RFID 03.12.2004, 18:35 Uhr

RFID-Technik fehlen Standards

VDI nachrichten, Frankfurt, 3. 12. 04 -RFID ist längst nicht gleich RFID. Das müssen immer mehr Unternehmen erkennen, wenn sie die kontaktlose Funktechnik einführen wollen. Es fehlt vor allem in der produzierenden Industrie an Standards, bemängelten viele Experten letzte Woche auf dem Euroforum-Kongress RFID 2005.

Die Europäische Zentralbank will winzige RFID-Chips in Banknoten integrieren, um sie fälschungssicher zu machen. Aus demselben Grund kennzeichnet der Pharmariese Pfizer ab 2005 seine Viagra-Verpackungen mit der kontaktlosen Technik. Ein Jahr später sollen Fußballfans zur WM 2006 mit RFID-Tags bestückte Tickets erhalten. Schon jetzt sorgen kleine Datenträger für Diebstahlschutz bei Kleidungsstücken, für Wegfahrsperren in Autoschlüsseln und für die Verfolgung von Containerwegen in der Logistik.
Auf dem Euroforum-Kongress RFID 2005 waren sich die Experten einig: Das Potenzial der Radio Frequency Identifikation ist riesig. „Langfristig“, so Elgar Fleisch, Leiter des Instituts für Technologiemanagement der Uni St. Gallen, „werden alle Güter der realen Welt markiert und vernetzt.“
Doch die Tage der überschwänglichen RFID-Euphorie sind gezählt. „Die flächendenkende Umstellung vom Barcode auf die RFID-Chips wird genau so lange dauern wie die Einführung des Barcodes: rund 30 Jahre“, glaubt der Schweizer Experte.
Probleme bei der Einführung in Unternehmen gibt es reichlich. Zunächst muss die Entscheidung für das passende System gefällt werden, denn RFID ist längst nicht RFID. Während sich die billigen, einfachen Etikettierungen im Nieder- und Hochfrequenzbereich für Kleidung und Tickets etabliert haben, gilt dies noch längst nicht für den UHF- oder gar Mikrowellenbereich – Systeme also, die vor allem wegen ihrer Reichweite in der Industrieproduktion eingesetzt werden.
„Die Amerikaner favorisieren z.B. im UHF-Bereich 915 MHz, genau da jedoch funken bei uns Handys“, erklärt Frithjof Walk vom Industrieverband Automatische Identifikation und Datenerfassungssysteme (AIM). Europäer setzen daher auf 868 MHz. Allein Japan, Korea und China streben drei verschiedene Frequenzbereiche an.
Grund genug für weltweite agierende Logistiker wie z.B. die Deutsche Post die Entwicklung abzuwarten. Zwar testet das Unternehmen die Technik für verschiedene Anwendungen, doch es dürfte dauern bis RFID-Tags die Barcodes auf einzelnen Päckchen ablösen.
Selbst RFID-Protagonisten wie Mark Roberti vom RFID-Journal gehen davon aus, dass die Lables erst in einigen Jahren auf allen Konsumprodukten zu finden sind. „Erst wenn die Tags unter einem Cent kosten, gibt es sie auch auf Jogurtbechern.“
„RFID ist kein Projekt, RFID ist ein Programm“, erklärte Gerd Wolfram auf dem Kongress in Frankfurt. „Es greift tief in die Geschäftsprozesse von Unternehmen ein.“ Wolfram muss es wissen. Er ist Projektleiter der Future Store Initiative der Metro Group. Der Handelskonzern gilt als führender Treiber der kontaktlosen Funktechnik in Europa.
Am 2. November wurde bei Metro die erste Phase des RFID-Roll-outs gestartet. 20 Zulieferer wie Gilette, Procter & Gamble und Oetker kennzeichnen ihre Paletten mit passiven UHF-Chips. „Die nächste Phase soll im Juli 2005 beginnen“, so Wolfram. Dann werden nicht nur Paletten, sondern auch Kartons mit Tags versehen. Dafür seien jedoch leistungsfähigere Transponder der zweiten Generation vonnöten.
Die Karton-Tests seien viel versprechend, so Wolfram. Der Schwund bei Transport und Lagerung sei um 11 % bis 18 % gesunken, die Warenverfügbarkeit sei um 9 % bis 14 % gestiegen und die Lohnkosten in Lagern hätten sich um 11 % verringert.
RFID also auch ein Jobkiller? Lorenz Hilty von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt warnt vor der Gefahr einer Machtverschiebung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Gewerkschaft Verdi widmet im nächsten Jahr dem Thema einen eigenen Kongress. Die Technikfolgendebatte hat erst begonnen.
„Bei der Einführung von RFID ist Transparenz das A und O“, weiß Johannes Baumgärtner, Datenschutzbeauftragter von Unilever. Der Konzern, hinter dem Marken wie Knorr, Iglo, Domestos, etc. stehen, will ab 2005 RFID auf Paletten einführen. Laut Baumgärtner sollen in diesem Zuge Mitarbeiter, aber auch Kunden und Verbraucher umfassend informiert werden.
Sukzessive präpariert sich auch die Automobilindustrie. So hat sich Volkswagen auf den langen Weg zu RFID begeben. Zunächst werden die Transponder an Spezialbehälter für die Montage angebracht. Um eine höhere Reichweite zu erzielen und Störungen mit vorhandenen WLANs zu vermeiden, haben sich die Wolfsburger für eine aktive UHF-Technik entschieden. Dabei senden batteriegetriebene Transponder die Daten an die Lesegeräte. Die Probleme liegen auf der Hand: Diese Technik ist nicht standardisiert. Hinzu kommt die raue Umgebung, Metallteile, aber auch Metallböden in der Fertigung. Doch Projektleiter Christoph Pelich ist stolz: „Seit Oktober werden die Daten scharf ausgewertet.“ Und er ist überzeugt: „Businessmodelle weisen Amortisationszeiträume von weniger als zwei Jahren aus.“
Diesen Optimismus teilen vor allem Amerikaner mit ihm. Fehlende weltweite Standardisierung interessiert dort niemanden. Handelsketten wie Walmart und Woolworth zwingen ihre Zulieferer mit teils rigiden Mitteln zum Einsatz von Transponder-Tags. Aber auch die US-Regierung hat sich der RFID-Technik verschrieben. So hat die Food and Drug Administration (FDA) vor zwei Wochen eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich detailliert mit der RFID-Einführung beschäftigt. Ihr erster Schachzug: Bis 2007 soll die Technik flächendeckend bei Medikamenten eingesetzt werden – bei Herstellern, in Apotheken und in Krankenhäusern. Die Zeit des überlegten Abwägens dürft damit auch für die europäische Pharmaindustrie beendet sein. REGINE BÖNSCH

