RFID 30.06.2006, 19:22 Uhr

Die kundenlose Kasse

Sie war der Star der diesjährigen CeBIT, Branchenexperten hypen sie zum „next big thing“ und selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht von einer „Revolution in der Logistik“. Die RFID-Technologie verspricht wahre Wunderdinge. In wenigen Jahren soll sie den Barcode ablösen und unseren Alltag grundlegend verändern. Doch in der Praxis muss sich die schöne neue Technik noch bewähren.

Die Kasse ist leer. Hinter dem gräulichen Holzpodest ist keine Menschenseele zu sehen. Der ausgeschaltete Bildschirm wirkt seltsam deplatziert. Von einem raschen Kundendurchlauf kann keine Rede sein. In einem normalen Supermarkt hätte eine solche Szene einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Nicht so im „Verbrauchermarkt“ des Innovation Center der Metro Group in Neuss. Da es hier keine Kunden gibt, fehlt auch die Kassiererin.

„Das ist unsere RFID-Selbstzahlerkasse“, erklärt Jan Lingenbrinck, der im Demonstrationszentrum der Metro Besuchergruppen in die neuesten Errungenschaften einweiht. Er ist Anfang zwanzig, hat dunkelblonde Haare und trägt einen schwarzen Nadelstreifenanzug.

Bei der Buchstabenkombination „RFID“ huscht ihm ein kurzes Lächeln über das glatt rasierte Gesicht. RFID steht für Radio Frequency Identification. Damit können Daten ohne Berührung oder Sichtkontakt gelesen und gespeichert werden. „Die Produkte müssen nur mit RFID-Chips versehen werden, dann kann man sie mit einem speziellen Lesegerät identifizieren“, erläutert Lingenbrinck. Diese winzigen Chips sind in der Regel nicht dicker als ein Fingernagel und können problemlos in Preisschilder integriert werden. Sie enthalten den Elektronischen Produktcode (EPC). Im Vergleich zum gängigen Barcode, der nur Produktname und Preis beinhaltet, kann der EPC auch weiterführende Daten speichern. Dadurch wird der Ware eine eindeutige Kennung verliehen.

Bei der Kasse funktioniert das folgendermaßen: „Der Kunde zieht seine Produkte über ein Lesegerät und packt sie in eine Tüte“, erklärt Lingenbrinck, „Diese wird automatisch gewogen und bei Abweichungen gibt das Gerät eine Warnung an die Mitarbeiter aus.“ – Ganz ohne Kassiererin geht es im Zweifelsfall also nicht.

In der etwa 20 m x 20 m großen Halle gibt es aber noch mehr zu bestaunen. Ob Leergutautomat, Waage oder Regal – von oben ähnelt die Ausstattung einem realen Supermarkt. Bei genauerer Betrachtung wirkt der Raum jedoch seltsam steril. Auf dem blank polierten PVC-Fußboden findet sich fast kein Sandkorn. Ein pulsierender Supermarkt sieht wahrlich anders aus.

In einer abgelegenen Ecke ist eine Küchenzeile aufgebaut. Nicht Messerwürfel und Mikrowelle zieren die graue Arbeitsplatte, sondern ein Plasmabildschirm. Einzig der schulterhohe silberne Kühlschrank wirkt einladend. Durch seine breite Glastür lachen den Betrachter Eispackungen und Ketchup-Flaschen an.

Doch der Kühlkamerad hat noch mehr zu bieten. Ebenfalls RFID-modifiziert, überwacht er seinen Inhalt selbst. Der nebenstehende Bildschirm zeigt den aktuellen Warenbestand an. „Da auf dem RFID-Chip das Verfallsdatum gespeichert ist, wird der Besitzer alarmiert, wenn eine Waren vor dem Ablauf steht“, verdeutlicht Lingenbrinck. Mit entsprechender technischer Ausstattung könne der Kühlschrank sogar fehlende Produkte über das Internet ordern. Nie mehr von der Arbeit nach Hause kommen und vor dem leeren Kühlschrank stehen – eine viel versprechende Zukunftsvision.

Ganz so weit will Philipp Blome noch nicht vorausschauen. Der pausbäckige Wissenschaftler ist Leiter der Metro-Abteilung für Advanced Technologies, die die RFID-Technologie weiterentwickelt. Zu den Kooperationspartnern gehören unter anderem IBM, Intel und SAP. Blome sitzt lässig hinter einem hüfthohen Tisch im Besprechungszimmer des Innovation Center. An seinem Kinn sind winzige Bartstoppeln zu erkennen. Einziger Farbtupfer in dem weiß gehaltenen Raun ist das grün leuchtende Notausgangsschild über der Tür.

