Halbleiter 07.04.2006, 18:43 Uhr

Chiphersteller fordern Politik heraus  

VDI nachrichten, Berlin, 7. 4. 06, jdb – Europas Chipindustrie ist derzeit in einer guten Position, aber es wird zu wenig investiert, damit das so bleibt. Daher fordern Industrievertreter sektorspezifische Investitionsprogramme, die Wettbewerbsnachteile gegenüber anderen Weltregionen ausgleichen.

Halbleitertechnologie ist für die IT-Industrie, was das Saatkorn für die Landwirtschaft oder der Stahl für die klassische Industriegesellschaft ist“, zitierte Peter Bauer eine These des Shanghai Museum of Urban Developement. Der Vorsitzende des Fachverbandes Electronic Components and Systems im ZVEI und Infineon-Vorstand hatte gemeinsam mit dem europäischen Halbleiter-Industrieverband ESIA nach Berlin geladen, um im Dialog von Industrie und Politik eine neue Studie zur Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Halbleiterindustrie vorzustellen.

Mit drei großen Unternehmen in der Rangliste der zehn weltgrößten Chipunternehmen, so Bauer, stehe die europäische Halbleiterei heute deutlich besser da, als selbst Optimisten noch vor 15 oder 20 Jahren geglaubt hätten. „Mit einem Forschungs- und Entwicklungsetat von 18 % vom Umsatz steht unsere Industrie sogar an der Spitze – noch vor der IT-Hardwareindustrie, der Pharma- und Biotechbranche.“

Um diese technologische Führungsposition auch in der nächsten Dekade halten zu können, fordert Bauer eine aktive europäische Industriepolitik: „Diese muss für freien und fairen Wettbewerb sorgen, bürokratische Hürden abbauen und das europäische Know-how in Wissenschaft und Wirtschaft, bei Herstellern und Anwendern konsequent miteinander vernetzen.“

Die europäische Politik müsse zur Kenntnis nehmen, dass in anderen Weltregionen die Ansiedlung von Halbleiterfabriken und Entwicklungszentren massiv gefördert werde. Dies habe ausschlaggebenden Einfluss auf Standortentscheidungen, da die erforderlichen Milliardeninvestitionen weltweit zu nahezu den gleichen Kosten möglich sind. Europäische Standortvorteile wie Marktnähe und qualifizierte Arbeitskräfte allein seien nicht ausreichend.

Bauer erläuterte, dass China, Japan, Korea, Malaysia, Singapur, Taiwan und die USA systematisch Anreize schaffen, um ausländisches Halbleiterkapital ins Land zu holen und dort zu halten. Dagegen fehle der EU ein bewusst maßgeschneiderter Ansatz, um diese Schlüsselindustrie zu unterstützen.

So zeigt eine von der ESIA durchgeführte Analyse der Faktorkosten für die Errichtung und den Betrieb einer auf Spitzentechnologie ausgelegten Modellfabrik in acht Ländern, dass der über fünf Jahre kumulierte Nettoertrag in China, Korea bzw. Malaysia etwa 220 % des Ertrages für dieselben Anlagen in Deutschland ausmacht, wobei zwischen unterschiedlichen Standorten in Europa keine nennenswerten Unterschiede festgestellt wurden.

Neben den bekannten Faktoren, wie niedrige Gehaltsstruktur, geringere Sozialabgaben und längere Arbeitszeiten, sei das Vorhandensein von attraktiven Förderprogrammen in den Schwellenländern der Hauptunterschied. Gerade die Überarbeitung des „Multisektoralen Beihilferahmens“ der EU habe aber zu einer Reduzierung der finanziellen Unterstützung für große Investitionsvorhaben geführt. Gerade diese sind aus Sicht von ESIA und ZVEI im Hinblick auf die Aufrechterhaltung einer wettbewerbsfähigen Halbleiterfertigung dringend erforderlich. Bauer: „Investitionsprogramme sind ein entscheidender Faktor für eine schlagkräftige und eigenständige europäische Halbleiterindustrie. Deshalb sollte der Multisektorale Beihilferahmen der EU durch einen sektoralen Ansatz für Halbleiter ersetzt werden.“

Hartmut Schauerte, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, hörte Bauers Botschaft und reagierte mit kritischen Anmerkungen: „Wir bekommen massenweise hochprofessorale Anmerkungen auf Büttenpapier, welche Sektoren wir fördern sollen“, sagte er. Dabei sei es erklärtes Ziel des laufenden Reformprozesses, sektorale Förderung auf ein Minimum zurückzufahren und vielmer ein allgemein förderliches Klima für die Wirtschaft zu schaffen. „Da können wir nicht entscheiden, welcher Sektor ist hui und welcher pfui.“

Schauerte forderte die Halbleiterindustrie auf, genau zu belegen, welche Maßnahmen an anderen Standorten weltweit eine solche Förderung auch in Europa erforderlich machen würden. Ansonsten sei die Industrie aufgefordert im Wettbewerb um verfügbare Fördermittel für Forschung und Entwicklung ihre Position einzubringen.

Schienen die Positionen von Halbleiterindustrie und Politik anfänglich recht gegensätzlich, so zeigte sich im Laufe der Diskussion doch auch Annäherung. Zum Beispiel als Schauerte fragte, ob den Chipmachern mit verbesserten Abschreibungsmöglichkeiten geholfen sei. „Massiv“, antwortete Bauer und brachte als Beispiel den Nachbarn Österreich ins Gespräch, der auf diese Weise den Zuschlag für ein design-Center erhalten habe.

Bauer unterstrich mehrfach die technologische Hebelwirkung der Mikroelektronik: „Rund 90 % aller Innovationen in der Automobilindustrie werden durch Halbleiter ermöglicht. Eine effiziente Regelung elektrischer Antriebe und elektronisch per Halbleiter geregelte Netzteile könnten zu Energieeinsparungen führen, die zwei Kern-kraftwerke in Deutschland überflüssig machen.“ Da sei es schon bedenklich, wenn der europäische Markt zwar rund 20 % des weltweiten Halbleitermarktes darstelle, aber nur weniger als 10 % der weltweiten Investitionen der Halbleiterindustrie nach Europa gehen. jdb

Von Jens D. Billerbeck

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