Mikroelektronik 02.07.2004, 18:31 Uhr

„Wir wollen die Region wachsen sehen“

VDI nachrichten, Itzehoe, 2. 7. 04 -Um ein Fraunhoferinstitut und einen Technologiepark herum haben sich im norddeutschen Itzehoe eine Reihe von kleinen, aber kräftig wachsenden Unternehmen aus der Mikroelektronik angesiedelt. Der Standort erweist sich sogar als wettbewerbsfähig gegenüber solchen Regionen wie Stuttgart oder dem Ruhrgebiet.

Tag für Tag quälte sich Eggert Pfeiffer durch den Großstadtverkehr in Hamburg, 13 Jahre lang. Das Angebot aus Itzehoe kam ihm da gerade recht. Heute ist Pfeiffer Geschäftsführer der „GLI Gesellschaft für Technische Informationssysteme“ in Itzehoe. „Hier stimmt das Umfeld“, so Pfeiffer erleichtert. „Und auch die Kunden kommen gerne hierher.“
Knapp 60 km nördlich von Hamburg mausert sich die kleine Stadt Itzehoe an der Westküste Schleswig-Holsteins zum Hightech-Standort.
Alles begann mit der Ansiedlung des Fraunhofer-Instituts für Siliziumtechnologie (ISIT), das sich auf die Entwicklung, Fertigung und den Entwurf von Bauelementen der Mikroelektronik, Mikrosystemtechnik, Aktuatorik und Mikrosensoren konzentriert. Direkt neben der Autobahn 23 mitten im Grünen ging das ISIT 1995 an den Start.
Unumstritten war die Entscheidung nicht. 125 Mio. € an öffentlichen Geldern verschlang die Forschungseinrichtung. Mittlerweile sind die kritischen Stimmen leiser geworden. Auch wenn die Arbeit des ISIT mit seinen 150 Wissenschaftlern für die meisten Einwohner des kleinen Städtchens wenig transparent ist.
Herzstück des imposanten ISIT-Gebäudes ist der 3000 m2 große Reinraum – einer der modernsten Europas. Schon allein der ist für potenzielle Kunden interessant. Genutzt wird er heute überwiegend von dem amerikanischen Halbleiterproduzenten Vishay zur Produktion von jährlich 200 000 Wafern mit PowerMOS-Schaltkreisen. Ein weiterer Ausbau ist bereits geplant. Und Vishay will 10 Mio. Dollar investieren, um die Produktion zu erweitern.
Sein industrielles Potenzial für die Region beweist das ISIT auch durch seine Ausgründungen, junge Unternehmen die sich mit innovativen Ideen im Markt etablieren. Wie das Unternehmen Condias, das diamantbeschichtete Elektroden für die industrielle Anwendung entwickelt und produziert.
Oder die Spin-off-Firma eBiochip von Rainer Hintsche. Dem Chemiker ist es gelungen, einen Chip zu entwickeln, der einen rein elektrischen DNA- und Proteinnachweis durchführt und dabei ohne optische Nachweismethode auskommt. Der Vorteil liegt vor allem in der Erzeugung eines elektrischen Signals, das direkt zum Computer geleitet und sofort verarbeitet werden kann. Hintsche ist jetzt europaweit am Markt und bietet seinen Chip als schnellen Vor-Ort-Nachweis von biologischen Terrorwaffen an. Aber auch zur Identifikation von infektiösen Mikroorganismen wie Legionellen ist die Entwicklung, so Hintsche, geeignet.
Kontinuierlich mauserte sich Itzehoe in den vergangenen Jahren zum Hightech-Standort für Mikroelektronik. Dafür setzt vor allem Dr. Ingo Hussla, Geschäftsführer des Itzehoer Innovationszentrums IZET (Internationales Zentrum für Entrepreneurship und Technologie) alle Hebel in Bewegung. Die Liste seiner Aktivitäten ist lang. Über 80 Start-ups wurden seit 1997 unterstützt, Finanzierungskonzepte entwickelt, Fördermittel im EU-Dickicht gesucht, Seminare für Geschäftskonzepte angeboten. Den Fokus richtet Hussla dabei auf Technologietransfer und Anwendungen von Mikrotechnologien, e-Business und Softwareentwicklung.
Vor zehn Jahren, als er von Köln nach Itzehoe kam, um eine grüne Wiese in einen Hightech-Standort zu verwandeln, sah es noch ganz anders aus. Fast wie eine kleine Oase wirkte die 50 ha große Fläche. Auch heute ist die Idylle noch nicht ganz verschwunden. Kühe und Hasen leben hier in friedlicher Koexistenz mit Bits und Bytes. Doch nach und nach hat sich ein technologischer Pool rund um das IZET, gebildet – dank des innovativen Klimas für Spin-offs, Start-ups oder „Newcomer Industries“.
