Perlen der Provinz 14.12.2012, 14:01 Uhr

Messgerätehersteller Testo: Spitzentechnik zwischen Tannen und Kuckucksuhren

Vom Hochschwarzwald aus erobert der Messgerätehersteller Testo die weltweiten Märkte. Innerhalb der letzten zehn Jahre wuchs das Hightechunternehmen so schnell, dass das Örtchen Lenzkirch als Standort zu klein wurde. Doch Testo entschied sich, in der Region zu bleiben und schafft es bis heute, qualifiziertes Personal aufs Land zu locken.

In rötlichem Gelb leuchtet der Kopf der Mitarbeiterin auf dem Bildschirm des camcorderähnlichen Geräts, selbst das Wärmebild eines Handabdrucks ist noch nach mehreren Sekunden deutlich auf dem Tisch zu erkennen. Zufrieden schwenkt Burkart Knospe die Wärmebildkamera noch einmal über die Laborregale mit ihren Messsonden und Elektronikbauteilen: „Dieses Produkt war ein Volltreffer. Das ging von null auf richtig große Stückzahlen in wenigen Monaten.“

Knospe ist Vorstandsvorsitzender des Messtechnikherstellers Testo in Lenzkirch, mitten im Hochschwarzwald. Seit 55 Jahren entwickelt Testo in dem badischen Urlaubsort in der Nähe des Titisees mobile Messgeräte, die weltweit nachgefragt werden. Die von einem klassischen Camcorder kaum zu unterscheidende Wärmebildkamera, mit der sich etwa ungewollte Temperaturverluste bei Gebäuden oder verdächtige Wärmequellen in Motoren schnell auffinden lassen, ist eines der jüngsten Produkte.

Testo-Geräte überwachen Airbus A380 und McDonalds-Friteusen

Mit Testo-Geräten werden Temperatur und Feuchtigkeit in Räumen überwacht, aber auch die Luftqualität im Airbus A380 und die Temperatur und Qualität des Öls in McDonalds-Friteusen. Dazu kommen Glasfaser-Endoskope und tragbare Abgasmesssysteme, Klima-Analysegeräte, Rußzahlmessgeräte und einiges mehr. Bei Gas- und Handmessgeräten ist das badische Unternehmen nach eigener Aussage Weltmarktführer.

Von 2002 bis 2011 verdoppelte Testo seinen Umsatz auf heute 200 Mio. €, die Mitarbeiterzahl stieg im selben Zeitraum von unter 1000 auf gut 2400. Die Hälfte arbeitet im Ausland. Mittlerweile hat das Unternehmen rund 30 Tochtergesellschaften rund um den Globus.

Zu den Zielgruppen von Testo gehören vor allem Handwerker, Bauingenieure und die Industrie, unter anderem die Pharma- und die Nahrungsmittelindustrie. Erstere nutzen vor allem die mobilen Geräte, die Industrie auch stationäre Mess-Systeme. Testo hat nur zivile Kunden – eine bewusste Entscheidung der Unternehmensführung.

Immer wieder wurde, getrieben durch das rasante Wachstum des Unternehmens, die Zentrale in Lenzkirch erweitert, ein Funktionsbau geht heute in den nächsten über. Eingeklemmt zwischen dem Bächlein Haslach und der Testo-Straße – wobei ein Parkdeck des Mitarbeiter-Parkplatzes schon im Überschwemmungsgebiet steht – war damit allerdings Mitte des letzten Jahrzehnts Schluss. In Lenzkirch war kein Platz mehr – ein neuer Standort musste her.

Da stellte sich natürlich auch die Frage, ob man das Unternehmen nicht näher an Freiburg verlagern sollte, zumal es schon eine kleine Testo-Niederlassung in Kirchzarten gab. Doch „Lenzkirch mit seinen damals 600 Mitarbeitern den Rücken zu kehren, war keine Option“, erklärt Personalleiterin Elke Pahleteg. Die meisten Mitarbeiter wären bei einem Fortzug des Unternehmens in der Region geblieben. „Doch die Erfolge von Testo basieren nicht zuletzt auf dem Know-how der Mitarbeiter“, so Pahleteg. Also musste eine näher liegende Lösung gefunden werden.

