RFID 30.06.2006, 19:22 Uhr

RFID-Chips bringen Intelligenz ins Kühlregal  

VDI nachrichten, Dortmund/Neuss/Rheinberg, 30. 6. 06, rb – Die RFID-Technologie (Radio Frequency Identification) verspricht in absehbarer Zeit den Barcode auf Verpackungen endgültig abzulösen. Im nordrhein-westfälischen Innovations-Dreieck Dortmund-Rheinberg-Neuss wird die Technik entwickelt und auf Herz und Nieren geprüft. Doch die schöne neue Funkchipwelt birgt neben zahlreichen Vorteilen auch ihre Risiken.

Trillerpfeifen schrillen, Rasseln und Trommeln lärmen und stören für kurze Zeit das friedliche Studentenleben am Campus der Universität Dortmund. Etwa 50 Demonstranten ziehen in Begleitung von Polizisten entlang des Gebäudes für Ingenieurwissenschaften und versuchen auf sich aufmerksam zu machen. Hitzig rufen sie ihre Parolen – „Streicht unsere Stellen nicht“, so der Tenor. Was sie nicht wissen, nur wenige Meter weiter wird in einem Labor an einer innovativen Technologie geforscht, die in Zukunft auch Arbeitsplätze wegrationalisieren könnte.

Die Technik, die sich RFID nennt, wird in naher Zukunft Waren schneller, zuverlässiger und fehlerfreier verpacken und kommissionieren, als der Mensch es heute kann. Logistik ist der zentrale Anwendungsbereich, an dem Ingenieure im „LogIDLab“ der Universität Dortmund forschen.

Kühle strahlen die Betonwände des Testlabors aus. Paletten mit Getränkeflaschen, Teepäckchen und sogar Motorkühler stapeln sich in meterhohen Regalen bis unter die Decke. Zwei Gabelstapler warten noch auf ihren Einsatz, während das Herzstück des Forschungslabors schon am Rattern ist: Unermüdlich verpackt die Testmaschine Teepäckchen zu Achtereinheiten, versieht sie mit einem RFID-Etikett und stapelt sie am Ende auf einer Palette – fertig zur Auslieferung.

Das Prinzip ist alles andere als simpel, dafür umso genialer: Das hauchdünne RFID-Label besteht aus einem winzigen Chip, der durch Radiowellen aktiviert wird und dann seine Daten an den Empfänger sendet. In einem System gespeichert, ermöglichen die Daten dem Anwender präzise Informationen wie Herkunft oder Haltbarkeit.

Durch einen weltweit eindeutigen Zahlenschlüssel wird das Produkt fälschungssicher. Gegenüber dem Bar- code bietet RFID weitere Vorteile: Die Speicherkapazität bewegt sich je nach Chip inzwischen im Kilobytebereich und die elektronischen Tags sind lageunabhängig zu lesen. „Der Strich- code muss im exakten Winkel gescannt werden, der Funkchip nur in die Nähe einer Antenne gelangen“, erklärt Ingenieur Jan Hustadt, wissenschaftlicher Mitarbeiter des „LogIDLabs“.

Wenige Kilometer weiter wird in Rheinberg nahe Duisburg diese Innovation im „Future Store“ der Metro bereits im Praxisversuch getestet. Musik und Werbung dudeln aus den Lautsprechern über den Köpfen der Kunden, Kinder quengeln, Mütter versuchen sie zu beruhigen. Die Kunden schieben ihren Einkaufswagen mal mehr, mal weniger gehetzt von Regal zu Regal, haken auf ihren Einkaufslisten ab, was sie für das Wochenende benötigen.

Auf den ersten Blick gleicht der Supermarkt jedem anderen. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man die Raffinessen, die der Laden zu bieten hat: praktische Informationsterminals, intelligente Einkaufswagen und effiziente SB-Kassen – noch funktioniert das meiste aber auf Basis von Barcodes.

So auch ein spezieller Computer, der auf den Einkaufswagen gesteckt wird und dem Kunden den Großeinkauf erleichtern soll. Das sei praktisch und serviceorientiert, verspricht die junge Metro-Referentin Yoowadi Thevit ihren Kunden: „Mittels Kundenkarte, die in den Computer gesteckt wird, zeigt das Gerät die Lieblingsprodukte an, die aus der Häufigkeit der letzten Einkäufe ermittelt werden.“

Natürlich geht das nicht einfach so. Diese Daten werden nur erfasst, wenn der Kunde die Artikel auch jedes Mal mit Hilfe des Scanners in das System einliest. Was jetzt noch – teils mühsam – mit Barcodes funktioniert, werden in Zukunft RFID-Chips übernehmen. Bisher wird RFID im Future Store nur an vier Produkten getestet: Shampoo, Rasierklingen, DVDs und Frischkäse.

