Fertigung 09.01.2004, 18:28 Uhr

Die Zukunft liegt in der Technik von gestern

VDI nachrichten, Glashütte, 9. 1. 04 -Für die Uhrenstadt Glashütte in Sachsen ist mit der Wende eine neue Zeitrechnung angebrochen. Aus dem früheren volkseigenen Betrieb sind wieder mehrere Uhren-Manufakturen entstanden, deren Produkte weltweit begehrt sind. Dank der Technik von gestern blickt das Städtchen optimistisch in die Zukunft.

Zukunft ist manchmal ein hauchfeiner Draht. Hochpräzise Messtechnik und eine ruhige Hand braucht Reiner Kocarek, Werkstattleiter bei der Lange Uhren GmbH im sächsischen Glashütte.
Stolz demonstriert er im neuen Technologie- und Entwicklungszentrum Arbeitsschritte, die der Manufaktur wichtiges Know-how zurückgeben: Zunächst wird im Ölbad der Draht gezogen, mit einem Durchmesser von 0,046 mm und ganz gleichmäßig. „Er darf weder verdreht noch unregelmäßig geformt sein“, berichtet Kocarek, denn das Metall wird im nächsten Arbeitsschritt zwei Mal gewalzt. Das Band, das dabei entsteht, wird per Laser kontrolliert. Die Messtechnik erfasst Abweichungen von 0,1 µm.
Nur der Mensch hat das Gespür dafür, was Messfehler und was tatsächlich Mangel ist. Wenn sie dem strengen Blick Kocareks genügen, werden Stücke von diesem Band anschließend in mehreren Ebenen übereinander straff in eine Form gewickelt. Nach dem Härten und Glühen sind dann die Rohspiralen fertig. Durch Schütteln werden sie voneinander getrennt. Nur die perfekten Exemplare werden einmal dafür sorgen, dass eine Lange-Uhr tickt.
Entwickelt hat die Legierung, aus der Unruhspiralen bestehen, einst Richard Lange; das Patent wurde 1930 erteilt. „Noch heute steckt in jeder hochwertigen Uhr ein Stück Lange“, sagt Kocarek – auch wenn Spiralen bislang ausschließlich von dem Schweizer Spezialisten Nivarox bezogen wurden. Doch Uhrmacher sind geduldige Menschen. Zehn Jahre hat das Lange-Team daran gearbeitet, diese Teile wieder im eigenen Hause fertigen zu können.
Uhrmacher sind aber auch Visionäre. Wie Ferdinand Adolph Lange beispielsweise. 1815 in Dresden geboren, kannte er Not nur zu gut, denn er kam selbst aus einfachem Elternhaus. Nur der Tatsache, dass sein Schulfreund zufällig Sohn des Dresdener Hofuhrmachers war, verdankte es Lange, dass er bei Gutkaes in die Lehre gehen durfte. Seine Wanderjahre nutzte Lange, um in Frankreich und in der Schweiz viel zu lernen. Eigentlich wäre Lange, verheiratet mit Gutkaes“ Tochter Antonia, nach seiner Rückkehr in die Residenzstadt ein gemachter Mann gewesen.
Doch der junge Uhrmachermeister wollte mehr. Schon als Schüler der Technischen Bildungsanstalt Dresden hatten ihn die Ideen seiner Lehrer zur Industrialisierung des Landes begeistert. Lange rechnete, verhandelte – und ging nach Glashütte. Die kleine Erzgebirgsstadt war nach dem Niedergang des Silberbergbaus so verarmt, dass sie 1831 sogar eine Bittschrift an das sächsische Innenministerium sandte.
Am 7. Dezember 1845 begann Ferdinand Adolph Lange, in der Mansarde eines Glashütter Wohnhauses, die ersten 15 Lehrlinge auszubilden – Bauernburschen, Strohflechter, Bergleute. Sein Ziel: Taschenuhren von höchster Präzision. „Lange ermunterte zudem Freunde und Kollegen, in Glashütte ebenfalls Unternehmen zu gründen“, berichtet Frank Reichel, Ingenieur für Feinwerktechnik und Bürgermeister von Glashütte.
So entstand eine regelrechte Uhrmacherdynastie: Namen wie Assmann, Schneider oder Grossmann haben in der Sammlerwelt bis heute einen guten Klang. Das Wunder geschah: Innerhalb weniger Jahre kam das Städtchen zu bescheidenem Wohlstand und zu einem glänzenden Ruf.
Dann allerdings trieben zwei Kriege die Glashütter Uhrenindustrie in die Krise. Dem 2. Weltkrieg folgten Demontage und Enteignung. Alle Glashütter Uhrenbetriebe wurden zur GUB zwangsvereinigt. Dabei entstand ein VEB mit 3500 Beschäftigten. Die mechanische Uhr, traditionelle Glashütter Präzision, war als Devisenbringer zu DDR-Zeiten aber weiter gefragt. So blieb viel Know-how erhalten.
