RFID 30.06.2006, 19:22 Uhr

Das große Heer der kleinen Funkchips

Egal ob im WM-Ticket, im Reisepass oder an der Europalette – das Zauberwort lautet RFID. Nahezu unbemerkt finden die kleinen Funkchips immer größere Anwendung. Doch während die Wirtschaft die Vorteile dieser Technik bejubelt, sehen Kritiker Gefahren Orwell’schen Ausmaßes für den Datenschutz.

Konsequent aufgereiht wie eine Kompanie stehen sie auf dem Förderband, die roten Teeschachteln mit den weißen Aufklebern an der Oberseite, gefüllt mit schwarzem Tee. Nur ein mechanischer Schieber am Anfang der Reihe unterbricht regelmäßig ihre Fahrt in die Verpackungsmaschine. Noch bevor sie dort zu je acht in einen Karton gedrängt werden, passieren sie ein Gerät, das über dem Band angebracht ist und mit seinem blauen Metallgestell verdächtig einer Radioantenne ähnelt.

Nicht weit gefehlt. Denn hier wird mit Radio Frequency Identification, kurz RFID, experimentiert. In den weißen Aufklebern stecken kleine RFID-Chips, auch Tag oder Transponder genannt. Kommt einer davon in das elektromagnetische Feld des Lesegeräts, das über dem Förderband angebracht ist, entsteht Strom durch Induktion und der Chip sendet die angeforderten Daten. Diese Informationen, in diesem Fall über Produktname, Charge und Haltbarkeit, werden in einer Datenbank gespeichert, aus der ersichtlich ist, welcher Tag das Lesegerät passiert hat.

Der Vorteil gegenüber dem Barcode: „Jeder Tag wird individuell, berührungslos und ohne Sichtkontakt ausgelesen“, erläutert Diplom-Ingenieur Daniel Gras vom „Logistischen Identifikationslabor“ (LogIDLab) der Universität Dortmund. Das Labor untersucht im Auftrag von Unternehmen, wie die Funkchips eingesetzt werden können.

Die Technik ist nicht neu, doch entwickelte sie sich erst in den letzten Jahren rasant weiter. Funkchips begegnen uns in der Wegfahrsperre im Auto, in der Selbstverbuchung in Bibliotheken, im neuen Reisepass in Form der biometrischen Daten oder in personalisierten WM-Tickets – und dies scheint erst der Anfang zu sein.

Einer, der an der Zukunft arbeitet, ist Philipp Blome. Unruhig sitzt er in dem kleinen Besprechungszimmer. Manchmal stützt er sich konzentriert auf seine Ellbogen, um sich kurz danach auf die Stuhllehne zurückfallen zu lassen. Blome ist RFID-Projektmanager der Metro, die zusammen mit Intel, Siemens, Coca-Cola und einer ganzen Liste weiterer Kooperationspartner diese Technik weiterentwickelt. Dies geschieht in einer eigenen Forschungsabteilung der Metro in Neuss. Dort müsse er gleich hin, ins Labor, sagt Blome und schaut immer nervöser auf seine Armbanduhr.
Das Unternehmen erhofft sich viele Vorteile für Logistik und Lagerhaltung. Denn flächendeckend installiert – von den Zulieferern über die Lager bis in die Filialen – lässt sich jede Stelle erkennen, die ein Produkt passiert hat. „Damit können die Lagerbestände auf den Bedarf abgestimmt werden. Die Verfügbarkeit der Waren in den Filialen steigt und leere Regale werden seltener“, so Blome. Außerdem ist eine permanente Inventur möglich, was wiederum Diebstahl erschwert. Zudem produzieren die Zulieferer nach Bedarf. Und die Lieferkette wird schneller und effizienter, da eingehende Waren zeitgleich freigegeben und abgeglichen werden können. Obwohl Blome es nicht bestätigt, scheint klar zu sein, dass sich mit der Technik Arbeitsstellen einsparen lassen.

Viele Gründe, warum Unternehmen wie die Metro in RFID ein segensreiches Kosten-Heilmittel sehen. Allein das deutsche Handelsunternehmen rechnet mit Ersparnissen in Höhe von rund 20 % der Lagerhaltungskosten, was mehreren Mrd. $ entspricht. Kein Wunder, dass die Technik flächendeckend installiert werden soll. Seit 2004 stattet die Metro Paletten mit RFID-Tags aus. Kartons sollen ab diesem Jahr folgen. Doch neben technischen Problemen sind die Transponder mit 30 Cent pro Stück noch viel zu teuer, erläutert Blome, bevor er sich erlöst auf den Weg ins Labor macht. „Auf Produktebene ist mit RFID erst in zehn bis 15 Jahren zu rechnen.“

