Halbleiter 16.03.2001, 17:28 Uhr

Chipindustrie rast vom Boom direkt in die Krise

Im Jahr 2000 hat die Chipindustrie blendend verkauft und gewaltig investiert. Nun räumen die PC- und Handy-Hersteller erstmal ihre Chip-Lager, die schwächelnde Konjunktur lässt weiteres Ungemach erwarten. Krisenmanagement für Chiphersteller und Zulieferer ist gefragt.

industrie auch in Zukunft mit einer durchschnittlichen jährlichen Zuwachsrate von 17 % expandieren wird. Doch – so Malcolm Penn, Chef des Marktforschungsunternehmens Future Horizons – das sei nur die eine Seite der Medaille: „Die kurzfristigen Wachstumsraten dieser Industrie schwanken zwischen plus 55 % und minus 19 %.“
Penn: „Die Unternehmen müssen jetzt die Zeche dafür bezahlen, dass das Jahr 2000 ein absolutes Rekordjahr war.“ Die Zuwächse der Elektronikproduktion, der Chipproduktion und ganz besonders der Investitionen in neue Chipfabriken hätten das Zwei- bis Vierfache der langjährigen Durchschnittswerte ausgemacht. Penn: „Das kann keiner durchhalten.“ Nur das schlichte Zurückkehren zu den Durchschnittswerten würde schon gewaltige Einbrüche verursachen. Anders gesagt: „Wir hatten im Jahr 2000 eine Riesenparty, nun brauchen wir riesige Mengen Aspirin.“
Penn war einer der hochkarätigen Redner auf dem Industry Strategy Symposium des Branchenverbandes SEMI (Semiconductors Equipment and Material International), das vergangene Woche in Antwerpen stattfand. Noch in der Euphorie des Boomjahres 2000 versuchten sich die teilnehmenden rund 300 Manager von Chip-Herstellern und Zulieferern für den nächsten Abschwung vorzubereiten. Dass dieser bereits begonnen hat, daran ließ keiner der Redner einen Zweifel: Zu deutlich sind die Warnsignale, die eine deutliche Überkapazität und damit weiteren Druck auf die Chip-Preise signalisieren. So konnte z.B. Hans Rohrer, Europa-Chef des Taiwanischen Foundry-Unternehmens TSMC nur noch von rund 70 % Kapazitätsauslastung berichten – ein dramatisch niedriger Wert, wie ihm Penn bescheinigte.
Wie lange die Absatzkrise bei den Chips anhalten wird? Da lehnt sich keiner der Auguren derzeit weit aus dem Fenster. Zu viel hängt davon ab, ob die US-Wirtschaft in die Rezession schlittert oder eine „weiche Landung“ hinlegt. Tatsache ist – und da ist sich Penn in der Langfristperspektive mit vielen seiner Kollegen einig – dass neue Applikationen und mehr Funktionen in künftigen Elektronik-Geräten den Halbleitermarkt langfristig immer weiter voranbringen: „Mehr bits pro Gerät, mehr Funktionen pro Gerät, mehr Speicher pro Gerät und viele, viele neue Geräte.“ Doch das ist eben nur der langfristige Trend.
Derzeit sieht Penn sowohl den PC-, als auch den Mobiltelefonmarkt in eine Sättigung fahren, die zwar nur temporär ist, aber eben gerade jetzt das Marktgeschehen bestimmt. Hinzu komme, dass die PC-, Handy-, und Elektronikhersteller ihre Läger leer fahren. All die Chips, die sie im Boomjahr 2000 aus Angst vor Lieferengpässen gehortet haben, werden jetzt zunächst verarbeitet, erst dann wird neu bestellt. Auch das führt dazu, das Jahr 2001 zumindest bis zur Jahresmitte zu belasten. Penn: „Aus Angst vor Knappheit wurden bereits 2000 viele Chips gekauft, die erst 2001 benötigt wurden. Jetzt wird erst mal abgewartet.“ Den Herstellern von Fabrikausrüstungen gehe es dabei noch am besten, weil Investitionsentscheidungen in neue Chip-Fabriken nicht von heute auf morgen gestoppt werden können. Doch jeder Dollar, der jetzt zähneknirschend in derzeit überflüssige Fabs gesteckt wird, bereite dann 2002 noch mehr Kopfschmerzen. Penn geht von einem „optimalen“ Investitionsvolumen für dieses Jahr von 15 Mrd. Dollar aus – was gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang von 75 % bedeutet. „Aber jeder Dollar mehr“, davon ist der Experte überzeugt, „killt 2002 – solange der Chipmarkt nicht wieder anzieht.“
Anzeichen dafür sieht er aber erst im nächsten Jahr, bei einer weltweiten Rezession könne die Überkapazität am Chipmarkt sogar bis 2003 anhalten. Da erscheinen jüngste Meldungen von IC Insights, einem anderen Marktforschungsunternehmen, schon fast optimistisch, die bereits für das zweite Halbjahr 2001 mit einer deutlichen Belebung des weltweiten Halbleitermarktes rechnen.
Rezepte für einen Ausweg aus der derzeitigen Krise gab es wenige. SEMI-President Stan T. Myers versuchte es mit Pragmatismus, schließlich habe man noch jeden zyklischen Abschwung überstanden. Andere Redner, wie David N. K. Wang von Applied Materials, versuchten die Unterschiede zwischen den diversen Abschwung-Zyklen der Chip-Industrie herauszuarbeiten. Wang analysierte dazu die deutlich veränderten Rahmenbedingungen, unter denen die Halbleiterindustrie am Beginn des 21. Jahrhunderts operiert: Der Wettbewerb zwischen den „klassischen“ Chipherstellern, den so genannten Fabless-Herstellern und den großen Foundrys habe sich verschärft, das Innovationstempo habe sich deutlich beschleunigt und damit auch die Reaktionszeiten für veränderte konjunkturelle Signale verkürzt. Zudem seien die Hauptabsatzmärkte für neue Chips immer stärker konsumentenorientiert und damit zusätzlichen Zwängen unterworfen. Wang: „Damit spielt nicht mehr nur die Fertigungskapazität und die Produktivität eines Chipherstellers die entscheidende Rolle, auch das Time-to-Market, die schnelle Entwicklung neuer Chips, wird künftig immer wichtiger.“
Dass dabei auch noch technologische Herausforderungen zu meistern sind – von neuen Lithografieverfahren für die Chipstrukturen von morgen über die 300-mm-Wafer bis hin zu neuen, innovativen Gehäusetechnologien – macht das Leben für die Chiphersteller und ihre Zulieferer in Zukunft nicht einfacher. Mit Spannung erwartet die Branche daher die Kongressmesse Semicon Europe, die Ende April in München zahlreiche der in Antwerpen gestreiften technischen Fragen erörtern wird. JENS D. BILLERBECK

Von Jens D. Billerbeck
Von Jens D. Billerbeck

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