Am Kühlregal greift die berufstätige Gabriele Leyendecker aus Rheinberg nicht zum Frischkäse, sondern zum Heringssalat. In ihrer Hand hält sie ihr Portmonee, in dem ihre Metro-Payback-Karte steckt – ein Nachfolgemodell jener Kundenkarte, die Anfang 2004 für einen Skandal sorgte. Datenschützer monierten, dass sich solch ein Chip in der Karte der unwissenden Kunden befand und deren Daten „ausschnüffele“. Der Konzern könne so ohne weiteres ein Profil des Kunden erstellen. An der Kasse wechseln nicht nur Waren den Besitzer, sondern auch Daten. Die Metro hat den Chip wieder aus der Karte geholt und dementiert: „Wir haben kein Interesse an Verbraucherdaten.“

Gabriele Leyendecker ging damals mit der Payback-Karte einkaufen: „Ich hatte das Gefühl, dass ich vermehrt Werbung in den Briefkasten bekam.“ Neben ihr steht Rentner Bernd Giebel, auch er sieht sich als gläsernen Kunden. „Ich glaube, dass die bis in meinen Kühlschrank zurückverfolgen könnten, was ich hier gekauft habe.“ Er und seine Frau Hannelore kaufen schon seit Jahren im Future Store ein – auch schon vor 2003, als noch nicht so viel Zukunft im Laden steckte.

Doch die Gefährlichkeit der Datenerfassung hängt von der Funktionalität der verwendeten Datenbank ab. Das Potenzial, das die Technik birgt, scheint auch Jan Hustadt von der Universität Dortmund zu kennen: „Ich habe keine Kundenkarte, ich möchte möglichst keine Datenspuren hinterlassen.“

In Neuss, südlich von Rheinberg, forscht die Metro Group seit 2004 in ihrem eigenen „Innovation Center“. Das akkreditierte Testlabor ist europaweit das einzige und weltweit eines von fünf RFID-Laboren. Über 60 Unternehmen testen hier im Rahmen der Metro Group Future Store Initiative praxistaugliche Konzepte für den Handel: IT-Riesen wie Microsoft, SAP, T-Systems und IBM testen hier ebenso wie die Großen der Konsumgüterbranche von Procter & Gamble über Kraft Food, Gerry Weber und Liebherr bis hin zu Logistikern wie DHL. Doch was in den Neusser Hallen entwickelt wird, ist streng geheim. Interessierte Besucher bekommen nur in den dazugehörigen Ausstellungshallen die Ergebnisse gezeigt.

In steriler Atmosphäre werden hier intelligente Weinflaschen und Kühlschränke präsentiert. Mitarbeiter demonstrieren, wie sich Hosenanzüge und Blusen dank RFID quasi vollautomatisch kommissionieren. Heute würde an dieser Stelle noch ein Mensch die Abläufe überwachen, arbeitet der auch noch in Zukunft da?

„Nein, hier wird dann keiner mehr gebraucht“, erklärt Metro-Mitarbeiter Jan Lingenbrinck den Ablauf der Kleiderkommissionierung. RFID kann aber noch viel mehr, als effizient in der Logistik eingesetzt werden. Eine Vitrine in der Ausstellungshalle zeigt, wo die Funkchips bereits Anwendung finden: WM-Tickets, Skipässe, Lamaherden und sogar auf Honigbienen wurden die winzigen Chips geklebt: „Mit Hilfe von RFID haben Würzburger Biologen das Verhalten von Bienen erforschen können“, weiß Jan Lingenbrinck.

Doch nicht nur fleißige Arbeiterbienen lassen sich mittels Funktag überwachen. In einigen Mitarbeiterkarten befinden sich heute schon diese Datenträger. Im Innovation Center der Deutschen Telekom an der TU Berlin lässt sich mittels RFID jeder Mitarbeiter auf einem Monitor orten, unnötige Wege zu einem unbesetzten Schreibtisch sind Vergangenheit. Nur Toilette und Kaffeeküche sind wegen der Intimsphäre ausgenommen.

Doch solche Vorteile haben auch immer ihre Schattenseiten: Wer garantiert, dass kein Mitarbeiter entlassen wird, weil er auffällig oft nicht auf dem Monitor sichtbar ist und sich demnach auf Toilette oder in der Küche aufhält?

Wieder zurück im Future Store zeigt sich, dass Otto- und Anna-Normalverbraucher gut aufgeklärt werden müssen und nur dann bereit sind für die neue Technik.

Am RFID-Terminal gerät die allein erziehende Mutter Sonja Pilenz ins Schwitzen. Etwas hilflos drückt sie sich durch das Touchscreenmenü. Sie erhofft sich eine schnelle Auskunft, wo sie ihre Zahnpasta findet. „Von RFID hab ich zwar schon mal gehört, aber was das ist und was man damit machen kann, das weiß ich nicht.“

DANIELA PROBST

Ein Beitrag von:

  • Daniela Probst

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