Mikrosystemtechnik 28.04.2000, 17:25 Uhr

Markt der Zukunft

Ein schneller Marktdurchbruch ist bei der Mikrosystemtechnik nicht zu erwarten, bemängeln Kritiker. Doch anders könnte es gar nicht sein, wie der Technikforscher Oliver Pfirrmann argumentiert.

Airbag, Anti-Blockiersystem oder Herzschrittmacher sind nur einige der bekannten Beispiele mikrosystemtechnischer Anwendungen. Experten gehen inzwischen davon aus, dass die industrielle Produktion durch intelligente, also informationsgesteuerte Werkzeuge erheblich optimiert werden kann. Vergleichbares gilt für die Prozess- sowie die Haus- und Gebäudetechnik. Völlig neue Optionen eröffnet die Mikrosystemtechnik (MST) durch den Einsatz in der Medizin, z. B. im Implantatebereich. Die Marktprognosen schwanken zwischen 18 Mrd. DM (Deutschland Anfang 2000) und 38 Mrd. Dollar (Weltmarkt in 2002).
Dessen ungeachtet ist die Mikrosystemtechnik Zielscheibe nachhaltiger Kritik. Schnell ist das Stigma der „Technologie ohne Produkte“ bei der Hand, wenn es gilt, Mikrosystemtechnik zu charakterisieren. Ein Vorwurf, der ebenso unberechtigt erscheint wie die angeblich lange Entwicklungs- und Markteinführungszeit. So dauerte es immerhin mehr als dreißig Jahre, von der Erfindung des ersten Transistors 1947 in den Bell Laboratories des heutigen Silicon Valley, bis die Mikroelektronik eine nennenswerte Verbreitung in Produkten und Fertigungsprozessen gefunden hatte.
Kritische Begleiter der Mikrosystemtechnik haben nun wieder Material zur Hand. Ein interdisziplinäres Autorenteam aus Experten des Maschinenbaus, der Mikrostrukturierung und der Innovationsforschung unter Federführung des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung hat eine Untersuchung vorgelegt, die den plakativen Titel trägt: Mikrosystemtechnik – Wann kommt der Marktdurchbruch? Das Fazit: Ein Marktdurchbruch ist erst in fünf bis sieben Jahren zu erwarten.
Ausführlich versuchen die Verfasser zu belegen, warum das so ist. Unsicheren Markterwartungen stehen Zurückhaltungen der Industrie gegenüber. Nach wie vor fehlen überzeugende Anwendungsbeispiele mit Massenmärkten wie z. B. bei der Mikroelektronik. Deutsche Forschungseinrichtungen haben sich bisher mehr an augenfälligen Leitentwicklungen mit Prototypcharakter versucht. Bei den zum Vergleich herangezogenen Ländern USA und Japan sieht es nicht wesentlich besser aus. Vorteilhaft für die weltweit in der Mikrosystemtechnik führenden USA komme zum Tragen, so die Autoren, dass ein technologischer Vorsprung in der Halbleiterfertigung besteht und eine entsprechende Dienstleistungsinfrastruktur, die diejenigen Unternehmen begünstigt, die nicht das Kapital für die z. T. hohen Anlage- und Geräteinvestitionen der Mikrosystemtechnik besitzen. Folglich liegen die förder-politischen Empfehlungen für Deutschland in der Verbesserung des Technologietransfers zwischen Forschung und Industrie, der Optimierung der Innovationsinfrastruktur und -rahmenbedingungen sowie in der Schaffung von Kommunikationsplattformen, z. B. als moderierte Diskurse zwischen relevanten technologiepolitischen Akteuren.
Neu und überraschend ist das alles freilich nicht. Erfolg am Markt ist letztendlich der Maßstab des Erfolges aller technologischen Bemühungen. Hier fehlen der Mikrosystemtechnik weltweit noch nachhaltige Erfolge. Ungeachtet einer internationalen Spitzenstellung haben es deutsche Forschung und Industrie noch nicht vermocht, die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten mit entsprechenden Anwendungen zu verbinden. Richtig ist: Das technologische Potential der Mikrosystemtechnik ist bei weitem noch nicht kommerziell ausgeschöpft.
Gleichwohl ist zu bezweifeln, dass die Studie eine angemessen kritische Auseinandersetzung mit der Mikrosystemtechnik erlaubt. Denn vieles von dem, was die Autoren empfehlen, findet sich bereits in früheren Untersuchungen. Dafür bleiben wichtige Erkenntnisse unberücksichtigt, spannende Fragen unbeantwortet. Zum Beispiel, dass es bereits Anfang der 90er Jahre ca. 3000 Unternehmen allein in den alten Bundesländern gab, die eine oder mehrere Miniaturisierungstechniken einsetzten, weitere 1700 hatten vor, in die Miniaturisierung einzusteigen. Den generell konstatierten Mangel einer Dienstleistungsinfrastruktur in der MST gab es im Deutschland der 90er Jahre nicht. Mikrosystemtechnik-Initiativen gab und gibt es zuhauf, inzwischen sind es nahezu 40 Initiativen der Bundesländer. Auch wurden nach und nach an deutschen Hochschulen Lehrangebote zur MST eingerichtet. Was aus diesen Aktivitäten, Angeboten und Initiativen geworden ist, darüber gibt die Studie keine Auskunft.
Nicht nur die rund zehnjährige Historie der Mikrosystemtechnik in Deutschland ist voll von radikalen Entwürfen und langwierigen Akzeptanzphasen. Wir wissen heute, dass die Verbreitung neuer Technologien bzw. die wirtschaftliche Umsetzung in Produkte und Verfahren nicht mehr linearen Verläufen entspricht. Kennzeichnend waren und sind vielmehr Abbrüche, Rückschritte und Rückkopplungen, gepaart mit dynamischen Fortschritten. Oft überstiegen technische Möglichkeiten gesellschaftliche Bedürfnisse. Alte Technologien wurden nicht kampflos durch neue ersetzt. Man denke nur an Computer und Schreibmaschinen. Häufig gelang der Markterfolg erst durch große Unternehmen und Firmenkonglomerate mit der notwendigen Marktmacht und entsprechenden Ressourcen. Bekannt ist zudem, dass der Transfer von Forschungsergebnissen in die Industrie in Deutschland seit langem Defizite aufweist. Die oft als Schlüsseltechnologie apostrophierte Mikrosystemtechnik nimmt keinen Sonderweg ein. OLIVER PFIRRMANN/ kra
Dr. Oliver Pfirrmann ist Wissenschaftler an der FU Berlin, Arbeitsstelle Politik und Technik mit dem Forschungsschwerpunkt neue Technologien in kleinen und mittleren Unternehmen.
Technikforscher Pfirrmann: „Alte Technologien werden nicht kampflos durch neue ersetzt

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