Produktion 10.09.2004, 18:33 Uhr

130 000 IT-Jobs gefährdet

VDI nachrichten, Düsseldorf, 10.9.04 – rusMit Kosteneinsparungen bis 50 % können Unternehmen durch Offshoring, der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, ihre Wettbewerbsposition nachhaltig verbessern. Doch interne Probleme und die weit reichenden Auswirkungen auf den Standort Deutschland, etwa der Verlust von 130.000 IT-Arbeitsplätzen, sollten keinesfalls unterschätzt werden, so Dirk Buchta und Bettina Loth, Berater bei der Managementberatung A.T. Kearney, in ihrem nachfolgenden Beitrag.

Von vielen Unternehmen wurden und werden umfangreiche Maßnahmen zur Kostenoptimierung, zum Beispiel durch Prozessrestrukturierung oder Outsourcing durchgeführt. Da Offsho-ring mit einem Einsparpotenzial von etwa 30 % bis 50 % verbunden sein kann, wird dieses Thema in den meisten deutschen Unternehmen natürlich auch diskutiert.

Das Einsparpotenzial von Offsho-ring resultiert aus den Lohnkostenunterschieden zwischen einzelnen Ländern. In Indien beispielsweise betragen die Lohnkosten knapp 20 % eines deutschen Software-Programmierers – Übertragungs- und Aufbereitungskosten mit eingeschlossen. Off-shoring wird folglich vornehmlich in Bereichen eingeführt, die mit arbeitsintensiven Prozessen verbunden sind, wie Callcenter, Softwareentwicklung und administrative Prozesse im Rechnungs- und Personalwesen.

Das Einsparpotential, das sich in Deutschland durch Offshoring derzeitig realisieren ließe, beträgt geschätzt jährlich 2 Mrd. € jährlich. Es setzt sich im Wesentlichen aus dem klassischen Offshoring im produzierenden Bereich – beispielsweise in der Automobil- und Textilbranche – ergänzt um das seit 2000 immer interessanter werdende Offshoring arbeitsintensiver Teilprozesse wie zum Beispiel der IT-Programmierung, Callcenter, Erfassungstätigkeiten im Finanz- und Rechnungswesen zusammen.

Die weltweit führenden Anbieter im Bereich IT-Offshoring wie Wipro und Infosys sehen für sich in Deutschland ein hohes Wachstumspotenzial von mehr als 100 %/a. Mit einem Offshore-Anteil von 5 % aller extern vergebenen Aufträge liegt Deutschland deutlich niedriger als die USA und Großbritannien, wo dieser Anteil je 20 % erreicht. Auf der anderen Seite zeigen die Ergebnisse einer A.T. Kearney-Studie, dass 80 % der Unternehmen in Deutschland keine Offshoring-Strategie besitzen und das Thema damit eher zurückhaltend angehen.

Auf Offshoring-spezifische Anforderungen sind deutsche Unternehmen, gerade wenn sie auf internationalem Parkett wenig Erfahrung besitzen, auch nur zum Teil vorbereitet. Sind die Projekte vom Einkauf initiiert, werden wichtige Vorbereitungsarbeiten wie die Erstellung einer englischen Programmdokumentation in der Regel zu spät erkannt. Der Erfolg bleibt daher entsprechend meist hinter dem Potenzial in anderen Ländern zurück. Nicht nur, dass bisher nur wenige Unternehmen Offshoring als Alternative sehen, die bisher durchgeführten Offshoring-Vorhaben erfüllten nur zu 35 % die Zielvorgaben im Bereich Kosteneinsparung. Weltweit liegt die Erfolgsquote aller Offshoring-Projekte bei 50 %.

Um die kulturellen und sprachlichen Barrieren so gering wie möglich zu halten, tendieren deutsche Unternehmen zu „Nearshoring“, also der Vergabe von Offshoring-Aufträgen innerhalb Europas – zum Beispiel nach Ungarn und Tschechien, da in diesen Ländern auch in deutscher Sprache gearbeitet werden kann.

Die IT-Branche nimmt im Rahmen von Offshoring eine Schlüsselposition ein. Die Auswirkungen von Offshoring auf deutsche Unternehmen sind enorm – und die Notwendigkeit zur strategischen Positionierung entsprechend groß.

IT-Abteilungen deutscher Unternehmen konzentrieren sich seit Jahren zunehmend auf ihre Kernkompetenzen. Diese liegen im Bereich IT-Strategie und Planung, Bündelung der IT-Fragestellungen der verschiedenen Fachbereiche, Koordination der IT-Dienstleister und das IT-Controlling. Projekt- und Betriebsaufträge werden häufig extern oder an Töchter vergeben. Ist dieser Prozess bereits weitestgehend umgesetzt, wird sich durch Offshoring für die IT-Abteilungen wenig ändern.

