RFID 30.06.2006, 19:22 Uhr

Supermarkt der Träume

Noch ist die Szenerie in Deutschlands Supermärkten nahezu einheitlich. Kunden suchen aus und zahlen, Verkäufer beraten und kassieren. Noch. In ein paar Jahren könnte das anders aussehen, RFID sei dank.

Klopapier, piep, Zahnbürste, piep, Duschgel piep … Diese und diverse andere Drogerieartikel zieht Heike Springer in Windeseile über den Scanner. Piep, piep, pi – plötzlich stoppt die Kassiererin, greift in die rechte Tasche ihres weißen Kittels und holt so etwas wie das „Uraltmodell“ einer Lesebrille hervor. Rasch setzt sie die Fassung, die an einen Schmetterling erinnert, auf die Nase und gibt die Ziffern des achtstelligen Strichcodes in die Tastatur ein. 403 455 02: Piiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeep. „So ein Mist“, entfährt es Heike Springer „wenn wir doch bloß schon das Jahr 2020 hätten.“ Dann nämlich, so hat sie gelesen, soll der traditionelle „Barcode“ von einer neuen Technologie ergänzt bzw. abgelöst werden.

Aber wie diese Technik doch gleich hieß? Radio Frequency Identification, kurz RFID: eine Methode, die auf elektromagnetischen Wechselfeldern basiert und mit der berührungslos Daten übertragen werden können. Jedes RFID-System besteht aus Transponder und Lesegerät. Dabei arbeitet der Transponder, auch „Tag“ genannt, als Datenträger, der an Waren und Verpackungen angebracht oder in eine Chipkarte integriert wird. Dieser Tag wird dann kontaktlos über Funk ausgelesen. Direkt auf dem Transponder sind eine Identifikationsnummer und weitere Daten über das getagte Objekt gespeichert. Dadurch ist jedes Produkt eindeutig gekennzeichnet und von einem Lesegerät individuell identifizierbar. Manche dieser Lesegeräte besitzen neben der reinen Auslese- noch eine Schreibfunktion, allen Geräten gemeinsam ist eine Antenne. Zudem hat jedes Erfassungsgerät eine Übertragungsschnittstelle für Computer oder Automatensteuerungen.

Doch zurück zum Drogeriemarkt Rossmann, wo Kassiererin Heike Springer noch immer mit dem Barcode zu kämpfen hat. Trotz Sehhilfe, zum wiederholten Male hat sie sich vertippt. Ein dummer Zahlendreher ist Schuld, dass die Elektronik Alarm schlägt, 02 statt 20, verflucht. Schon beim vorherigen Kunden hatte der Scanner bei der Zahnpasta für strahlendweiße Zähne verrückt gespielt und sich geweigert die Zahlenkombination selbstständig einzulesen. „Na, geht’s vielleicht ein bisschen schneller?“, meldet sich nun der wartende Anzugtyp zu Wort und wedelt ungeduldig mit seinem angegilbten 5-€-Schein. Frau Springer ist sichtlich gestresst – doch allein ist sie damit nicht.

Genervte Kunden – angespanntes Personal, im deutschen Einzelhandel keine Seltenheit, sondern fast die Regel. Gründe dafür gibt es einige, und zwar auf beiden Seiten der Ladentheke: Davor will König Kunde standesgemäß behandelt werden und beklagt langes Warten, fehlende oder abgelaufene Produkte und falsch ausgezeichnete Preise. Das Personal dahinter fühlt sich überfordert, weil der Markt unterbesetzt und die anfallende Arbeit kaum zu bewältigen ist. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) fand außerdem heraus, dass einer der häufigsten Stressfaktoren die Angst vor Arbeitsplatzverlust ist. Und wen wundert es? Schließlich nimmt laut Verdi speziell die Anzahl der Vollzeitbeschäftigten im Einzelhandel seit 2000 kontinuierlich ab – sie sank von 1,42 Mio. auf heute 1,17 Mio.

Stellenabbau? Nicht bei uns, so die Metro Group und entwickelte vor drei Jahren das Kaufhaus der Zukunft, den „Future Store“ in Rheinberg bei Düsseldorf. Was nach einem Science-Fiction-Element klingt, ist jedoch, zumindest auf den ersten Blick, ein typischer Extra-Verbrauchermarkt. Schon aus einigen Metern Entfernung lassen sich die dicken roten Buchstaben des Firmenlogos erkennen und auch die grasgrüne Dachkante des Supermarktgebäudes verweist auf einen klassischen Extra-Markt. Vor dem Geschäft allerlei parkende Autos, im Eingangsbereich ein Rollcontainer, bestückt mit ersten Balkonpflanzen des Jahres. Und im Ladeninnern? Auch dort scheint alles mit rechten Dingen zuzugehen. Ein Potpourri aus Singles mit voll bepackten Armen, weil ein Einkaufskorb zu spießig und ein Wagen zu groß ist, Omis mit Weidenflechtkorb und Hausfrauen, die mit Einkaufswagen durch die Gänge pesen. Alles ganz normal also im Metro Future Store.