Ein Beitrag von:

  • Regine Bönsch

    Regine Bönsch

    Redakteurin VDI nachrichten
    Fachthemen: Telekommunikation, Mobilfunk, Automobilelektronik, autonomes Fahren, E-Mobilität, Smart Home, KI, Datenschutz/IT-Sicherheit, Reportagen

Stellenangebote im Bereich Elektrotechnik, Elektronik

Physik Instrumente (PI) GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Physik Instrumente (PI) GmbH & Co. KG Leiter Produktentwicklung (m/w/d) Raum Eschbach
OST – Ostschweizer Fachhochschule-Firmenlogo
OST – Ostschweizer Fachhochschule Professor/in für Computer Vision and Control (m/w/d) Rapperswil (Schweiz)
Dynamic Engineering GmbH-Firmenlogo
Dynamic Engineering GmbH Software Entwickler (m/w/d) Embedded Systeme München
Dynamic Engineering GmbH-Firmenlogo
Dynamic Engineering GmbH Ingenieur / Techniker (m/w/d) – SPS-Programmierung / Automatisierung München
Beckhoff Automation GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Beckhoff Automation GmbH & Co. KG Ingenieur (m/w/d) Vertrieb Automatisierungstechnik Verl
FVLR GmbH-Firmenlogo
FVLR GmbH Referent/in (m/w/d) Detmold
Hexagon DEU02 GmbH-Firmenlogo
Hexagon DEU02 GmbH Software-Projekt- und Anwendungsingenieur (m/w/d) Köln
MED-EL Medical Electronics-Firmenlogo
MED-EL Medical Electronics Electronic Development Engineer (m/f/d) Innsbruck (Österreich)
WAFIOS AG-Firmenlogo
WAFIOS AG Elektro- und Softwareentwickler (m/w/d) Reutlingen
Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY-Firmenlogo
Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY Physikerin / Elektrotechnikerin (w/m/d) für magnetische Messungen Hamburg

Alle Elektrotechnik, Elektronik Jobs

Top 5 Mikroelekt…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.