Halbleiter 24.12.1999, 17:23 Uhr

Infineon mit Rekordwachstum an die Börse

Infineon Technologies, der ehemalige Halbleiterbereich des Siemens-Konzerns, geht Anfang 2000 an die Börse. Die Bilanz des ersten Geschäftsjahres wurde jetzt in München vorgelegt.

Als Ulrich Schumacher Dienstag vergangener Woche die erste Jahresbilanz des Halbleiterherstellers Infineon Technologies vorstellte, hatte er Tränen in den Augen. Ursache waren keinesfalls die zu verkündenden Ergebnisse, es war schlicht eine verrutschte Kontaktlinse. Was der einstige Siemens-Vorstand dann an Zahlen aus dem Halbleitergeschäft verkünden konnte, ließ keinen Zweifel daran, dass es auch keinen Abschiedsschmerz bezüglich des bevorstehenden Börsenganges und des damit verbundenen Ausstiegs der Konzernmutter Siemens bei Infineon gibt.
Schumacher: „Wir sind eines der Top 10 Halbleiterunternehmen und erreichen dieses Jahr wahrscheinlich Platz acht bei einem Umsatz von 4,24 Mrd. Euro. Das Wachstum gegenüber 1998 betrug 33 %, und damit sind wir das am schnellsten wachsende Halbleiterunternehmen in den vergangenen fünf Jahren.“ Und was für Schumacher noch wichtiger ist: Nach den erheblichen Verlusten des vergangenen Jahres schreibt Infineon nun wieder schwarze Zahlen: Der Jahresüberschuss beträgt 69 Mio. Euro nach einem Verlust von 790 Mio. Euro in 1998.
Der Infineon-Chef weiß, dass sein Geschäft stark von der Preisentwicklung auf dem Dram-Markt abhängt. Und genau dieser Sektor hatte auch das 98er Ergebnis mit beeinflusst. Daneben schlug 98 aber auch die Schließung der Chip-Fabrik in North-Tyneside (England) negativ zu Buche. Ein Thema, das Infineon heute nicht mehr gerne anspricht, war doch diese Fabrik, als reine Logik-Fabrik entworfen, dem Kostenwettbewerb im Speichergeschäft nicht gewachsen. Gleichwohl hält Schumacher sie angesichts des anziehenden Chip-Geschäftes nun für einen potentiellen Käufer für sehr interessant.
Im Speichergeschäft selbst hat sich die Situation in den letzten Monaten deutlich zum Positiven gewendet. Schumacher: „Am Tiefpunkt der Preisentwicklung erzielten wir 4 Dollar für einen 64-Mbit-Chip, heute sind es bereits wieder 10 Dollar.“ Und er lässt keinen Zweifel daran, dass am Tiefpunkt der Preislinie kein einziger Hersteller mit den Speicherchips Geld verdient hat. Der Infineon-Chef lässt die Bäume aber auch nicht in den Himmel wachsen, denn er rechnet damit, dass die Dram-Preise bereits in der ersten Hälfte 2000 noch einmal nachgeben werden. Ohne allerdings wieder den Tiefpunkt von 4 Dollar zu erreichen.
Was bedeutet das für Infineons Prognose für das Geschäftsjahr 2000? Schumacher antwortet, auch im Hinblick auf den in der ersten Hälfte des Jahres geplanten Börsengang, diplomatisch: „Wir wachsen seit Jahren deutlich schneller als der Markt. Die Prognosen sehen ein Marktwachstum von 19 % für 2000, und da werden wir darüber liegen.“ Ob es allerdings noch einmal 33 % werden, darauf will sich Schumacher nicht festlegen lassen.
Ebenso vorsichtig ist er bei der Einschätzung des Börsenwertes seines Unternehmens. Die im Siemens-Konzern genannten Zahlen von 10 Mrd. DM bis 15 Mrd. DM hält er für realistische, tendiert nach der Marktentwicklung der letzten Monate aber „mehr dem oberen Wert“ zu. Schumacher verhehlt auch nicht, dass er eine Minderheitsbeteiligung von Siemens auch für die längerfristige Zukunft als sinnvoll erachtet. Der Münchener Elektro-Konzern hingegen hat bisher stets erklärt, sich in mehreren Schritten ganz von Infineon trennen zu wollen. Schumacher lakonisch: „Herr von Pierer und ich waren auch schon mal unterschiedlicher Meinung, als ich noch Mitglied im Siemens-Vorstand war.“ Dass Siemens aber im ersten Schritt noch einen deutlichen Anteil an Infineon behalten will, hält er schon zum Schutz gegen feindliche Übernahmen für sinnvoll.
