Fertigung 13.05.2005, 18:38 Uhr

„Angst entsteht, wenn Informationen fehlen“  

Über Ängste und Chancen im Wettbewerb mit chinesischen Produktionsstätten spricht Dr. Heinz Wesch, Mitglied der Geschäftsleitung von Phoenix Contact in Blomberg, im Interview. Beim Hersteller von elektrischer Verbindungs- und Automatisierungstechnik ist er für die Produktion zuständig. Offene Kommunikation mit den Mitarbeitern ist für ihn ein wichtiges Kriterium für den Erfolg seines internationalen Fertigungsnetzes.

VDI nachrichten: Gibt es für international agierende Unternehmen Alternativen zur globalen Produktion?

Wesch: Um im Ausland wachsen zu können, muss dort auch in Schlüsselregionen produziert werden! Aus unserer Sicht gibt es für unser Unternehmen keine geeignete Alternative zur globalen Produktionsstrategie. Ein Grund liegt in der Notwendigkeit, „close to market“ zu sein, um kurze Lieferzeiten und die vom Kunden gewünschte Flexibilität zu erreichen. Der Kunde will auch in China, Japan oder Indien möglichst schnell beliefert werden – am besten gleich morgen. Dabei werden immer häufiger Sonderartikel gewünscht, die wegen langer Transportzeiten dann nur vor Ort oder nahe bei produziert werden können. Ein weiterer Grund liegt in der zunehmenden Forderung nach „local content“, denn viele Länder achten darauf, dass Hersteller, die im Land verkaufen wollen, einen signifikanten Teil ihrer Wertschöpfung auch vor Ort, also in ihrem Land, erbringen.

VDI nachrichten: Wo produzieren Sie?

Wesch: Insgesamt haben wir acht Produktionsstätten: In Deutschland produzieren wir mit hoher Fertigungstiefe an unserem Stammsitz im lippischen Blomberg. Seit Mitte der 50er Jahre beliefert uns unser Schwesterwerk in Lüdenscheid mit komplexen Stanzteilen. Als namhafte Unternehmen ihre Elektronikproduktionen ins Ausland verlagerten, haben wir 1994 in Bad Pyrmont eine moderne Elektronikfertigung etabliert.

Noch bis Mitte der 90er Jahre wurden über 95 % unserer Produkte an unseren deutschen Standorten gefertigt. Im Ausland haben wir zunächst in Polen und China kleine Produktionsstätten aufgebaut, die in den letzten Jahren aber zunehmend im Hinblick auf Fertigungstiefe und Prozesskenntnis ähnliche Kompetenzen wie die deutschen Standorte gewonnen haben. In den letzten drei Jahren haben wir auch in den USA, Indien und Brasilien Produktionsstätten errichtet.

VDI nachrichten: Berichte über Produktionsverlagerungen verunsichern Mitarbeiter. Wie gehen Sie damit um?

Wesch: Verunsicherung oder sogar Ängste entstehen, wenn es an Informationen und Hintergründen fehlt. Deswegen praktizieren wir bei Phoenix Contact eine „offene Informationspolitik“. Wir versuchen so früh wie möglich unsere Mitarbeiter in unsere globale Produktionsstrategien einzubinden. Das geschieht zum einen in Workshops mit rund 15 Mitarbeitern, zum anderen in größeren Informationsveranstaltungen. In Einzelfällen nutzen wir auch Betriebsversammlungen, um unser Anliegen einer großen Mitarbeiterschaft zu veranschaulichen.

Die Mitarbeiter sollen verstehen können, dass auch die Werke in Deutschland von leistungsfähigen internationalen Produktionsstandorten profitieren können. Nur so wird profitables Wachstum in der gesamten Firmengruppe gewährleistet. Oder, anders ausgedrückt: Bundesligameister kann auch nur der Verein werden, der sowohl Heimspiele als auch Auswärtsspiele gewinnt.

Übertragen wir dies auf ein global agierendes Unternehmen wie unseres – ausgehend von einer soliden Heimatbasis mit umfangreichem Produktions-Know-how und großer Fertigungstiefe – wird es uns gelingen, mit all“ unseren Mitarbeitern in Asien, Amerika oder Osteuropa für weiteres nachhaltiges Wachstum zu sorgen.

VDI nachrichten: Besonders die Chinesen werden als unbekannte oder gar bedrohliche Konkurrenten empfunden. Welchen Eindruck haben Sie durch Ihr Engagement in China gewonnen?

Wesch: Sammelt man Eindrücke über China nur aus Zeitungen und Fernsehberichten, sind die Menschen dort „Arbeitsbienen“, haben wenig Privatsphäre und wollen nur eins: unseren Wohlstand erreichen. Durch meine Besuche in China habe ich auch Menschen kennen gelernt, die gebildet, modern und selbstbewusst sind. Aber sie tun sich schwer bei Veränderungen und schnellen Entscheidungen und können immer wieder neue Bedenken ins Feld führen.

Wenn man sich unvoreingenommen mit Land und Leuten sowie der Geschichte und Kultur beschäftigt, wird man China nicht als Bedrohung, sondern als Chance und Herausforderung betrachten.

VDI nachrichten: Was hat Sie bei den Chinesen am meisten beeindruckt?

Wesch: Die Chinesen sind ungeheuer fleißig. Sie zeichnen sich durch Geduld und einem absoluten Willen zum Erfolg aus. Mit großem Eifer werden Amerikaner und Europäer in ihren Gewohnheiten studiert und manchmal auch kopiert. Dies gilt natürlich auch für Produkte. In der chinesischen Gesellschaft ist es nicht ehrenrührig, wenn man gute Produkte kopiert. Im Gegenteil, man sieht dies als eine Fähigkeit an und ist stolz darauf. Deswegen werden Kopisten in China nicht verachtet, sondern sind anerkannte Mitglieder der Industriegesellschaft.

