Produktion 25.11.2005, 18:41 Uhr

Eine Region macht mobil  

GM schließt neun Werke in Nordamerika sowie drei weitere Service- und Teileanlagen. Bis 2008 werden 30 000 Jobs in der Produktion wegfallen. Betroffen ist davon auch eine Region, die dennoch im Automobilsektor mobil macht: Die kanadische Provinz Ontario hat sich in den vergangenen Jahren zur größten Auto-Produktionsstätte in Nordamerika gemausert.

Wie auf einer Perlenschnur aufgereiht liegen die Standorte der großen Automobilfirmen Ford, Toyota, GM, Honda, DaimlerChrysler und vieler Zulieferer wie beispielsweise auch Brose (mit Stammsitz in Coburg/Deutschland) an der Route 401, dem Highway, der quer durch den Süden der Provinz verläuft. Immer mal wieder kreuzen Schilder mit dem Hinweis „Niagara Falls“ den Weg, schließlich sind die Fälle nicht einmal 140 Meilen von der Hauptstadt und Metropole Toronto entfernt. Die Städtchen hier heißen London, Cambridge und Windsor. Die Marktgesetze gelten auch hier in der beschaulichen Provinz. Eines davon: Die Kanadier sind „preiswerter“ als die USA-Arbeitnehmer. Arbeitgeber zahlen für die staatlich organisierte Krankenversicherung ihrer Mitarbeiter in dieser Region nur rund halb so viel wie in den USA. Die Körperschaftssteuer in Bund und Provinz liegt für Fertigungsbetriebe vier Prozentpunkte unter dem US-Durchschnitt. Die Lohnkosten sind laut Ontario Investment Service etwa 10 % niedriger als in Michigan. Der Ausbildungsstand der Arbeitnehmer in der Industrie ist ausnehmend hoch: 43 % haben einen College- oder Hochschulabschluss.

Mit 2,6 Mio. gebauten Pkw hat Ontario im Jahr 2004 erstmals die traditionelle US-Hochburg Michigan mit der Autostadt Detroit überholt. Die Abhängigkeit der Zulieferer von den „großen Drei“ in Detroit (Ford, GM, und DaimlerChrysler) ist zwar groß, doch mit Toyota und Honda sind auch asiatische Konzerne als Auftraggeber und Arbeitgeber Hoffnungsträger der Ahorn-Provinz. Jedes sechste in Nordamerika hergestellte Fahrzeug wird in dieser Provinz gebaut. 85 % der Fahrzeuge werden in die USA exportiert. 12 Mio. Menschen leben in Ontario. 138 000 arbeiten in der Automobilindustrie, davon etwa 90 000 bei Zulieferern. Drei Viertel der Produktion verkaufen die etwa 400 Autozulieferer an die „großen Drei“ und dass dies trotz Boom nicht problemlos läuft, hatte sich bereits Anfang Oktober gezeigt: Da vereinbarten die Gewerkschaften mit den „großen Drei“ den Abbau von 3000 Jobs bei den kanadischen Niederlassungen. Diese und die jetzt angekündigten Streichungen von über 3800 der insgesamt 20 000 Arbeitsplätze bei GM sollen überwiegend durch Vorruhestandsregelungen und andere Maßnahmen erfolgen. Geschlossen wird das Werk Oshawa II (2008). Die dritte Schicht im Werk Oshawa I wird 2006 abgeschafft, auch im Komponenten-Werk in St. Catharines sollen 130 Jobs abgebaut werden. Ob es wirklich nicht zu massiven Kündigungen kommt, bleibt abzuwarten. Auch, welche Folgen der Abbau für die Region haben wird. Die GM-Entscheidung hat Gewerkschafter und Analysten gleichermaßen überrascht.

Nach dem bitteren Montag gab es auch etwas Erfreuliches für die Ahorn-Region: Die DaimlerChrysler AG gab nur 24 Stunden später bekannt, dass sie erneut in Kanada investieren wird: Ein gerade unterzeichneter Vertrag mit der kanadischen Regierung und dem Bundesstaat Ontario sieht einen Investitionsplan mit einem Volumen von 768 Mio. kanadischen Dollar (554 Mio. €) vor. Ontario legt 55,4 Mio. € drauf, die Bundesregierung 33 Mio. €. Die Mittel sollen in Anlagen, Fertigung sowie in die Forschung und Entwicklung in Windsor und Brampton investiert werden. Außerdem ist eine neue Lackiererei in Windsor geplant.