„Wir setzen die RFID-Technologie vorerst nur im Lagerbereich ein. Das geschieht beispielsweise durch ein Tor, das mit RFID-Lesegeräten versehen ist“, erklärt Blome, „Schiebt man eine Palette durch das Tor, erscheint auf einem Bildschirm die Liste der gestapelten Waren. Dadurch entfallen aufwändige Zählprozesse.“

Beim nächsten Satz verzieht er das Gesicht: „Momentan kommen der Metro etwa 4 % der Waren abhanden. Diese Quote wollen wir senken. Bestes Beispiel sind Rasierklingen: Dem deutschen Handel gehen allein 30 % verloren, bevor sie in die Regale kommen – häufig durch Diebstahl der eigenen Mitarbeiter.“ Deshalb seien die Klingen vergleichsweise teuer. Mitten im Satz klingelt sein Handy. Er greift schnell in seine Sakkotasche, schaltet es aus und entschuldigt sich für die Unterbrechung. Seine Zeit scheint begrenzt zu sein.

Also noch zwei kurze Fragen: Wann wird die RFID-Technologie den Barcode verdrängen? Wiederum verzieht Blome das Gesicht – dieses Mal noch eindringlicher: „Das wird ein wenig dauern. In etwa zehn Jahren sollte es auf Palettenebene so weit sein. Bei der Auszeichnung einzelner Produkte kann das aber durchaus noch 15 bis 20 Jahre dauern. Momentan sind die Chips einfach noch zu teuer.“ Erst ab einem Stückpreis von fünf Cent rentiere sich die ganze Sache. Die aktuellen Kosten liegen bei bis zu 25 Cent pro Chip.

Und wie sieht es in puncto Datenschutz aus? „Da sehe ich keine Probleme. Theoretisch kann man die Chips mit dem Kauf zerstören. Der Kunde kommt gar nicht mit der Technologie in Kontakt. Der sieht nur, dass die Regale voll sind.“ Bei vollen Regalen kommt Markus Fernandez ins Schwärmen. Der PR-Fachmann steht in der Kosmetik-Abteilung des Extra-Markts in Rheinberg. Hier wird all das, was im 50 km entfernten Neuss theoretisch durchgespielt wird, in der Praxis getestet. Fernandez hat schwarze Haare, trägt einen schwarzen Anzug und eine rote Krawatte. Bis auf einen kombinierten Oberlippen- und Kinnbart ist sein Gesicht glatt rasiert. Um ihn herum türmen sich Shampoos, Cremes und Rasierwasser.

Eine Ausstellungsfläche hat es Fernandez besonders angetan: „Das ist unser intelligentes Regal. Im Boden ist ein RFID-Lesegerät, das den Bestand genau registriert. Es meldet sich, wenn ein Artikel ausverkauft oder falsch einsortiert ist.“ In gespannter Erwartung entnimmt er eine grüne Shampoofalsche. Auf einem Plasmabildschirm über dem Regal startet daraufhin ein kurzer Werbefilm. „So erhält der Kunde mehr Informationen zum Produkt“, freut sich Fernandez und macht sich auf den Weg zur Kasse.

Vorbei an unzähligen digitalen Preisschildern, bunten Werbebildschirmen und futuristisch anmutenden Obstwaagen geht es Richtung Ausgang. Neben fünf normalen Kassen stehen dort vier Nachbauten der Selbstzahlerkasse, die schon in Neuss zu bestaunen war. Nur das hier alles echter wirkt. Lebendiger. Doch der Schein trügt: In den folgenden Minuten verirren sich lediglich zwei junge Kundinnen an die Do-it-yourself-Kassen.

Zwei Meter weiter das genaue Gegenteil: Hier zieht eine schwarzhaarige Dame mittleren Alters geschickt Schokoriegel, Milchpackungen und Sprudelflaschen über den Barcode-Scanner. Trotz ihrer rasanten Arbeitsgeschwindigkeit hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Kunden blicken genervt, reihen sich jedoch anstandslos ein.

An der „echten“ Kassiererin scheint momentan eben doch noch kein Weg vorbeizuführen. ALEXANDER KOHNE

Ein Beitrag von:

  • Alexander Kohne

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