Unter den heutigen schwierigen Marktbedingungen haben auch IT-Töchter von Unternehmen in der Regel Probleme, profitabel zu sein. Das Mutterunternehmen nutzt die IT-Tochter häufig für spezielle Fragestellungen, wie beispielsweise für die Betreuung der Altsysteme. Viele andere Aufträge werden bevorzugt an Externe vergeben, die zumeist kostengünstiger anbieten. Im Rahmen von Offshoring können IT-Töchter als Partner des Mutterunternehmens die Koordination und Qualitätssicherung von Offsho-ring-Anbietern übernehmen. Das historisch gewachsene, unternehmensspezifische Wissen prädestiniert sie dafür. Gleichzeitig können sie so ihre Profitabilität entscheidend verbessern.

Die großen internationalen IT-Dienstleister wie IBM, HP, Accenture, EDS, CSC oder CGEY, die den IT-Markt in Deutschland stark mitbestimmen, haben bereits eigene Standorte in Offshore-Regionen aufgebaut. IT-Leistungen werden zunehmend im Rahmen eines internationalen Ressourcen- und Produktionsverbundes am jeweils geeigneten, kostengünstigsten Standort erbracht und Aufgaben und Arbeitsplätze damit schrittweise in die entsprechende Region verlagert.

Kleinere, national operierende IT-Dienstleister können mit den Offsho-ring-Preisen nicht konkurrieren und werden gegebenenfalls Aufträge im Bereich Softwareentwicklung an Offsho-ring-Anbieter abgeben müssen. Die Unternehmen haben jedoch andere Stärken: Zum Beispiel gelten sie aufgrund ihrer engen, oft langjährigen Kundenbindung als ideale IT-Partner ihrer bisherigen Kunden und könnten bei der Koordination von Outsourcing- oder Offshoring-Aufträgen mitwirken.

Die Diskussion der Auswirkungen von Offshoring auf den deutschen Arbeitsmarkt gestaltet sich alles andere als einfach. Einer A.T. Kearney-Studie zufolge könnten allein in der IT-Branche bis zu 130 000 Arbeitsplätze verlagert werden. Diese Abschätzung beruht allerdings auf der Annahme, dass deutsche Unternehmen sich aus reinen Kostengründen für ein Offshoring entscheiden. Die bisherigen Erfahrungen zeigen jedoch, dass dazu nur ausgewählte Unternehmen, zumeist mit internationalem Charakter, bereit sind.

Auf der anderen Seite fallen Arbeitsplätze in Deutschland nicht einfach weg. Vielmehr findet eine gewisse Kompensation durch die Verlagerung in der Wertschöpfungskette nach oben statt, weg vom Programmieren hin zum Managen und Anwenden. Zudem wächst der Bedarf an Dienstleistungen zukünftig weiter an. Laut Abschätzungen mehrerer Analystengruppen beträgt das Marktwachstum für IT-Dienstleistungen für 2004 etwa 4 % bis 5 % Prozent pro Jahr.

Sehr bedeutend ist diese Entwicklung zudem für die Qualifikation der Hochschulabsolventen, die sich infolge des Offshoring-Trends verändern wird. Kenntnisse von Sprachen, betriebswirtschaftlichen und ingenieurtechnischen Grundlagen sowie Branchen-Know-how wird zur notwendigen Voraussetzung, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können und langfristig zu bestehen. Eine internationale Ausrichtung der Studenten ist wichtig, um kulturelle Unterschiede zu kennen und bewusst im täglichen Geschäftsleben darauf reagieren zu können.

Fest steht: Offshoring wird Realität im Unternehmensalltag. Für Unternehmen ergeben sich daraus zahlreiche Chancen, unter der Voraussetzung, dass die Offshoring-Möglichkeiten aktiv und strategisch geplant genutzt werden. Offshoring wird Arbeitsinhalte und Qualifikationsanforderungen für Arbeitnehmer weiterhin beschleunigt in Richtung höherwertiger, umfassender Arbeitsinhalte und Qualifikationsprofile entwickeln. Entsprechend sollte sich die deutsche Wirtschaft auf die Nutzung der sich bietenden Chancen ausrichten.

Bettina Loth, Dirk Buchta
…die Autoren arbeiten beide in der strategischen Beratung des Unternehmens A.T. Kearney. Dr. Bettina Loth mit den Schwerpunkten IT- und Geschäftsfeldstrategie, Outsourcing und Due Diligence Dr.-Ing. Dirk Buchta verantwortet in Europa den Bereich Technology & Transformation. Seine Beratungsschwerpunkte liegen in der IT-Strategie und im Offshoring.

 

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