Halbleiter 21.05.2004, 18:30 Uhr

Chips für die Welt – Made in Germany

VDI nachrichten, Düsseldorf, 21. 5. 04 -Am Montag feierte AMD in Dresden Richtfest für sein neues 300-mm-Chipwerk, das den Weltmarkt mit Prozessoren bedienen soll. 1000 neue Arbeitsplätze entstehen dort, weitere 600 in der Waferfabrik, die Siltronic im Juni in Freiberg eröffnet. Nur zwei Facetten der vielfältigen Mikroelektronik- Szene in Deutschland

Holger Schön kann zufrieden sein: Wenn in knapp vier Wochen die erste Ausbaustufe der neuen Siltronic-Waferfabrik in der sächsischen Bergbaustadt Freiberg in Produktion geht, ist sein Job im Wesentlichen erledigt. Der Oberbauleiter bei der Stuttgarter Jenoptik-Tochter M+W Zander war mitverantwortlich dafür, dass in knapp 18 Monaten das 430-Mio.- €-Projekt reibungslos über die Bühne ging. Bis zu 800 Arbeiter, Ingenieure und Vermesser waren in Freiberg tätig, auch Handwerksbetriebe aus der Region.
Siltronic, Tochter der Wacker-Chemie, will in der ersten Ausbaustufe 60 000 Wafer – Halbleiterscheiben mit 300 mm Durchmesser – pro Monat in Freiberg produzieren. Damit ist das neue Werk, das der Freistaat mit rund 120 Mio. € gefördert hat, die größte Produktionsstätte außerhalb Asiens für solche Scheiben. Fabriken, in denen auf diesen Wafern Mikroprozessoren und Speicherchips entstehen, werden derzeit rund um die Welt gebaut. Und nicht wenige davon unter Federführung von M+W-Zander, das weltweit 8000 Mitarbeiter beschäftigt und Niederlassungen in 30 Ländern unterhält.
Mikroelektronik als Erfolgsstory „Made in Germany“? Noch vor zwanzig Jahren schien das ein unerfüllbarer Wunschtraum einiger Visionäre. Uneinholbar erschien der Vorsprung der Japaner und mehr als einmal rieten Experten z. B. der Siemens AG, sich von ihren zyklischen, oft Verlust bringenden Halbleiteraktivitäten zu verabschieden. Doch nicht zuletzt dank massiver Förderung des Bundes und vieler Bundesländer kam es anders.
Beispiel Sachsen: „Die Früchte dieser Förderpolitik im Einklang des Bundes, des Landes Sachsen und der EU“, schrieb Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn anlässlich der Eröffnung des Maskenzentrums von Infineon, AMD und Dupont in Dresden, „sind heute in Dresden sichtbar. Mit Infineon, AMD, Dupont und Wacker sowie 100 weiteren Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Niederlassungen ausländischer Equipmenthersteller ist hier der größte Elektronikstandort Europas entstanden.“
Dabei stand die Mikroelektronikszene in Dresden – Vorzeigeindustrie der einstigen DDR – nach der Wende kurz vor der Abwicklung. Ministerpräsident Georg Milbradt ist froh, dass der Freistaat Sachsen damals den Chiphersteller ZMD übernommen hat und damit den Grundstein für das „Silicon Saxony“ legte (siehe Interview unten). In der Folge kamen Siemens, heute Infineon, und AMD als große Player an die Elbe sowie eine Fülle kleinerer Zulieferer und Dienstleister. Und die Entscheidung AMDs, sein erstes 300-mm-Werk für Athlon und Opteron-Prozessoren in Dresden zu bauen und nicht in Singapur oder New York, spricht für sich.
Rund 2,5 Mrd. $ investiert AMD, davon 540 Mio. $ Zuschüsse des Freistaats Sachsen. Doch die Rechnung, das belegt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW, geht auf: Zwischen 1995 und 2002 wurden alleine von Infineon und AMD 5,6 Mrd. € in Dresden investiert. Derzeit beschäftigen beide Unternehmen und das ZMD direkt 7000 Menschen. Für ganz Deutschland errechnen die Marktforscher einen Beschäftigungseffekt von 16 000 Arbeitsplätzen. Rund 30 % der derzeit bei AMD beschäftigten 2000 Mitarbeiter waren vorher arbeitslos. Laut DIW hat sich die Investition Sachsens in die Chipindustrie aufgrund von Steuereinnahmen und gesparter Sozialleistungen ausgezahlt: Seit 2003 ist der Staat in der „Gewinnzone“.
So beeindruckend das Beispiel Dresden für die Mikroelektronikszene in Deutschland, ja in ganz Europa ist, Erfolge mit Chips werden auch andernorts erzielt. Beispiel: Der 1984 in Dortmund gegründete Hersteller anwendungsspezifischer Chips (Asics) Elmos AG. Erst kürzlich konnte auf der Hauptversammlung die erfolgreiche Bilanz des Geschäftsjahres 2003 vorgelegt werden: Die 871 Mitarbeiter und 25 Auszubildenden erwirtschafteten 10 Mio. € Gewinn bei einem Umsatz von 121,4 Mio. €. Elmos hat sich auf spezielle Schaltungen für die Automobilelektronik spezialisiert und damit auch die Chipkrise der vergangenen drei Jahre gut überstanden.
Denn die Mikroelektronik ist ja nicht Selbstzweck: Chips sind Rohstoff für die Elektronik- und Geräteindustrie, deren Umsatz laut BMBF in Deutschland rund 100 Mrd. € ausmacht. Kein Wunder, dass der Halbleiterverbrauch pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland nach Untersuchungen des ZVEI stetig wächst und die entsprechenden Werte für Europa überholt hat. Bis 2007 werden auch die USA überrundet sein.
Anders als vor zwanzig Jahren ist die Mikroelektronik heute in Deutschland eine Industrie, die praktisch in allen Bereichen der Wertschöpfungskette Spitzenleistungen zu bieten hat. Beispiel Fertigungsgeräte: Optiken für die Belichtung der immer feineren Chipstrukturen entstehen bei Zeiss in Oberkochen, einem der wichtigsten Zulieferer des führenden Herstellers von Belichtungsgeräten, ASML, in Veldhoven, Niederlande. Bei Zeiss wird auch massiv an künftigen Belichtungsverfahren jenseits des sichtbaren Lichts gearbeitet. Fotomasken für die Belichtung entstehen im Advanced Mask Technology-Center in Dresden und der Rohstoff Silizium wird von Siltronic in Burghausen und künftig in Freiberg beigesteuert.
Nach Untersuchungen des DIW gehören zu jedem Arbeitsplatz in der Chipfertigung noch einmal 1,5 Arbeitsplätze in benachbarten Industriezweigen. Und zumindest für die nächsten zwei Jahre stehen die Zeichen für die Chipindustrie auf Wachstum. In Deutschland legte der Markt für Halbleiter im April gegenüber dem Vorjahresmonat um 11 % zu, weltweit wird dieses Jahr mit einem Wachstum um die 30 % gerechnet.
Gute Chancen also, dass Oberbauleiter Holger Schön und sein Team von M+W Zander nach Fertigstellung des Siltronics-Werks zu neuen Aufgaben aufbrechen. Vielleicht sogar direkt vor Ort, denn es existiert die Option auf eine Erweiterung des Werkes – wenn der Markt diese hergibt.J. D. BILLERBECK

  • Jens D. Billerbeck

    Jens D. Billerbeck

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