Produktion 09.03.2007, 19:26 Uhr

Das Mekka der optisch-elektronischen Technologien  

die Carl Zeiss AG. Längst hat sie mit Optiken zur Chip-Produktion das rasende Tempo des Weltmarkts überholt. Und der Konzern denkt nicht daran, von hier weg zu gehen.

Der Hauptverwaltungstrakt der Carl Zeiss AG würde in den Industriegebieten von Frankfurt oder München wenig Aufsehen erregen. Im beschaulichen Oberkochen ist das anders. Hier nennt man das Bauwerk ehrfürchtig „das Hochhaus“. Tatsächlich ragt der zehnstöckige Turm aus der Silhouette des nur 8500 Einwohner zählenden Städtchens heraus – höchstens die zwei Kirchtürme können sich mit ihm messen.

Herausragend sind auch die Produkte, die im Schatten des weißen „Towers“ entwickelt und gefertigt werden. Im Rathaus sind einige ausgestellt. In Glasvitrinen können Hightech-Feldstecher und Zielfernrohre bewundert werden. Daneben stehen bizarre Skulpturen aus Maschinenteilen, scharf geschliffenen Fräsköpfen und Sägeblättern. Sie stammen von ebenfalls im Ort ansässigen Metallverarbeitungsunternehmen. Der größte ist die Leitz GmbH & Co. KG. Der Weltmarktführer für professionelle Holz- und Kunststoffbearbeitungs-Werkzeuge beschäftigt 700 Mitarbeiter. Bei Zeiss sind es allerdings mehr als sechs mal so viele: 4407. Und in der benachbarten Kreisstadt Aalen hat der Optik-Konzern nochmal 1459 Menschen auf der Lohnliste.

Dementsprechend weiß Oberkochens Bürgermeister Peter Traub: „Wenn Zeiss hustet, bekommen wir eine Lungenentzündung.“ Deshalb tut das Stadtoberhaupt alles, was der Gesundheit der Gesellschaft dienlich ist. Er hat beispielsweise die schnelle Erschließung des interkommunalen Gewerbegebiets zwischen Königsbronn und Oberkochen vorangetrieben. Letzten Herbst eröffnete Zeiss dort die SMT AG, das weltweit modernste Entwicklungs- und Produktionszentrum für Lithographieoptiken. Investiert wurden insgesamt 450 Mio. €.

Lithographieoptiken sind das Herzstück von Wafersteppern und -scannern, speziellen Produktionsanlagen, die eine entscheidende Rolle in der Herstellung von Mikrochips spielen (siehe Kasten).

Wer im Steppermarkt vorn bleiben will, muss sich schnell auf neue Markterfordernisse einstellen können. Bremsend wirken da bürokratische Hürden und kommunalpolitische Bedenkenträger. In Oberkochen hat man das erkannt. Auf der Fahrt zum neuen Fertigungsstandort berichtet Zeiss-Konzernsprecher Marc Cyrus Vogel, wovon viele Unternehmen nur träumen können: „In vier Wochen lag die Freigabe zum Bau vor.“ Und der Bund habe sofort die benachbarte Straße saniert – auf dass der LKW-Verkehr nicht die Nanotechnik erschüttere.

Zeiss dankt im Gegenzug mit erfreulichen Perspektiven: Längst hat das Unternehmen in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Chipausrüster ASML die Wettbewerber Nikon und Canon überflügelt. Das europäische Duo hält knapp zwei Drittel des Anteils am Weltmarkt für Lithographie-Systeme.

Pragmatisch kubisch die Fassaden, unspektakulär der Eingangsbereich, mit den nötigsten Zugeständnissen an das Corporate Design. Statt in repräsentativem Firlefanz investierte Carl Zeiss SMT zwei Drittel der 450 Mio. € Gesamtsumme in Produktions- und Messanlagen.

Wer in die heiligen Hallen will, muss ein kleines Treppchen besteigen. Dort schrubben rotierende Bürstchen eifrig die Schuhsohlen. Verbleibende Reste des Straßenschmutzes nimmt eine klebrige Folie auf. Zu guter letzt müssen Besucher noch in knisternde Mülltütenschuhe steigen. Damit ist klar: Staubkörner haben keinen Zutritt! In den Reinräumen beschäftigen sich Spezialisten mit Strukturen, die nicht stärker sind als ein Tausendstel eines Haares – das sind gerade mal 500 Atomschichten.

Zwischen den riesigen Anlagen sieht man weiß vermummte Gestalten werkeln. In den chromblitzenden Maschinen, auf Monitoren und in Druckkammern geht es darum, Licht im atomaren Bereich beherrschbar zu machen. Das Ergebnis sind tonnenschwere Optiken, vollgepackt mit bis zu dreißig hochpräzisen Linsen. Montiert in Wafersteppern belichten sie Mikrochips für die ganze Welt. Doch die Konkurrenz bleibt dicht auf den Fersen. Denn jede Neuentwicklung macht PCs, Mobiltelefone oder Spielekonsolen noch kostengünstiger und leistungsfähiger. Rund 32 % der 1400 SMT-Mitarbeiter forschen daher bereits an der nächsten und übernächsten Generation der Chip-Produktion.

Erst 2001, als Dieter Kurz Vorstandschef von Zeiss wurde, konnte sich das Potenzial der Firma in der Halbleiteroptik und -technik so richtig entfalten. Seine Bereitschaft, mehr als 10 % des Umsatzes in Forschung und Entwicklung zu stecken, zahlt sich heute aus. Von allen Unternehmenssparten wächst die Lithographieoptik am schnellsten.

„Innovation steckt bei Zeiss in der DNA“, meint Kurz. Diese Tradition der Innovationskultur zeichne das Unternehmen seit 160 Jahren aus. „Zeiss hat dem Markt stets neue Entwicklungen angeboten und Trends vorweg genommen.“

Die Zukunft des Konzerns sichern hoch qualifizierte Mitarbeiter und die Pflege von Kompetenznetzwerken mit zahlreichen Forschungs- und Bildungseinrichtungen. Konzernsprecher Vogel räumt ein: „Wir tun uns etwas schwer, qualifizierte Fachkräfte für die Verwaltung und Kaufleute hierher zu bringen.“ Metropolen wie Stuttgart oder München seien für viele attraktiver. „Aber Naturwissenschaftler und Ingenieure kommen gerne auf die Ostalb. Für sie bedeutet Zeiss Forschung auf höchstem Niveau.“ Für alle, die sich mit optischen Technologien auseinandersetzen, ist Oberkochen das Mekka.

Auch Bürgermeister Traub findet Gründe genug, sich hier niederzulassen. „Man kommt hier von jedem Punkt der Stadt in fünf Minuten in die Natur,“ schwärmt er. Für manche Städter war das allerdings schon eine arg hohe Dosis Landluft, als sie hier herzogen. Der Verwaltungschef lächelt versonnen: „Aber wenn sie dann mal da sind, wollen sie nicht mehr weg.“ Zu groß sind hier die Vorteile, vor allem für Familien. Zu günstigen Bauplätzen, niedrigen Lebenshaltungskosten und Bildungseinrichtungen für alle Alters- und Begabungsstufen gibt Oberkochen auch immer noch ein Stück heile Welt mit.

ANGELIKA STEHLE/sta

Ein Beitrag von:

  • Angelika Stehle

  • Stefan Asche

    Stefan Asche

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: 3-D-Druck/Additive Fertigung, Konstruktion/Engineering, Logistik, Werkzeugmaschinen, Laser

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