Nach der Wende hatten auch Walter Lange und Günter Blümlein eine Vision. Sie wollten „A. Lange & Söhne“ wieder zu einer Marke machen, die die Augen von Uhrenliebhabern aufleuchten lässt. Die Voraussetzungen dafür erschienen jedoch alles andere als günstig. Denn Lange hatte einst seinen legendären Ruf mit Taschenuhren erworben. Und Anfang der 90er Jahre war der Markt überbesetzt, das Thema Luxusuhren schien ausgereizt.
Dennoch wagten Lange und Blümlein 1990 unter dem Dach der Mannesmann/VDO die Neugründung. Sie erwarben das Markenzeichen zurück, stellten erste Arbeitskräfte ein. Bewerbungen kamen zögerlich. 48 Glashütter zogen schließlich aus, um bei IWC in Schaffhausen ihren Beruf quasi ein zweites Mal zu erlernen – um wieder die besten Uhren der Welt zu bauen.
„Ich werde nie vergessen, wie Walter Lange am 24.10.1994 im Dresdner Schloss die ersten vier Uhren auf den Markt gebracht hat“, sagt Bürgermeister Reichel. Am 1. 11. 1994 gelang dann auch die Privatisierung der GUB. Der Stadt war damit eine große Sorge genommen. „Die Uhrenindustrie in Glashütte hat heute 650 Beschäftigte – Lange 350, Glashütte Original/Union 240, Nomos knapp 50, Mühle etwa 40, und Bruno Söhnle um die zehn.“
Dazu gibt es einige feinmechanische Betriebe, die Präzisionsteile herstellen, mit insgesamt 350 Arbeitsplätzen, die Glashütter Pappen- und Kartonagenfabrik mit 60 Mitarbeitern und „einen großen Baubetrieb mit hundert Leuten“, erläutert der Bürgermeister. Seit der Wende hat Glashütte ein Fünftel der Einwohner verloren. Heute leben in der Stadt rund 4800 Menschen.
Das Uhrenmuseum hat die Kommune von der Treuhand für eine Mark übernommen. „Wir wollten damit ursprünglich ins Lange-Stammhaus, haben auch mit der Sanierung begonnen. Aber wir mussten bald feststellen, dass das Projekt für die Gemeinde zu groß war“, bedauert Reichel. Der Bürgermeister möchte das Museum nun im Gebäude der Deutschen Uhrmacherschule unterbringen. Dazu wünscht er sich Unterstützung durch die Firmen – auch bei der Nutzung des Gebäudes. „Es wäre schön, wenn die Räumlichkeiten wieder der Aus- und Weiterbildung dienten.“
In den Glashütter Betrieben sind oft mehrere Generationen einer Familie beschäftigt. Die Lange Uhren GmbH bildet seit 1997 Lehrlinge aus – derzeit 24 Uhrmacher, einen Werkzeugmechaniker im ersten und eine Graveurin im dritten Lehrjahr. „Bei Glashütte Original lernen 18 weitere Azubis, und in der gewerblichen Schule 45 Uhrmacherlehrlinge“, berichtet Reichel. „Das gibt der Branche eine Perspektive und bringt junge Leute in die Stadt.“
„Mechanische Uhren – das ist eigentlich eine fürchterlich alte Technik, wo schon im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert alles Wichtige erfunden wurde.“ Dipl.-Ing. Helmut Geyer, Chefkonstrukteur bei A. Lange & Söhne, schmunzelt. In seiner Abteilung aber steht längst kein Zeichentisch mehr. Gearbeitet wird am Computer das Maschinenbau-Programm Solid Edge gibt den Konstrukteuren die Möglichkeit, Entwürfe dreidimensional anzulegen. „Diese Technik verkürzt den kreativen Prozess kaum“, meint Geyer. Sie merzt jedoch etliche Fehlerquellen aus und beschleunigt den Weg vom Entwurf zur Maschine.
„Wir machen das, was Lange heute machen würde“, erläutert Geyer. Sein Team versucht, für bekannte Funktionen neue konstruktive Lösungen zu finden: „Es ginge vielleicht oft einfacher, aber nicht so elegant. So eine Uhr ist ein kleines Gesamtkunstwerk. Und der Kunde soll durch das Saphir-Bodenglas sehen, wie das Werk funktioniert.“ Fünf Erfindungen hat Geyer mittlerweile zum Patent angemeldet. Zukunft für Glashütte. A. MÜLLER

 

Ein Beitrag von:

  • Anke Müller

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