Technikschau 16.04.2010, 19:46 Uhr

„nano!“ macht die Welt des Unsichtbaren verständlich

Ein Zuckerwürfel besteht aus mehr als 100 Mrd. Nanopartikeln, aber wer weiß das schon? Die kleinsten Teilchen und die Technologie, die sich ihrer bedient, sind für die meisten Menschen Lichtjahre entfernt. Im Mannheimer Technoseum macht die Sonderausstellung „nano! Nutzen und Visionen einer neuen Technologie“eine Reise in die Nanowelt möglich.

Die Schau startet im „Labor der Natur“ und sorgt schon zu Beginn für Aha-Effekte: An den Blättern der Taropflanze perlt das Wasser ab wie Quecksilber. Auch an Tulpen und Kapuzinerkresse kann der Besucher diesen Selbstreinigungsmechanismus, der unter dem Namen Lotuseffekt bekannt ist, beobachten. Einige Meter weiter geht es in die Tierwelt: Ein Gecko mit roten Punkten demonstriert, wie er dank seiner bis zu 15 nm dicken Hafthaare kopfüber an der Decke laufen kann: „Kleben ohne Klebstoff“, sagt Reiner Bappert, „das ist pure Nanotechnologie.“

In der Natur, erklärt der Projektleiter der Ausstellung, sei sie schon seit Millionen Jahren bekannt. Als Nano-Trendsetter erweist sich auch der Sandskink, der in seinem Terrarium in den Saharasand eintaucht, ohne dass die mit nanometergroßen Zacken besetzte Haut auch nur einen Kratzer abbekommt.

Wer erfahren will, wie die moderne Technologie sich solche Naturphänomene zunutze macht, muss in den Fahrstuhl steigen und ins Nanoreich hinunterfahren. Bei einer Größenordnung von einem Meter geht es los, vorbei an vergrößerten roten Blutkörperchen und Bakterien, die sich in Größenwelten von zehn hoch minus vier und fünf bewegen. Zweieinhalb Minuten dauert die virtuelle Fahrt. Sie endet gefühlte neun Stockwerke tiefer bei den Nanopartikeln. Einer hängt als Modell an der Decke.

„Wir wollen das Unsichtbare verstehbar machen“, erklärt Technoseum-Direktor Hartwig Lüdke. Ganz in Schwarz-Weiß öffnet sich am Ausgang des Fahrstuhls „eine Landschaft aus Nanoröhren“. Wie durch ein Labyrinth aus sechseckigen Fullerenen wird der Besucher durch die einzelnen Themenräume geführt. Sie zeigen nicht nur Atome und Moleküle – die wichtigsten Bausteine des Nanokosmos – im Großformat und moderne „Werkzeuge“ vom Rastertunnel- und Lichtmikroskop bis hin zur kleinsten Fräsmaschine der Welt. Sie führen vor allem vor, wie weit die Nanotechnologie bereits bis in ganz alltägliche Gegenstände vorgedrungen ist. Beispielsweise bis in den Tennisschläger, den Nanoröhren aus Kohlenstoff mit einem Durchmesser von einem bis 50 nm 400 mal so fest wie Stahl und zugleich federleicht machen. Oder in die schmutzabweisende Krawatte mit erhöhtem Fleckschutz. Vom Bereich Oberflächen und Materialien geht der Rundgang weiter in die Informations- und Kommunikationstechnologie. Hier werden unter anderem Reinräume für die Mikrochipherstellung gezeigt, die mithilfe von feinsten Schwebstofffiltern in Nanogröße sauber gehalten werden. Auch aus den Feldern Energie, Umwelt, Biotechnologie und Medizin, so zeigt die Schau, ist die Nanotechnologie nicht mehr wegzudenken.

Immer wieder bietet die Ausstellung die Möglichkeit, Nanowerkstoffe wie Titandioxid, das im UV-Schutz zum Einsatz kommt, oder Industrieruß, der Autoreifen widerstandsfähiger macht, kritisch unter die Lupe zu nehmen, sich über ihre Eigenschaften und Verwendung, aber auch über die Ergebnisse der Risikoforschung zu informieren. Damit das Abstrakte besser zu begreifen ist, setzen die Ausstellungsmacher neben klassischen dreidimensionalen Exponaten vor allem auf Experimentier- und Vorführstationen. Hier kann der Besucher Wassertropfen springen lassen, auf einer interaktiven Oberfläche Nanostrukturen durch die Bewegung des eigenen Körpers virtuell erkunden oder Produkte an der „Kasse“ des Nano-Supermarkts über den Scanner ziehen, um mehr über ihre Inhaltsstoffe zu erfahren.

„Wir wollen hier keine Reklame für eine neue Technologie machen“, betont Reiner Bappert. So spart die Ausstellung auch die durchaus kritische gesellschaftliche Debatte um die Nanotechnologie nicht aus. „Die Besucher sollen kritikfähig werden“, erklärt Ausstellungsgestalter Harry Hauck. So endet die Schau in einem Erzähl- und Diskussionsraum, in dem Experteninterviews, Studien und Gutachten die Chancen und Risiken der neuen Schlüsseltechnologie beleuchten und ethische Fragen und Visionen für die Zukunft aufwerfen. Die Ausstellung ist bis zum 3. 10. 10 im Technoseum – Landesmuseum für Technik und Arbeit – in Mannheim zu sehen.   JUTTA WITTE

Ein Beitrag von:

  • Jutta Witte

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