Die Nähe zu den Vereinigten Staaten, die Kostenvorteile, und ein Steuersystem, das Forschungsausgaben von 100 Dollar auf weniger als 41 Dollar nach Steuern reduziert, sowie ein ausgefeiltes Förder- und Maßnahmenprogramm brachten den Motor in Ontario zum Laufen. Einer, der daran Anteil hat, ist der Minister für ökonomische Entwicklung und Handel. Der Liberale Joseph Cordiano, seit 20 Jahren in der Politik aktiv, blickt auf die Hochhäuser der Metropole Toronto und bemüht sich, keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass er, Toronto, und überhaupt die ganze Region bestens gewappnet sind für die globalen Herausforderungen. 6,2 Mrd. kanadische Dollar würden in den nächsten fünf Jahren in die Bildung nach der Sekundarstufe fließen. Im Frühjahr hatten GM Canada und die Regionalregierung von Ontario bekannt gegeben, dass der Automobilkonzern 2,5 Mrd. kanadische Dollar (mehr als 1,5 Mrd. €) für Forschung, Entwicklung und Produktion in seine Werke in Ontario stecken wird. Ontario und die Bundesregierung geben zum „Beacon-Projekt“ 435 Mio. kanadische Dollar dazu. „Das Beacon Projekt ist von der jüngsten Entscheidung in Detroit nicht betroffen“, versicherte Michael Grimaldi, CEO von GM Canada am Dienstag der Tageszeitung Toronto Star. Und auch das Wirtschaftsministerium setzt weiter auf das Programm.

Aber an diesem Nachmittag, bevor die Job-Kahlschlag-Hiobsbotschaft aus Detroit die Laune des Ministers verdunkeln wird, verweist Cordiano sowieso noch lieber auf andere Erfolge der Provinz. Er betont, dass Toyota neben seinem Werk in Cambridge/Ontario noch eines in Woodstock mit 1300 neuen Arbeitsplätzen bis 2008 eröffnen will. Dort soll erstmals außerhalb Japans der Sportgeländewagen RAV4 montiert werden. Und er verweist darauf, dass Ford Canada mehr als 1 Mrd. kanadische Dollar (642 Mio. €) in die Flexibilisierung und Modernisierung seines Werks in Oakville stecken wird. Die Ontario Automotive Investment Strategy, die 2004 mit einem Volumen von 500 Mio kanadische Dollar (312 Mio. €) Unternehmen bei Ansiedlungen unterstützt, erleichtert die Konversation mit den Firmen sicherlich, ebenso der Verweis auf das Vorzeigeprojekt „Auto21“ (siehe Kasten). Cordiano beschreibt gern seine Kontaktpflege zu China und dass Ontario das „Gateway“ für asiatische Automobilmarken auf dem nordamerikanischen Kontinent werden könnte.

Das klingt nach Aufbruch, und Aufbruchstimmung dokumentiert sich bekanntlich in vielen neuen Ansiedlungen. Davon gibt es jede Menge. Vom GM-Abbau dürfte der Automobilzulieferer Brose im Südwesten wenig spüren. Dort sollen ab Ende 2007 täglich bis zu 10 000 Sitzversteller vom Band laufen, außerdem Tür-Module und Fensterheber. „Dies ist ein Wachstumsmarkt, in dem wir uns gut positionieren wollen“, sagt der Chef von Brose Kanada, Stefan Fritzsche. Brose soll in Ontario jährlich um 10 % wachsen. Zurzeit arbeiten dort 50 Leute, bis 2008 sollen es 400 sein. Kunden sind DaimlerChrysler und Ford. Gleich gegenüber auf dem Industriegelände hat sich der Zulieferer Transform Automotive, Hersteller von Kupplungsgehäusen für GM und Ford, niedergelassen. „Bis 2007 wollen wir die Kapazität von derzeit 700 000 Komponenten jährlich auf 2,3 Mio. ausbauen“, erklärt Ingenieur Rob Thompson zuversichtlich. In zwei Jahren sollen dann in der Produktion 60 Leute (bisher 15) Arbeit finden.

Transform Automotive profitiert, wie viele Unternehmen der Automobilindustrie in Ontario, von der Verzahnung mit den 20 Universitäten. So manche Forschungsabteilung wird durch die Kooperation mit Unis eingespart. Forschungsvorhaben werden zu einem Drittel von der Industrie, dem Staat und der Universität getragen. Die behält dann auch die Rechte an den Ergebnissen. Das spült Geld in die Kassen der Unis. Und bringt den Studierenden etwas: An der Uni Waterloo beispielsweise untersucht Erik Wilhelm (24) im „Alternative Fuels Team“ den Einsatz von Wärmeenergie bei niedriger bis mittlerer Temperatur für die Produktion von Wasserstoff. Es herrscht Aufbruchstimmung im Labor. CLAUDIA HANTROP

Von Claudia Hantrop

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