Erstmals legte Schumacher bei der Bilanz-Pressekonferenz auch die Ergebnisse der einzelnen Geschäfts- bzw. Produktbereiche vor. Besonders erfreulich dabei der Bereich Chips für drahtlose Kommunikation. Hier sieht sich Infineon in der Position des weltweiten Marktführers, was sich auch im überdurchschnittlichen Wachstum von 23,5 % ausdrückt. Besonders attraktiv ist dieser Bereich aber durch seinen hohen Beitrag zum Gewinn: Am Ertrag vor Steuern sind diese Chips mit 21,9 % beteiligt. Auch die anderen Geschäftsbereiche (s. Tabelle) haben ihren Umsatzanteil und vor allem ihren Ergebnisanteil ausweiten können, auch wenn laut Schumacher hier im Einzelfall noch Verbesserungen notwendig sind. Selbst das Sorgenkind Speicher konnte im Umsatz um eindrucksvolle 85,5 % zulegen. Am Ergebnis sind die Speicher dennoch als Negativposten beteiligt, wenn auch nur noch mit 16,5 % nach 143 % im Vorjahr.
Alles in allem eine Aufstellung, die den Infineon-Chef zuversichtlich in die Zukunft blicken läßt. Basiert doch der erfolgreiche Produktmix auf einer starken Basis: Rund 24 000 Patente hält Infineon, und die Investitionen in Forschung und Entwicklung sind auch in schwierigen Jahren auf hohem Niveau geblieben. Schumacher: „In den Patenten steckt unser Know-how, unser intellectual Property. Dieses ist wesentlich leichter zu verteidigen, als Kosten- oder Marktpositionen.“ Ein weiterer Baustein der Unternehmenszukunft sind die zahlreichen strategischen Partnerschaften. Einerseits mit Wettbewerbern wie Motorola, Toshiba oder IBM, andererseits mit Kunden wie Nokia, Sony oder Hitachi.
Ganz wichtig für einen Halbleiterhersteller ist die vorhandene Fertigungskapazität. Hier besitzt Infineon insgesamt 7 Frontend- und 4 Backend-Standorte in Europa, USA und Asien. Die besonders anspruchsvollen Halbleiterwerke arbeiten derzeit mit 8-Zoll-Wafern und produzieren sowohl Logik-Chips als auch Speicherbausteine bis hin zum 256 Mbit-Dram. Bei letzterem Baustein sieht sich Infineon derzeit sogar in der Position des Weltmarktführers. Andreas von Zitzewitz, Leiter des Speichergeschäftes bei Infineon, ist damit aber noch nicht zufrieden. Um auch in Zukunft gegen den stetigen Preisverfall auf diesem Markt gefeit zu sein, müssen die Produktionskosten weiter gesenkt werden. Infineon hat dazu gemeinsam mit Motorola den Weg beschritten, die Wafer auf 300 mm, also 12 Zoll, zu vergrößern und in Dresden eine Pilotfertigung aufgebaut. v. Zitzewitz: „Die ersten Produkte aus dieser Pilotlinie sind mittlerweile von den Kunden qualifiziert worden.“ Damit haben die beiden Partner im weltweiten Wettbewerb die Nase vorne. Zitzewitz: „Neben dem Verkleinern der Chipstrukturen ist der größere Wafer der beste Hebel, die Kosten in den Griff zu kriegen. Beim Übergang von 200 mm auf 300 mm sparen wir trotz teureren Equipments und teurerer Wafer über 30 % Kosten ein.“
Und noch eine Besonderheit zeichnet die Infineon-Werke aus: Sie sind weltweit in einem virtuellen Verbund organisiert, in dem jeweils die besten Arbeitsweisen und Technologien aus einem Standort an alle anderen übertragen werden. Für die Kunden hat das den Vorteil, dass sie einen Chip nur einmal qualifizieren müssen.
Und last but not least arbeitet Infineon auch an einer neuen Speicherzellen-Architektur, die die Packungsdichte auf dem Chip noch einmal deutlich erhöhen soll – und das nicht nur für reine Speicherchips, sondern auch für eingebettete Speicher, die in andere Chips integriert werden. JENS D. BILLERBECK
Im Dresdner Infineon-Werk werden bereits 64 Mbit Chips auf 300-mm-Wafern für Kunden produziert. Infineon-Chef Ulrich Schumacher: „Schnellstwachsendes Chip-Unternehmen seit fünf Jahren.“
Alle Geschäftsbereiche, in denen Infineon aktiv ist, konnten 1999 zulegen.

Von Jens D. Billerbeck
Von Jens D. Billerbeck

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