Produktion 26.07.2002, 18:20 Uhr

Flexible Produktionsnetze schaffen Synergien für alle Partner

Zusammenarbeit führt zu deutlich höherer Produktivität, dennoch sind Kooperationen eher selten, vor allem bei kleineren Unternehmen. Die „Virtuelle Fabrik Rhein-Ruhr“ zeigt, wie sich in einem flexiblen Netz erfolgreich wirtschaften lässt.

Flexiblen Projektteams gehört die Zukunft: „Firmenübergreifende Zusammenarbeit eröffnet kleinen und mittleren Unternehmen Chancen am Markt erfolgreich zu sein“, fasst Steffen Kinkel, Projektwissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe die Ergebnisse einer jetzt veröffentlichten Studie zusammen. Die Kooperation könne sogar zusätzliche Umsätze und Know-how-Zugewinne erbringen. Dabei komme es aber auf die Tiefe der Zusammenarbeit an, hat der Forscher in seiner Untersuchung an 1630 Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes/Fertigungstechnik herausgefunden.
„Nur wenige Betriebe setzen auf Netzwerke mit mehreren Partnern. Ansätze zu ,virtuellen Fabriken“, in denen die Kooperation durch eine entsprechende informationstechnische Vernetzung gestützt wird, sind noch seltener,“ so Kinkel. Gerade einmal 3 % der Unternehmen nutzten dieses flexible Netzwerk, in dem die Partnerunternehmen je nach Auftrag über die Produktionskooperation hinaus auch von überbetrieblichen Synergien profitieren. Gerade kleinere und mittlere Firmen verschenkten diese Chance, ihre Möglichkeiten durch die Kooperation zu erweitern, stellt der ISI-Mitarbeiter fest.
Auch Peter Recknagel, Geschäftsführer der Recknagel Präzisionsstahl in Hückeswagen, kann die Zurückhaltung der kleinen und mittleren Unternehmen, sich mit größeren Partnern als virtuelle Fabrik zu organisieren, nicht verstehen. Das auf die Herstellung von Halbzeugen spezialisierte Unternehmen ist Teil der „Virtuellen Fabrik Rhein Ruhr“. Das Netzwerk, vor drei Jahren auf Initiative des Remscheider Textilmaschinenherstellers Barmag gegründet, vereint heute 21 meist kleinere Firmen mit insgesamt 7000 Mitarbeitern unter seinem Dach. Das Spektrum reicht vom Maschinen- und Stahlbau über Hydrauliksysteme bis zu Elektroniklösungen. Komplettiert wird der Produktionssektor durch Planungs- und Konstruktionsleistungen, IT-Lösungen und Facility Management.
„Der Nutzen hängt vor allem vom eigenen Engagement ab. Synergien ergeben sich nicht nur durch die Teilhabe an zusätzlichen Produktionsaufträgen und an der rentablen Auslastung von Fertigungskapazitäten, wobei wir nach wie vor auch unser normales Tagesgeschäft erfolgreich betreiben,“ weiß Peter Recknagel. Immerhin hat die Kooperation im Vorjahr einen zusätzlichen Umsatz von 500 000 I erwirtschaftet. Für 2005 ist ein Zusatzvolumen beim Umsatz von
10 Mio. I anvisiert.
Die Mitglieder profitieren auch von günstigeren Konditionen, die die virtuelle Fabrik beim Strombezug und bei der Entsorgung aushandelt. Oder das größere Partnerunternehmen greift den kleineren Firmen mit seinen weitreichenden Kenntnissen bei Arbeitssicherheit und Maschinenpflege unter die Arme. Umgekehrt hat schon des öfteren ein Kleiner mit seinen spezifischen Erfahrungen anderen Firmen im Netz geholfen.
„In der Virtuellen Fabrik bleibt jedes Unternehmen vollkommen selbständig und für sich eigenverantwortlich „, zerstreut Andreas Enzenbach vom Vorstand der Virtuellen Fabrik Rhein-Ruhr sowie Pressesprecher der Barmag Vorbehalte vor allem kleiner Unternehmen. Und er räumt mit noch einem Vorurteil auf: „Das System basiert für alle auf Geben und Nehmen. Am Anfang waren noch einige Firmen dabei, die vor allem daran dachten, so leichter an Aufträge der größeren Partnerunternehmen zu kommen. Das konnte natürlich nicht funktionieren.“
Der gute Ruf der Virtuellen Fabrik Rhein-Ruhr hat sich inzwischen bis ins ferne China herumgesprochen. Von dort kommt nun ein millionenschwerer Maschinen-Auftrag. „Der Kunde will nicht nur preiswerte Qualität. Dem geht es vor allem um ein Produkt, bei dem er sich nicht noch darum kümmern muss, wer welche Maschinenkomponenten macht und wie er die in sein System integriert bekommt“, weiß Enzenbach. Er ergänzt: „Weil es bei uns die Spezialisten für die Konstruktion, fürs Drehen, Bohren, Fräsen bis zum kompletten Zusammenbau gibt, bekommt der Kunde das Produkt aus einer Hand.“  
  SILVIA VON DER WEIDEN/CIU
Eine Zusammenfassung der Produktionsinnovationserhebung zur Virtuellen Fabrik gibt es beim Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung ISI, Fax 0721/6809–270.

Von Silvia Von Der Weiden/Martin Ciupek
Von Silvia Von Der Weiden/Martin Ciupek

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