Mikrosystemtechnik 16.06.2000, 17:25 Uhr

100 Mio. DM für das Wunder von Dortmund

Bis zu 70 000 neue Stellen erhofft sich Dortmund bis 2010. Für das Beschäftigungswunder sollen E-Business, IT und Mikrosystem-Technologie sorgen.

Mit einer Startfinanzierung von 100 Mio. DM will die Stadt ein Investitionsvolumen von mehr als 1 Mrd. DM Mark anschieben, hoffen die Wirtschaftsförderer. Gestern stand das bundesweit beachtete „Dortmund-Project“ im Rat zur Entscheidung an, kommenden Dienstag fällt der offizielle Startschuss.
Abtretmatten aus dem Internet – die Idee scheint skurril, und doch wird sie in diesen Tagen Wirklichkeit. Mattenking.de heißt die jüngste Kreation, die das zehnköpfige Team der Internetfirma Hammerdeals.de um ihren polnischen Gründer Zbigniew Surowiecki verwirklicht. Für eine renommierte Gebäudereinigungsfirma eröffnet das erst wenige Monate junge Software-Unternehmen unter diesem Namen Internet-Portal: Vor allem Großkunden – etwa Krankenhäuser – können sich via Internet über das Abtretmatten-Angebot des Gebäudereinigers informieren, über Größen, Farbe, Qualität, Anschaffungs- oder Leasingpreis, Wechselservice. Anschließend klicken sie an, welche Abtreter sie wann benötigen.
Die Entwickler des „Mattenkönig“-Portals besetzen nur eine kleine Nische im elektronischen Handel, und doch kennzeichnet er den Strukturwandel im Ostrevier. „Small is beautiful“, heißt die Devise, die Wirtschaftsförderer Utz Ingo Knüpper ausgegeben hat – weg von der alten Industrie mit ihrer Tonnen-Ideologie und den mehrere tausend Köpfe starken Belegschaften, hin zu kleinen beweglichen Firmen mit individuellen Produkten. Die Stadt fühlt sich prädestiniert für den Handel der Zukunft, steil aufsteigende Beschäftigtenzahlen sind ein Beleg für die Zukunft der Branche.
Dass ein Start-up binnen weniger Jahre selbst mittelständische Strukturen hinter sich lassen kann, zeigt das Dortmunder Software-Haus Materna GmbH: Rund 800 Mitarbeiter zählt das Vorzeigeunternehmen, 200 weitere Stellen könnten besetzt werden. „20 Jahre gibt es unsere Firma. Wir sind damit fast Dinosaurier der Branche“, erklärt Firmenchef Winfried Materna, der mit Programmier-Projekten für Nixdorf seine Karriere startete und inzwischen der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund präsidiert.
In diesen Tagen startet das neueste Projekt von Materna, bei dem er das Internet mobil macht. Der Kunde heißt 1822 direkt, die Direktbanktochter der freien Frankfurter Sparkasse von 1822, die ab Ende Juni Bankgeschäfte über das WAP-Handy anbietet. Das Handy wird dabei vom Informations- zum Übertragungsmedium, weil Bankkunden über den kleinen Bildschirm ihres Mobiltelefons sich nicht nur über Aktienstände informieren, sondern auch direkt bei ihrer Bank ordern können. Im Juli folgt ein WAP-Angebot der Stadtsparkasse Dortmund, der größten westfälischen Sparkasse. Die Software stammt in beiden Fällen von Materna, in seinen Räumen stehen auch die Computer, über die die Aufträge abgewickelt werden.
Firmen wie hammerdeals.de oder Materna sind „Leuchttürme“ in einer wirtschaftlich gebeutelten Stadt. 80 000 Stellen sind in Dortmund seit 1970 in den Branchen Kohle, Stahl und bei den Brauereien verloren gegangen. Lediglich 28 000 Dienstleistungs-Jobs kamen neu hinzu. Ohne Gegensteuern sind derzeit weitere bis zu 13 000 Arbeitsplätze bedroht. In Dortmund wird inzwischen – preisbereinigt – im Durchschnitt weniger verdient als noch vor zwanzig Jahren – nur 45 000 DM pro Einwohner. Es gibt einen Exodus der Bevölkerung in die Nachbargemeinden.