Die Region entwickelte sich innerhalb Schleswig-Holsteins zu einem Kompetenzzentrum für Leistungselektronik. Insgesamt 600 Jobs sind entstanden. „Diese Arbeitsplätze sind neu und nicht verlagert worden“, betont Hussla. Für ihn ist wichtig: „Wir wollen die gesamte Wertschöpfungskette vom Forscher über den Produzenten bis hin zum Nutzer hier ansiedeln.“
Auch die Landesregierung in Kiel setzt auf Ansiedlung in Itzehoe. „Je mehr Firmen vor Ort sind, umso interessanter wird die Region für andere Unternehmen“, so Dr. Bernd Roß, Referatsleiter Technologiepolitik im schleswig-holsteinischen Wirtschaftsministerium. Sein Ziel: „Wir wollen den Standort wachsen sehen.“ Dabei setzt er auf das Potenzial der Mikrotechnologie. „Wir stehen erst ganz am Anfang“, so Roß.
Jüngstes Erfolgserlebnis ist die Ansiedlung des japanischen Konzerns Nippon Antenna, eines der führenden Unternehmen in der Produktion von Autoantennen. Auf der Suche nach einem geeigneten Standort für eine Test- und Entwicklungsanlage für Europa, stach Itzehoe die Konkurrenz in Stuttgart, dem Ruhrgebiet und Wolfsburg aus.
„Die Infrastruktur mit der Nähe zum ISIT und dem IZET und die günstige und vor allem unverbaute Fläche hat die Manager in Tokio von dem Standort überzeugt“, erklärt Dieter Pototzki, der als Standortleiter von Nippon Antenna in Deutschland zurzeit alle Hände voll mit den Vorbereitungen für die Ansiedlung zu tun hat. Die Bauarbeiten für die 4 Mio. € teure Investition, die aus einer 14 m hohen Halbkugel aus glasfaserverstärktem Kunststoff besteht, laufen auf Hochtouren. Etwa eineinhalb Stockwerke wird das Forschungszentrum unterirdisch gebaut.
Vor allem für die Kunden ist dies entscheidend. Denn ab September rollen hier die „Erlkönige“ der deutschen Automobilbauer an, um unter der Erde vor den Augen der Öffentlichkeit versteckt auf optimalen Empfang von über 60 Funkfrequenzen für Radio, Telefon, Internet und Navigation vermessen zu werden.
Auch das Innovationszentrum wächst. 44 Firmen sind zurzeit im IZET untergebracht – 150 Arbeitsplätze entstanden. Einer der Ersten war Eggert Pfeiffer, nachdem er es leid war, sich tagtäglich durch den Hamburger Verkehr zu quälen. Gemeinsam mit seinen 18 Mitarbeitern fühlt er sich hier pudelwohl. Sein Unternehmen hat sich auf die Entwicklung leistungsstarker Software für technische Betriebsführung spezialisiert und hat unter anderem 50 Stadtwerke in Deutschland damit ausrüstet. Vor allem die Kooperation mit dem dänischen Unternehmen Navision entwickelte sich für Pfeiffer zu einem Volltreffer. Als Navision vor zwei Jahren von Microsoft gekauft wurde, ist GLI weltweit zum einzigen „autorisierten Microsoft Business Solutions-Partner“ auf dem Gebiet der technischen Betriebsführung und Instandhaltung geworden. Pfeiffer: „Das ist wie ein Sechser im Lotto.“
Den Umzug von Hamburg nach Itzehoe hat er nicht bereut. Für seine Kunden ist der Standort in der Provinz nicht ausschlaggebend. Im Gegenteil, „sie kommen gern hierher“, erzählt er. Viele würden den Ausflug in den Norden gleich für einen Kurzurlaub nutzen.
Für Itzehoe war die Ansiedlung von ISIT und IZET ein Glücksfall. Zwar trägt die Stadt 20 % der Betriebskosten des Innovationszentrums, doch die fließen über Gewerbesteuer längst wieder in den Stadtsäckel zurück. Für Hussla steht fest: Investitionen in Hochtechnologie haben die Wirtschaftsstruktur erneuert. „Das Konzept funktioniert.“ANGELA SCHMID

Von Angela Schmid

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