Produktion 08.10.2004, 18:33 Uhr

„Auch für Mittelständler gibt es keine Ausreden mehr“

VDI nachrichten, Düsseldorf, 8.10.04 -Unternehmen sollten alle Stufen ihrer Wertschöpfung in einem weltweiten Netzwerk organisieren, um Kosten, Qualität und Marktnähe zu optimieren. Sie hinterlassen damit gleichsam einen geografischen Fußabdruck, ihren Global Footprint, so eine neue Studie. Fragen an die Initiatoren der Untersuchung Reinhard Geissbauer und Günther Schuh.

VDI nachrichten: Auslandsverlagerungen gewinnen für die deutsche Industrie an Bedeutung. Doch nach Ihrer Studie nutzt nur etwa jedes vierte Unternehmen vorhandene Möglichkeiten in vollem Umfang. Herr Dr. Geissbauer, warum zögern die Unternehmen?
Geissbauer: Die Industrieunternehmen verfolgen unterschiedliche Strategien. Wer etwa technologieintensive Maschinen mit hoher kundenindividueller Anpassung baut oder hoch automatisierte Anlagen betreibt, sollte vorwiegend an existierenden Standorten in Deutschland produzieren. Rund ein Fünftel der befragten Unternehmen tun dies.
Dagegen haben etwa ein Drittel der Industrieunternehmen, vor allem Automobilzulieferer und Maschinenbauer, internationale Fertigungs- und Vertriebsstandorte aufgebaut, um ihre Kunden mit lokalen Produkten vor Ort zu beliefern. Ebenfalls fast ein Drittel aller Industrieunternehmen arbeitet an einem effizienten „Global Footprint“, bei dem für jede Stufe der Wertschöpfung der aus Kosten- und Qualitätsgründen geeignetste Standort gewählt wird. So entstehen immer häufiger globale Unternehmensnetzwerke.
VDI nachrichten: Auslagerungen vernichten Arbeitsplätze, so die vorherrschende Meinung. Herr Professor Schuh, stimmt das?
Schuh: Auslagerungen erhalten zumeist Arbeitsplätze für das Unternehmen, weil sie ohne Auslagerungen womöglich Geschäfte verlieren und Arbeitsplätze abbauen müssten. Dem Standort Deutschland gehen jedoch Arbeitsplätze verloren, wenn das Unternehmen die Auslagerung nicht im Rahmen eines ganzheitlichen Standort- und Wertschöpfungskonzeptes zum Wachstum in neue Märkte oder durch attraktive Preise – sprich: Mischkalkulation – nutzt.
VDI nachrichten: Wie sehen Erfolgsfaktoren für Unternehmen aus, die sich auf dem globalen Markt behaupten wollen?
Geissbauer: Drei Aspekte gilt es besonders zu beachten. Erstens sollten die Unternehmen sämtliche Funktionen auf den Prüfstand stellen. Ob Konstruktion, Fertigung oder Service – jeder Bereich sollte an dem Standort angesiedelt sein, der hinsichtlich Qualität, Effizienz und Marktnähe die besten Bedingungen bietet.
Zweitens müssen die Unternehmen ihre Kernkompetenzen definieren. Viele Unternehmen verwechseln aber noch Kernkompetenzen mit Aufgaben, die sie traditionell im eigenen Haus erledigen. Besonders Fertigung und Montage erlauben vielfach noch stärkeres Outsourcing.
Drittens setzt erfolgreiche Internationalisierung das Engagement des Top-Managements voraus. Zu den wichtigsten Führungsaufgaben zählt es, klar vorzugeben, welche Tätigkeiten an welchem Standort mit welchen Ressourcen auszuführen sind.
VDI nachrichten: Wie kann auch der Mittelstand von Auslagerungen profitieren?
Schuh: Auch für Mittelständler gibt es heute keine Ausrede, sich nicht mit Auslagerungen zu befassen. Für ein Global Footprint-Design mit mehreren Standorten fehlen teilweise zwar die kritischen Massen, die für bestimmte Funktionen, wie Entwicklung, Marketing, IT-Service oder Administration, erforderlich sind. Dennoch können auch viele Mittelständler von der Mischkalkulation der „verlängerten Werkbank“ Osteuropa profitieren. Der Stückkostenvorteil sollte aber nennenswert sein, also je nach Branche größer als 20 %, um die zusätzlichen Risiken und die absorbierte Management-Kapazität zu rechtfertigen.
VDI nachrichten: Zwei Drittel der Unternehmen schätzen die Fertigungsqualitäten im Ausland als gleich gut oder besser ein. Welche Vorteile bieten speziell einzelne Länder und Regionen wie China und Osteuropa?
Geissbauer: Erfahrungen belegen, dass Qualität sowohl adäquate Kontrolle als auch intensives Training erfordert. Mit gut ausgebildeten Fachkräften, einem angemessenen Maschinenpark und einer rigorosen Qualitätskontrolle vor Ort lassen sich hochwertige Produkte und Baugruppen herstellen. Investitionen in China sollten jedoch nicht vorrangig aus Kostengründen, sondern zur Markterschließung erfolgen. Chinesische Kunden stellen spezifische Anforderungen. Außerdem liegen die wettbewerbsfähigen Zielkosten in der Regel um mehr als 50 % unterhalb des deutschen Vergleichswertes. Deshalb muss eine „chinesische“ Maschine von lokalen Teams in China entwickelt und in weiten Teilen gefertigt werden.
Für Osteuropa sprechen derzeit vor allem niedrige Lohnkosten, geringer Produktivitäts- und Qualitätsverlust, volkswirtschaftliches Wachstum sowie politische Stabilität. Daher nutzen deutsche Firmen diese Länder bevorzugt als „verlängerte Werkbank“.
VDI nachrichten: Für produzierende Unternehmen stellen sich neue Aufgaben. Welche Veränderungen kommen auf Ingenieure und Konstrukteure zu?
Schuh: „Low Cost Design“ gewinnt an Bedeutung. Ein guter Ingenieur muss nicht nur sophistisierte Produkte der jeweils nächsten Leistungsstufe entwickeln. Er muss vor allem auch besser Produktfunktionalitäten realisieren, die mit einem Minimum an Ressourceneinsatz auskommen. Dazu gehört aber auch das Verständnis, dass ein kostenminimales Design für China meist nicht mit einem solchen für Deutschland übereinstimmt.
In Deutschland zielt die Konstruktion auf minimale Herstellkosten in Fertigung und Montage, also auf Automatisierung. In China bedeutet kostenoptimales Design minimale Materialkosten. Außerdem müssen Ingenieure wohl gewisse globetrotterische Talente entwickeln und erkennen, dass Ingenieurkunst beispielsweise auch Verhandlungskunst bedeutet.
VDI nachrichten: Produktionsverlagerungen als „verlängerte Werkbank“ haben sich bewährt. Stehen jetzt auch Auslagerungen des administrativen Overheads an?
Geissbauer: Noch einmal: Eine gute Verlagerungsstrategie umfasst alle Unternehmensbereiche. Bereits heute siedeln viele Unternehmen etwa IT, Finanzbuchhaltung oder Personalabrechnung ganz oder teilweise im Ausland an. In kleinen Unternehmen sind die Verwaltungen allerdings oft nicht groß genug, um umfangreiches Outsourcing zu rechtfertigen. Hier wiegt das Risiko, eingespielte Abläufe zu zerteilen, oft schwerer als die ohnehin geringe Kostenersparnis.
WERNER BRUCKNER
Download der Studie „Global Footprint Design“ unter: www.rolandberger.com

 

  • Werner Bruckner

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