New Economy soll Abhilfe schaffen. Erinnerungen an alte Handelszeiten, die zentrale Lage der Stadt in Deutschland und Europa bemüht – schließlich wurde Europas größter Verschiebebahnhof bis zum 2. Weltkrieg im benachbarten Hamm betrieben. Der Dortmunder Airport, von vielen immer noch verschämt Landeplatz genannt, glänzt seit Jahren mit zweistelligen Zuwachraten und eröffnet in Kürze ein neues Terminal. Aber die eigentliche Hoffnung setzt die Stadt auf die elektronische Zukunft.
An der Bundesstraße 1, der Hauptverkehrsschlagader des Ruhrgebiets, ist mit dem Electronic Commerce Center (ECC) diese elektronische Handelszukunft der Stadt Beton geworden. Dort sind Call Center ebenso angesiedelt wie hammerdeals.de oder die Firma Adesso. Volker Grohn, gerade 36 Jahre alt und ordentlicher Professor im Fachbereich Informatik, hat Adesso vor drei Jahren gegründet. Adesso, das italienische Wort für „jetzt“, ist für ihn Programm. Er arbeitet an der Vernetzung der Wirtschaft: Der Mobilfunker Hutchison beispielsweise verschickt über sein Programm elektronisch Abrechnungen, die Zürich-Agrippina-Versicherung hält über seine Firma Kontakt mit Maklern und Außendienst.
Das Unternehmen selbst ist profitabel, verdoppelt jedes Jahr den Umsatz. 38 Mitarbeiter zählte Adesso im vergangenen Jahr, 75 sind es jetzt. Die Umwandlung in eine AG steht an, nicht um an der Börse Geld einzusammeln, sondern um Aktien an die Mitarbeiter zu geben und sie an das Unternehmen zu binden. „Wir gehen dahin, wo die Fachleute sind“, meint Grohn. Gut ausgebildete Softwareexperten wechseln von Deutschlands größtem Informatik-Studienplatz Dortmund schnell zum nahen ECC.
Selbst der Dortmunder Hafen, bei dem der Frachtumschlag 1999 um über 40 % einbrach, soll über die elektronische Zukunft wiederbelebt werden. In einem alten Gebäude entsteht E-Port, ein Technologiezentrum, das Logistik-Probleme löst, die auf die elektronische Bestellung folgen: Immer mehr Waren werden bestellt, die Einzelorder werden dabei immer kleiner und die Logistik zum „Flaschenhals“. Dort setzt E-Port an, vernetzt Aufträge mit Transport und Lagerhaltung. Hafen und Stadt selbst mit ihren vielen Brachflächen bieten Warenauslieferungs-Lager.
43 000 Stellen im Bereich IT/E-Commerce, 9000 in der Mikrosystem-Technik, 12 000 in Logistik, Versicherungen, Dienstleistungen, Biotechnologie und schließlich 6000 Hausmeister, Handwerker und andere „Sekundär-Stellen“ werden bis 2010 in Aussicht gestellt. Wirtschaftsförderer Knüpper ist ehrgeizig: „Wir müssen ein Ziel setzen, das wir erreichen wollen“, meint er. Und wenn es dann „nur“ 45000 neue Arbeitsplätze würden, sei das auch ein schönes Ergebnis. MARTIN ROTHENBERG
Die Keimzelle: Rund ums Electronic Commerce Center (ECC) will Dortmund IT-Unternehmen ansiedeln. Bis zu 70 000 Stellen stehen in Aussicht.
Kleiner ist feiner: Internet-Start-ups wie Hammerdeals.de sollen den Standort Dortmund wieder nach vorne bringen.

Ein Beitrag von:

  • Martin Rothenberg

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