Energiemanagement 19.02.2010, 19:45 Uhr

Graue Kittel statt grauer Theorie  

Auf dem Gelände der Technischen Universität München in Garching können Manager sehen, wie sich Energie in Produktionsprozessen einsparen lässt. Doch statt grauer Theorie warten in der „Lernfabrik für Energieproduktivität“ graue Kittel und viel Arbeit auf die Teilnehmer. VDI nachrichten, München, 19. 2. 10, ws

Zurücklehnen und berieseln lassen – wer zur Lernfabrik für Energieproduktivität am Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswissenschaften (iwb) der TU München kommt, kann sich diesen Luxus höchstens beim Einführungsvortrag gönnen. Spätestens in der Werkshalle, in der auf knapp 200 m2 ein komplett nachgestellter Produktionsprozess aufgebaut ist, wird jeder Teilnehmer richtig gefordert.

„Wir wollen die Mitarbeiter für das Thema Energieproduktivität begeistern und ihnen durch den praktischen Bezug ein hoch effektives Ausbildungsprogramm bieten“, erklärt Enno de Boer, Partner bei McKinsey.

Die Unternehmensberatung hat die Lernfabrik in Zusammenarbeit mit dem iwb im Herbst vergangenen Jahres gegründet. Anhand eines typischen Maschinenaufbaus für die Produktion einer Zahnrad-Wellen-Kombination sollen die Besucher am konkreten Beispiel sehen, an welchen Stellen Energie verschwendet wird. Wo entweicht Wärme, die vielleicht an anderer Stelle genutzt werden könnte? Welche Maschine könnte unter Umständen gedrosselt werden? Welcher Arbeitsschritt erscheint sogar unnötig? Der Wiedererkennungswert ist hoch, denn Zahnräder finden sich in jedem Getriebe. Zudem kombiniert das Modell in Garching Technologien und Anlagen verschiedenen Alters und bildet sowohl manuelle als auch automatisierte Arbeitsschritte ab. Auch ein Druck- und Dampfnetzwerk wird eingesetzt.

Ausgerüstet mit grauem Kittel, Wärmebildkamera und fachkundigen Begleitern machen sich Ingenieure, Manager oder Studenten auf die Suche nach Schwachstellen im System. Im Anschluss werden die Hinweise und Anregungen gesammelt und die Helfer bauen das Modell entsprechend um. So ist zum Abschluss der Fortbildung ein effizienter Produktionsprozess zu sehen.

„Der Aufbau der Produktion erscheint zwar klein, aber so lassen sich die Prozesse leichter überblicken und erfassen“, weiß Christoph Rimpau, Mitglied der Institutsleitung beim iwb. „Außerdem werden hier alle typischen energieintensiven Produktionsprozesse abgebildet, die Sie heute in der Industrie typischerweise finden.“

Wichtig sei, so McKinsey-Berater Fabian Lemke, dass die Teilnehmer in der Lernfabrik den „Aha-Effekt“ erleben, denn hier vor Ort sehen und erleben sie aus nächster Nähe, welche Maßnahmen etwas bewirken. Und das ohne Denkblockaden und ohne die Gefahr, im eigenen Produktionsprozess Schaden anzurichten.

„Firmen verfolgen beim Thema Energieproduktivität bislang selten eine konsequente Strategie“, hat Enno de Boer erfahren. „Dabei gibt es hier große Einsparpotenziale, die man erschließen kann, ohne Maßnahmen zu ergreifen, die Arbeitsplätze betreffen.“

Um bis zu 30 %, so das Ergebnis einer McKinsey-Studie, könnten deutsche Unternehmen ihre Energiekosten senken. Allein bei einem LCD-TV-Gerät mache die Energie 45 % der gesamten Produktionskosten aus. Laut McKinsey haben Projekte bei Klienten gezeigt, dass im Maschinen- und Anlagenbau etwa über Hebel wie Brenner, Öfen, Beleuchtung, Motoren und Druckluft bis zu 21 % Energie eingespart werden könnten. In der Serienproduktion liege der Anteil sogar bei 26 %.

Doch häufig fehle das Wissen, das Bewusstsein und eine konsequente Strategie, um solch eine hohe Einsparung zu erreichen. So sei in Betrieben häufig niemand für den Gesamtbereich Energie zuständig, sagt de Boer. Und Ingenieur Fabian Lemke ergänzt: „Viele Unternehmen wissen nicht, welche Maschine den höchsten Energieverbrauch hat oder wie viel Energie eine Anlage im Leerlauf verbraucht.“

Notwendige Umstellungen sind dem Management oft nur schwer zu vermitteln

Somit erhalten die Mitarbeiter in der Produktion auch meist keine konkreten Zielvorgaben beim Energiesparen. Diese Lücken will die Lernfabrik mit ihrem laut McKinsey „weltweit einmaligen“ Aus- und Weiterbildungsangebot schließen. Tatsächlich kamen im Dezember die ersten Klienten von einem US-Halbleiterhersteller nach Garching.

Vor allem die Kombination aus Theorie und Praxis soll den Lernerfolg garantieren. Eine Herausforderung allerdings ist die spätere Umsetzung im Unternehmen. Denn eine Produktionslinie umzustellen, neue Prozesse einzufügen oder überhaupt irgendetwas anders zu machen als sonst, das ist Werksleitung oder Management häufig nur schwer zu vermitteln. Damit dieser Transfer gelinge, sei der ganzheitliche Ansatz der Lernfabrik besonders wichtig.

Entsprechend modular ist das Schulungskonzept ausgerichtet. Je nachdem, ob Vorstand und Management, Change Agents oder Nachwuchsakademiker kommen, wird der Anteil von theoretischen und praktischen Teilen gewichtet und angepasst. Während sich also ein Werksleiter oder ein Manager an einem oder zwei Projekttagen ausführlich mit den einzelnen Produktionsschritten beschäftigt, erhalten Studierende in ihrem mehrtägigen Curriculum deutlich mehr theoretisches Wissen vermittelt.

„Die Lernfabrik gibt hier wichtige Impulse für die Ausbildung der Ingenieure der Zukunft – sie sollen Energieproduktivität von Anfang an verinnerlichen“, sagt iwb-Leiter Gunther Reinhart. Zum Sommersemester im April dürfen die ersten Studenten der TU mit Kittel und Wärmebildkamera in einem Praktikum auf die Jagd nach Energiefressern gehen. Interessierte Firmen können sich mit McKinsey oder dem iwb in Verbindung setzen. SIMONE FASSE

Von Simone Fasse
Von Simone Fasse

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