Nicht ganz! Ein bisschen aufmerksam muss schon sein, wer die neuen Technologien erkennen möchte, die das Metro-Team dort ausprobiert: neben erwähnter RFID-Technik auch moderne andere Technikanwendungen wie die „Intelligente Waage“ in der Obst- und Gemüseabteilung. Hier wird z. B. ein Apfel optisch erkannt, weil in die Waage eine Digitalkamera mit entsprechendem Bilderkennungsprogramm eingebaut ist. Diese Software vergleicht das von der Digicam gelieferte Apfelfoto mit Aufnahmen, die zuvor in einer Datenbank gespeichert wurden. Der Kunde erspart sich damit, aus verschiedenen Obstsorten den Apfel herauszusuchen. Die Waage kann sogar noch mehr. Sie erstellt Etiketten, die zusätzlich zum Barcode einen RFID-Transponder enthalten.

Damit kann Obst und Gemüse sowohl mit einem gewöhnlichen Scanner als auch mit einem RFID-Lesegerät an jeder Kasse des Future Stores erkannt werden. Bislang sind noch drei weitere Produktsorten im Verkaufsbereich mit RFID-Tags versehen. Philadelphia-Frischkäse und Pantene-Shampoo haben Klebeetiketten, bei den Gillette-Rasierklingen sind die Tags schon vom Hersteller in die Packung einfügt worden. Das heißt: Wenn Käse, Shampoo und Klingen übers Warenband laufen, bucht das Lesegerät sie aus dem RFID-Warenfluss-System aus.

Selbst in den Regalen der getagten Produkte agieren Lesegeräte, die registrieren, wenn ein Artikel vom Kunden entnommen oder falsch eingestellt wird. Dadurch werden Leerstände und Inventuren weit gehend vermieden, da sämtliche Mitarbeiter via Zentralcomputersystem über die Regalbestände informiert werden.

Ganz schön viel Technik, vielleicht so viel, dass sie nicht nur den Barcode, sondern zukünftig auch Mitarbeiter wie Frau Springer ersetzt? „Kann, muss aber nicht“, sagt Philip Blohme, Marketingleiter der MAG. „Wenn Kunden Beratung wünschen, stehen zahlreiche Mitarbeiter im Laden bereit. Diese sind hoch qualifiziert, weil sie mehr Zeit haben, um sich weiterzubilden.“ Also auch jede Menge Service?

Im Drogeriemarkt Rossmann lässt dieser leider manchmal zu wünschen übrig. „So unterbesetzt wie wir sind, kommt man nicht immer mit dem Auffüllen nach“, rechtfertigt sich Heike Springer und zupft ihren roten Kittelkragen zurecht, als eine Kundin ihr Stammwaschmittel vermisst. Von intelligenten Regalen à la Future Store kann hier nur geträumt werden.

Ebenso sieht es mit zusätzlichen Serviceangeboten aus. Die Verkäufer haben schier keine Zeit für ausführliche Parfumberatung oder kunstvolles Geschenkverpacken. Hauptsächlich muss Frau Springer nun mal kassieren und Waren einräumen – am besten beides gleichzeitig. Steht sie auf der Leiter, wollen Kunden garantiert bezahlen oder andersherum. Frau Springers Lösung in solchen Momenten: „Runtersteigen und kassieren, was sonst?“

„Es geht auch anders“, sagt Markus Fernandez, PR-Mitarbeiter der Metro Group. Im Future Store nutzen bereits 20 % der Kundschaft eine der beiden Selbstzahlerkassen. Hier zieht der Kunde die eingekauften Waren selbstständig über Scanner und RFID-Lesegerät, packt sie in eine Tüte und bezahlt bar oder per Karte am Bezahlmodul. Diese Kassen sind besonders bei kleinen Einkäufen praktisch, „wenn’s mal schnell gehen muss“, so Fernandez.

Höher, schneller, weiter – RFID ist auf bestem Wege den Einzelhandel zu revolutionieren, frohe Aussichten für Frau Springer und Co.? Das mag abzuwarten sein, Heike Springer jedenfalls denkt gar nicht daran das Handtuch zu werfen. „Ich und frühzeitig aufhören? Kommt ja gar nicht in die Tüte“, sagt sie und reicht ebensolche ihrem letzen Kunden für heute. FRANZISKA ANDERS

Ein Beitrag von:

  • Franziska Anders

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