Diese Einschätzung, die vielen Handelsunternehmen ungeduldige Vorfreude bereiten dürfte, lässt Datenschützer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Denn RFID ist bei weitem keine Technik ohne Risiken und Nebenwirkungen. Kritiker wie der Datenschutz-Verein FoeBud oder der Computer Chaos Club sehen in RFID Gefahren, die dem Überwachungsapparat in George Orwells Buch „1984“ durchaus ähneln. Denn die winzigen Tags können relativ leicht unbemerkt angebracht und ausgelesen werden. Mit den gesammelten Daten aus „getagten“ Ausweisen, Krankenkarten oder Waren könnte jeder einzelne Mensch gläsern werden. Eine Angst, die viele Unternehmen selbst anfachen. Beispielsweise musste die Metro vor wenigen Monaten Kundenkarten zurückziehen, in denen RFID-Chips eingearbeitet waren. Oder Texas Instruments, die offen erläuterten, dass sich Tags in Geldbeuteln auf Distanz auslesen und sich Reader in Fußböden sowie Mauern anbringen lassen. Was bisher nur aus dem Internet bekannt ist, nämlich Userdaten automatisiert auszuspionieren und individuell aufzubereiten, könnte mit RFID in den Alltag kommen: im Büro, im Supermarkt oder zu Hause. Datenschützer fordern daher eine kontrollierte Einführung der Technik unter strikten Datenschutzauflagen.
Wie die Zukunft von ihrer schönen Seite aussehen könnte, zeigt der „Metro Future Store“ in Rheinberg bei Neuss. Von außen wirkt der Supermarkt der Kette „Extra“ alltäglich und bieder, doch im Inneren kommen moderne Techniken zum Einsatz: vom elektronischen Preisschild über Selbstverbuchungskassen bis hin zu 3-D-Monitoren. „Die Kunden nehmen den Markt an“, sagt Markus Fernandez vom Future Store.

Einer dieser Kunden ist Martin Wanke, der an seinen Einkaufswagen den klobigen Personal Shopping Assistant, kurz PSA, geklammert hat. Zielstrebig schiebt der junge Mann den Wagen durch die Regalreihen, auf der Suche nach Cornflakes. Schnell findet er den roten Karton und hält ihn an den PSA, der das Produkt verbucht. Dies funktioniert mit dem Barcode, wäre allerdings auch mit RFID vorstellbar. Kurz vor der Kasse entdeckt Martin Wanke ein dreistufiges Regal, an dessen Kopf ein kleiner Bildschirm angebracht ist. Interessiert hält er an, nimmt eines der aufgereihten Shampoos vom Regal, was das RFID-Lesegerät darin registriert. Plötzlich erscheint auf dem Monitor ein Werbefilm über Haarwaschmittel. In bunten Animationen wird das Produkt angepriesen, bis es ihm reicht und er das Shampoo zurücklegt. Der Reader bemerkt auch dies, was das Computersystem veranlasst, den Werbefilm zu stoppen. Neben Shampoos sind DVDs, Rasierklingen und Frischkäse auf „intelligenten Regalen“ ausgestellt und mit Tags versehen. An der Kasse angekommen, übergibt Martin Wanke der Kassiererin den PSA und bezahlt den ausgewiesenen Betrag per Geldkarte.

Nicht nur die Rheinberger testen gerne Techniken wie diese, sondern ebenso Besucher aus der ganzen Welt. 25 000 Fachbesucher aus 63 Ländern besuchten bisher den außergewöhnlichen Supermarkt, den es seit drei Jahren gibt. Zwar finden die Funkchips hier schon in kleinem Stil Anwendung, doch RFID im Haushalt oder gar vollautomatische Kassen in Supermärkten sind laut Philipp Blome „noch echte Vision“.

Doch jede Vision fängt klein an. Im LogIDLab fährt inzwischen der erste Karton, mit weißem Aufkleber und acht Teeschachteln, auf einem Förderband Richtung Palettenstation. Dabei passiert er ein Lesegerät, das seitlich im rechten Winkel zum Band angebracht ist und einer großen Gürtelschnalle ähnelt. Später werden mehrere Kartons auf eine „getagte“ Europalette gehievt, die ein Stapler mit einem Lesegerät in ein Palettenregal schieben wird. Obwohl RFID in dieser Halle allgegenwärtig ist, bleibt die Technik ziemlich unbemerkt. Wären da nicht die auffällig vielen roten Teeschachteln mit den weißen Aufklebern.
FABIAN SCHWEYHER

Von Fabian Schweyher
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