Benz ein bisschen Konkurrenz. Inzwischen ist das Mittelklasse-Segment zusammengebrochen. Lediglich mit dem Minivan Zafira hat Opel etwas an Boden gutmachen und der französischen Konkurrenz trotzen können. Ein Nachfolger ist freilich noch nicht in Sicht.
Warum die Rüsselsheimer angesichts des befürchteten größten Aderlasses in ihrer über 100-jährigen Geschichte nicht streiken und teilweise selbst noch den Aktionstag als Freizeit abrechnen, bleibt ein südhessisches Geheimnis.
Gut möglich, dass sich die Opel-Mitarbeiter in Rüsselsheim an Krisen gewöhnt haben. Gut möglich auch, dass sie Vertrauen in das Verhandlungsgeschick ihres Betriebsrats, allen voran Klaus Franz, haben. „Vielleicht ist es auch eine Mentalitätsfrage“, vermutet Wirtin Weimaer.
Opelaner Zörner allerdings sieht einen wesentlich handfesteren Grund: Die Bochumer, so Zörner, würden Teile produzieren, die andere Werke bräuchten. Dadurch verfügen sie über eine Macht im GM-Konzern. „Die haben die Rüsselsheimer schon längst aus der Hand gegeben.“
NOTKER BLECHNER

 

  • Notker Blechner

Stellenangebote im Bereich Produktmanagement

B. Braun Melsungen AG-Firmenlogo
B. Braun Melsungen AG Product Lifecycle Engineer (m/w/d) Berlin
MAXIMATOR GmbH-Firmenlogo
MAXIMATOR GmbH Sales Engineer / Vertriebsingenieur / Mitarbeiter im technischen Vertrieb (m/w/d) Lübeck
sigo GmbH-Firmenlogo
sigo GmbH Projektingenieur/in (m/w/d) Darmstadt
über MPS Personalberatung-Firmenlogo
über MPS Personalberatung Teamleiter Produktentwicklung (m/w/d) Wässrige Lacke / Beschichtungssysteme Großraum Stuttgart
Johannes KIEHL KG-Firmenlogo
Johannes KIEHL KG Produktmanager Dosier- und Applikationstechnik (m/w/d) Entwicklung der Systeme für Küchenhygiene, Textil- und Gebäudereinigung Odelzhausen (zwischen Augsburg und München)
UROMED Kurt Drews KG-Firmenlogo
UROMED Kurt Drews KG Entwicklungsingenieur Medizinprodukte (m/w/d) Oststeinbek (Großraum Hamburg)
Süwag Vertrieb AG & Co. KG-Firmenlogo
Süwag Vertrieb AG & Co. KG Produktmanager (m/w/d) Elektromobilität und Solaranlagen Frankfurt am Main
NUKEM Technologies Engineering Services GmbH-Firmenlogo
NUKEM Technologies Engineering Services GmbH Project Engineer (m/w/d/x) Alzenau
Schischek GmbH-Firmenlogo
Schischek GmbH Entwicklungsingenieur Elektronik (w/m/d) Langen­zenn
Dr. Fritz Faulhaber GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Dr. Fritz Faulhaber GmbH & Co. KG Leiter (m/w/d) Produktmanagement Schönaich bei Stuttgart

Alle Produktmanagement Jobs

Top 5 Produktion

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.