VDI nachrichten: Wie verfahren Sie in China bzw. Asien mit Nachahmern, die neben Ihren Produkten auch gleich ganze Kataloge kopieren?

Wesch: Die Erfolg versprechendste Gegenmaßnahme sehen wir in unserer hohen Vertriebs- und Marketingpräsenz in den betreffenden Ländern. Es ist uns sehr wichtig, den Namen und das Image von Phoenix Contact im Land zu stärken und somit als ein kompetenter Partner auftreten zu können. Wie bereits erwähnt, haben wir in Schlüsselregionen auch Produktionsstätten etabliert. Als Grundsatz gilt: Die Produktion folgt dem Vertrieb. Das hat den Vorteil, dass wir speziell in China auf landesspezifische Marktveränderungen schnell und effektiv reagieren können und als Technologiepartner mit großem Prozess-Know-how wahrgenommen werden.

VDI nachrichten: Wie reagieren Sie dabei auf regionale „Eigenarten“?

Wesch: Unsere chinesischen Kollegen haben exzellente Beziehungen zu den Behörden vor Ort. Diese Netzwerke muss man behutsam nutzen, ohne sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dabei spielt das Vertrauen in unsere chinesischen Kollegen eine große Rolle. Man sollte sich zurückhalten, viel Zeit und Geduld aufbringen. Bei allen positiven Erfahrungen, die man in China macht, muss aber eine Tugend enorm ausgeprägt sein: hohes Einfühlungsvermögen in die chinesische Denkweise und Mentalität. Politische Entscheidungsfindungen oder auch Entscheidungen im täglichen Betriebsleben erfordern Zeit, Geduld, Besonnenheit und Konsensfähigkeit.

VDI nachrichten: Wie gehen Sie mit Mentalitätsunterschieden ihrer internationalen Mitarbeiter um?

Wesch: Wir bereiten unsere Führungskräfte sowohl in Deutschland als auch in China intensiv durch Schulungen auf ihre Aufgaben vor. Die häufigen persönlichen Begegnungen unterstützen das wirkungsvoll und erweitern die interkulturelle Kompetenz. Moderne Kommunikationsmittel sind dabei hilfreich, ersetzen aber auf keinen Fall persönliche Begegnungen.

Von Anfang an haben wir auf ein chinesisches Management gesetzt und durch viele gemeinsame Begegnungen, Aktivitäten und Erfolge eine intensive Beziehung auf allen Hierarchieebenen aufgebaut. Das erleichtert die Zusammenarbeit enorm und stärkt die Bindung zur Unternehmensgruppe. Wir haben gelernt, unsere chinesischen Kollegen als Partner zu akzeptieren. Unsere chinesischen Kollegen wollen von uns lernen, indem wir sie beraten und unterstützen. Es wäre falsch, als „Besserwisser“ dort aufzutreten. Im Gegenteil, wir können auch von ihren Erfahrungen profitieren.

VDI nachrichten: Wie sieht ein solcher Know-how-Transfer aus?

Wesch: Der Transfer von Technologie und Know-how muss Hand in Hand gehen. Wir setzen Projektleiter ein, die sowohl die Interessen des jeweiligen Standortes zum Stammhaus hin als auch die Anforderungen des Stammhauses an den externen Standort vertreten. Unsere Mitarbeiter aus Deutschland geben das Know-how quasi an ihre Kollegen in China vor Ort weiter. Wir nutzen so die Synergieeffekte der deutschen Disziplin, gepaart mit chinesischem Fleiß und Ehrgeiz. Aus dem Mix entstehen landesspezifische Lösungen, die wir auch an anderen Standorten, wie in Polen, Brasilien oder sogar in Deutschland, nutzen werden. Der Know-how-Transfer findet somit in beiden Richtungen statt. Immer häufiger profitieren wir in Deutschland von einfachen, aber effizienten Lösungen der Chinesen. Wir stärken damit, wie anfangs erwähnt, auch unsere Standorte in Deutschland. M. CIUPEK

Von M. Ciupek
Von M. Ciupek

Stellenangebote im Bereich Produktmanagement

Diehl Defence GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Diehl Defence GmbH & Co. KG Trainee (m/w/d) für das Technische Traineeprogramm Entwicklung | Produktion | Produktmanagement deutschlandweit
Viessmann Group-Firmenlogo
Viessmann Group Product Owner (m/w/d) Electrical Warm Water Allendorf (Eder)
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Product Manager Brake Control (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
ifm efector gmbh-Firmenlogo
ifm efector gmbh Elektroingenieur als Assistent Produktmanagement Positionssensorik (m/w/d) Essen
Minimax GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Minimax GmbH & Co. KG Product Launch Manager (m/w/d) Bad Oldesloe
Total Deutschland GmbH-Firmenlogo
Total Deutschland GmbH Leiter (m/w/d) Produkttechnik & Rangemanagement Berlin
fischerwerke GmbH & Co. KG-Firmenlogo
fischerwerke GmbH & Co. KG Leiter Projekttechnik & Segmente (m/w/d) Waldachtal-Tumlingen
PASS GmbH & Co. KG-Firmenlogo
PASS GmbH & Co. KG Verfahrensingenieur (m/w/d) in der Produktentwicklung Schwelm
motan holding gmbh-Firmenlogo
motan holding gmbh Senior Product Manager (m/w/d) Konstanz
XTRONIC GmbH-Firmenlogo
XTRONIC GmbH Requirements Engineer Bereich Kombiinstrumente (m/w/d) Böblingen

Alle Produktmanagement Jobs

Top 5 Produktion

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.