Halbleiter 09.06.2000, 17:25 Uhr

Milliarden für die Chip-Forschung

Der Nachfolger der europäischen Halbleiterforschungsprogramme Jessi und Medea wird am 23. Juni offiziell beschlossen. Die VDI nachrichten sprachen mit Gérard Matheron, Office Director von Medea, über das neue Projekt namens Medea+.

VDI nachrichten: Die am bisherigen Medea-Programm teilnehmenden Unternehmen haben ein Weißbuch vorbereitet, das die Grundlage für ein auf zwei mal vier Jahre bemessenes Nachfolgeprogramm ist. Was sind die Kernziele von Medea+?
Matheron: Wichtigstes Ziel ist zunächst einmal die Beschleunigung der technischen Entwicklung, um mit den Zielen der ITRS-Roadmap Schritt halten zu können. Hier wird im Wesentlichen die weitere Miniaturisierung der Chipdimensionen festgeschrieben: In allen Ebenen der Halbleiter-Herstellungskette sind dafür erhebliche Anstrengungen erforderlich. Europa ist ein „Patchwork“ von Nationen im Gegensatz zu Wettbewerbsnationen wie Korea oder Taiwan. Hier ist ein grenzüberschreitender, europaweiter Ansatz für eine Zusammenarbeit unerlässlich.
Aber mit einem zweiten Blick wollen wir auch die Konzentration auf anwendungsnahe Entwicklungen weiter forcieren, und zwar in Richtung der Höchstintegration von komplexen Systemen auf einem einzigen Chip. Wir haben in Europa in vielen Anwendungsgebieten der Mikroelektronik eine starke Stellung, wie z.B. in der Automobilelektronik, bei den SmartCards, bei Settop-Boxen oder im digitalen Fernsehen. Die Position wurde auch mit Hilfe der Vorläuferprogramme Medea und Jessi erreicht. Nun wollen wir das mit Medea+ ausbauen.
VDI nachrichten: Diese beiden Vorläuferprogramme waren strikt auf den vorwettbewerblichen Raum ausgerichtet. Wird sich dies mit Medea+ ändern?
Matheron: An der vorwettbewerblichen Zusammenarbeit wollen wir festhalten. In horizontaler Zusammenarbeit (also zwischen gleichartigen Unternehmen) soll Europas Rolle im Bereich der Anwendungen von Mikroelektronik gefördert werden. Dabei soll die Standardisierung nach vorn getrieben werden. Mit dieser Art der Zusammenarbeit lässt sich auch die Frage des Intellectual Property (IP) besser lösen: beteiligte Unternehmen auf den von Medea+ bearbeiteten Gebieten können dann später ihre wettbewerblichen Positionen selbst neu ordnen.
VDI nachrichten: Können Sie ein wenig auf die Themen eingehen, die der EUREKA-Ministerkonferenz im Juni vorgeschlagen werden sollen?
Matheron: Wir werden Standards und Plattformen für die wichtigsten künftigen Märkte entwickeln, die auf Internet-Anwendungen und Mobilität der Teilnehmer setzen. Dafür stehen einerseits Hochgeschwindigkeitsnetze sowohl für den Zugang zum Internet als auch für den Weitverkehr. Dann aber brauchen wir auch integrierte Endgeräte für Information (PC), Kommunikation (Telefon, Fax) und Unterhaltung (TV, MP3), die auch einen drahtlosen Internetzugang möglich machen. Wir wollen eCommerce und eCurrency systematisch fördern und dabei die hohen Sicherheitsstandards nutzen, die heutige SmartCards bieten. Und schließlich geht es um den Ausbau der starken europäischen Position auf dem Gebiet der Kraftfahrzeug-Elektronik: Dafür stehen neben der Kommunikation von und zum Auto vor allem Fragen des erweiterten Personenschutzes gegen Unfälle sowie Umweltfragen.
VDI nachrichten: Das fällt alles wohl unter das Stichwort „Applikation“. Was will Medea+ aber auf der Technologie-Seite bewegen?
Matheron: Wir fokussieren uns auf solche Technologien, die für die globale Wettbewerbsfähigkeit unverzichtbar sind: Entwurfs-Methodologien und Software-Tools für „Systems-on-Chip“, Grundlagen-Technologien für Chips (wie z.B. Lithografie) sowie Chip-Technologien für anwendungsspezifische Bausteine, die von strategischer Wichtigkeit für die europäische Halbleiterindustrie sind.
VDI nachrichten: Der gesamte Etat über die Laufzeit von Medea+ wird etwa 4 Mrd. Euro betragen. Wie wird sich das Geld verteilen? Welche Länder werden sich am Programm beteiligen?
Matheron: Wir gehen davon aus, dass jährlich etwa eine Summe von 500 Mio. Euro zur Verfügung stehen könnte. Die Gesamtsumme von 4 Mrd. Euro für das Medea+-Programm ist also die einfache Multiplikation mit der Laufzeit von acht Jahren. Der Etat im Einzelnen muss natürlich noch fixiert werden – das wird unsere Aufgabe für die nächsten sechs Monate sein. Unternehmen aus Belgien, Deutschland Finnland, Frankreich, Italien, den Niederlanden und Schweden haben sich bereits für eine Mitarbeit in Medea+ ausgesprochen. Derzeit wird mit weiteren Kandidaten verhandelt, die großes Interesse an einer Mitarbeit zeigen. Diese kommen aus Griechenland, Großbritannien, Portugal und Spanien. Wir wollen am 1. Januar 2001 starten. Noch im Juni 2000 sollen die ersten Projekte definiert werden, bis September dann ein erster Projektrahmen stehen. Was die Beteiligung angeht, müssen einige wenige Regeln erfüllt sein: Ein Projekt muss z.B. von mindestens zwei Partnern getragen werden, die aus verschiedenen europäischen Ländern kommen müssen. Und die Partner müssen auch hier in Europa ihren Sitz haben – schließlich wollen wir keinen Technologietransfer in andere Regionen fördern.
VDI nachrichten: 4 Mrd. Euro sind keine kleine Summe. Gibt es eine Vorstellung, was die Gemeinschaft in Europa dafür als „Return on Investment“ bekommt?
Matheron: Noch niemand hat bisher Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen nach betriebswirtschaftlichem Kalkül evaluieren können. Aber es gibt indirekte Zeichen dafür, dass bisher das Geld gut angelegt war. So sind in diesem Jahr die drei großen europäischen Halbleiterfirmen auf Platz 8, 9 und 10 der Weltrangliste: Vergleichen Sie das mit den Startjahren von Jessi, wo allenfalls eines der Unternehmen unter den Top-Ten war und die anderen weit abgeschlagen. Als Schlüsseltechnologie für das Informationszeitalter stellt die Mikroelektronik eine überlebenswichtige Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit Europas dar. Das Programm Medea+ will seinen Beitrag dazu leisten, dass diese Voraussetzungen für die Stärkung Europas weiter verbessert werden. PHIL KNURHAHN http://www.medea.org
Europäische Mikroelektronik ist z.B. im Automobilbau und der Kommunikationstechnik weltweit gefragt. Medea+ soll als drittes Forschungsprogramm seit Jessi diese Position ausbauen.
Gérard Matheron, Office-Director von Medea, plant das Nachfolgeprojekt.

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