Produktion 06.01.2006, 18:42 Uhr

„Die draußen aktiv sind, denen geht es gut“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 6. 1. 06, rus – Produktionsverlagerungen ins Ausland sorgen nicht für eine positive Investitionsstimmung in Deutschland. „Falsch“, sagt der Unternehmer und neue VDMA-Vorsitzende in NRW, Reinhold Festge, der fest zum Standort Deutschland steht. Ohne die Auslandstöchter könnten neue Märkte nicht erschlossen und bedient, die Stammfirma im Heimatland nicht mit innovativen Produkten wettbewerbsfähig gehalten werden.

Festge: Es gibt überall da Bedarf, wo es um hochklassige Arbeit geht. Ich glaube nicht, dass wir insgesamt zu wenige Arbeitsplätze stellen. Wir haben das Problem, dass die nicht so hoch Qualifizierten Schwierigkeiten haben, einen zu bekommen.

In meinem Betrieb arbeiten noch 50 % der Beschäftigten in der Fertigung, die anderen 50 % arbeiten in Ingenieurberufen und in der Administration. Der Bereich Ingenieurberufe, technische Berufe wird wachsen. Da brauchen wir erstklassige Leute. Da müssen wir dringend dran arbeiten, weil wir da nicht genug haben.

VDI nachrichten: Was wird aus den Arbeitsplätzen für Jugendliche?

Festge: Ich meine, wir versündigen uns an unseren Jugendlichen, wenn wir sie nicht ordentlich ausbilden. Ein durchschnittlicher Hauptschüler kann heute unmöglich die Mechatroniker-Prüfung bestehen.

Es kann nicht sein, dass wir heute den Beruf des Mechatronikers haben und so tun, als sei das Standard, obwohl die Berufe nur durch Realschul- oder Gymnasialabgänger erlernbar sind. Da müssen und werden wir als VDMA auch eine ganze Menge tun.

VDI nachrichten: Wie geht es derzeit dem Maschinenbau?

Festge: Die Maschinenbauer allgemein rechnen für 2005 beim Umsatz mit einem Plus von 4 %, für das Jahr 2006 mit plus 2 %. Wir sind im Moment im guten Fahrwasser. Das gilt für den Maschinenbau und auch die Baumaschinenindustrie.

VDI nachrichten: … und die Automobilindustrie?

Festge: Die Automobilindustrie sehe ich etwas verhalten. Die kämpfen gegen die Preise. Die Automobilindustrie ist eher auf Verlagerung nach außen eingestellt, als dass sie in Deutschland großartig investieren würde.

VDI nachrichten: Die Umsatzsteigerungen der Maschinenbauer stammen hauptsächlich aus dem Auslandsgeschäft?

Festge: Ja. Gucken sie sich den Maschinenbau in NRW an. All denen, die draußen aktiv sind, geht es gut. Die, die den Startschuss dazu noch nicht gehört haben, haben oft Probleme.

Wir müssen raus. Wir in NRW haben eine Exportquote von 60 %, in 2005 wohl um 70 % und werden bald bei 75 % landen.

VDI nachrichten: Produktionsverlagerungen kosten Arbeitsplätze im Inland. Das schafft kein positives Investitionsklima im Land …

Festge: Der Vorwurf, es wandern sehr viele Arbeitsplätze ab, ist sicher richtig. Das passiert aber meist dort, wo wir sehr tief unten an der Wertschöpfungskette hängen.

Wenn Konzerne aber allein wegen der Löhne verlagern, dann müssen sie bald weiter wandern, denn die Löhne erreichen auch anderenorts bald unser Niveau. Wir werden sehen, ob einige Herren gut beraten waren.

VDI nachrichten: Ist im Ausland vieles einfacher als in Deutschland?

Festge: Wer einmal in Polen etwas gegründet hat, der kann mir nicht sagen, er sei dorthin gegangen, weil es dort verwaltungstechnisch einfacher ist als in Deutschland oder dort alles billiger oder leichter ist.

Wir sollten nicht immer nur „das Ausland“ als unseren Konkurrenten sehen, sondern das Ausland gibt uns Arbeit. Wir gehen als Unternehmer nicht raus, um alles nur billig zu machen, sondern wir gehen raus, um Märkte zu bearbeiten.

Wir haben einmal berechnet, ob wir mit einer Vertretung im Ausland oder mit einer eigenen Organisation erfolgreicher sind. Die eigene Organisation ist um das 6- bis 8fache erfolgreicher.

VDI nachrichten: Die deutschen Maschinenbauer investieren vor allem in Osteuropa?

Festge: Der deutsche Maschinenbau ist in Westeuropa schon seit Jahren gut aufgestellt. Der Weg nach Osten liegt im Moment nahe.

VDI nachrichten: Was tun, wenn der Kunde nach China geht?

Festge: Durch Vernetzung und Kooperation das Risiko abfedern. Die Kunden wollen immer größere Leistungspakete, eine Rundumversorgung haben. Kooperationen halte ich für sehr sinnvoll, um Risiken abzufedern. VDI nachrichten: Der deutsche Maschinenbau ist mittelständisch orientiert, meist sogar familiengeführt. Wo kommen die Managementkapazitäten her, um Auslandstöchter zu betreuen?

Festge: Das ist ein Problem für die Mittelständler. Die müssen den Nachwuchs so ausbilden, dass der auslandsfähig wird. Und wenn der Mittelstand das nicht tut, dann fällt er zurück. Nur mit fremden Kräften, glaube ich, kommt man nicht klar.

VDI nachrichten: Sie und Ihre Firma haben Lehrgeld bezahlt?

Festge: Wir sind ein familiengeführtes Unternehmen mit persönlicher Haftung. Wir haben 1974 eine Niederlassung in Brasilien gegründet, das war damals eine ähnliche Situation wie heute mit China. Wir sind fürchterlich auf die Nase gefallen damals. Erst als die Familie selbst mit hinging, die Sprache lernte, mühsam lernte, sich zurechtzufinden, ist es besser geworden. Heute ist Brasilien für uns ein sehr gut laufendes, sehr profitables Tochterunternehmen, das jetzt seinerseits ins Ausland geht.

VDI nachrichten: Der Vorstand einer Personalvermittlung hat im vertraulichen Gespräch bestätigt: Ingenieure ab 40 sind für uns zu alt zum Vermitteln.

Festge: Das mag für die Vermittlung stimmen, das stimmt nicht für Firmen. Das gehört in der Zwischenzeit, Gott sei Dank, der Vergangenheit an.

Jemand mit 55 plus, dem ich eine Chance gebe, ist erstens ausgesprochen motiviert, zweitens hat er Erfahrung, drittens belastet sein Arbeitsplatz nicht über Jahrzehnte die Bilanzen.

Das klingt fast ein bisschen böse, aber ich hoffe, es kommt richtig rüber.

VDI nachrichten: Sie stehen zum Standort Deutschland?

Festge: Ja. Hier haben wir unsere Wurzeln, unsere Netzwerke, unser Know-how. Wir sind schlecht beraten, wenn wir so tun, als läge das Heil nur im Ausland. Wir müssen ins Ausland gehen, weil wir unseren Kunden nahe sein müssen. Wir müssen Tochtergesellschaften gründen, unsere Technik den dortigen Märkten anpassen. Aber das wird doch alles nur passieren auf Basis des Stammhauses. Wenn ich ein Tochterunternehmen im Ausland habe, das von Deutschland unabhängig ist, dann habe ich kein deutsches Unternehmen mehr. R. SCHULZE

Von R. Schulze
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