Die fand Testo im nur gut zehn Auto-Minuten entfernten Titisee-Neustadt. Verlässt man Lenzkirch in Richtung Titisee, weitet sich das Tal und gibt einige Serpentinen später den Blick frei auf ein futuristisches Gebäude, in dessen Fenstern sich am frühen Morgen das Grau der Nebelfäden spiegelt. Der hellbraun melierte Kalkstein der Verkleidung fügt sich harmonisch in die Landschaft ein, verzichtet aber konsequent auf alles Heimelige, Schwarzwälderische. Innen ist es licht, mit großzügigen Treppenaufgängen, Grünflächen und aufwendig gestalteten Besprechungsräumen.

Mit diesem neuen Gebäude, so Knospe, „war auch die Entscheidung gefallen, in der Region zu bleiben“.

Das war auch für Reinhard Feser, Bürgermeister von Lenzkirch, ein Grund zum Aufatmen, wenngleich er das neue Gebäude in Titisee mit einem weinenden und einem lachenden Auge sieht. Weinend, weil Testo nicht in Lenzkirch bleiben konnte, lachend, weil das Unternehmen in der Region blieb. Immerhin schlagen die Gewerbesteuern von Testo in Fesers 5000-Seelen-Gemeinde deutlich zu Buche.

Neues Testo-Gebäude: Bereits nach einem halben Jahr ausgelastet

Das neue Testo-Gebäude in Titisee ist ein halbes Jahr nach der Eröffnung schon nahezu ausgelastet. 250 Menschen arbeiten hier, für weitere 50 ist noch Platz. Und wenn das nicht reicht, ist um das Gebäude Bauplatz für noch drei weitere, sprich noch einmal für 900 Menschen. Dass es wohl auch absehbar weiter aufwärts geht, da ist sich Vorstandschef Knospe ganz sicher. Um die 10 % im Jahr, „vielleicht auch ein bisschen mehr“, will das Unternehmen in den kommenden zehn Jahren wachsen.

Doch einfach ist das im Hochschwarzwald nicht. Denn aus der Region allein kann Testo seine Nachfrage nach Ingenieuren und Fachkräften wie Vertriebs- und Marketingspezialisten nicht decken. „Wir müssen“, so Knospe, „deshalb beim Recruiting stärkeren Aufwand betreiben als andere.“ Die Lage im Hochschwarzwald und den auch für Testo spürbaren Fachkräftemangel kompensiert das Unternehmen „durch ein „systematisches Arbeitgeber-Branding“.

Das reicht von der Förderung des Fußball-Erstligisten SC Freiburg und der USC Eisvögel, der Damen-Basketballmannschaft Freiburgs, bis hin zur Unterstützung des Freiburger Zeltmusikfestivals. Auch sportliche und kulturelle Initiativen an den Standorten werden unterstützt, wenngleich Testo auch nicht immer als Geldgeber in Erscheinung tritt. „Wir verstehen uns als Corporate Citizen“, so Knospe.

Wichtiger noch ist die Förderung des eigenen Nachwuchses. „Wir investieren in Nachwuchskräfte bereits in den Schulen durch unterschiedliche Ausbildungs- und Studienangebote, Traineestellen und Praktikumsplätze für Masterstudenten“, so Personalchefin Pahleteg. 2011 besetzte der Messtechnik-Hersteller 80 % der neuen Stellen für Führungskräfte mit eigenem Nachwuchs.

Selbst im Krisenjahr 2009 stockte Testo sein Personal auf. Das durchschnittliche Alter der Belegschaft liegt bei nur 38 Jahren. Fast 70 % der Mitarbeiter sind Akademiker, von den 1200 Mitarbeitern in Deutschland sind gut 190 Ingenieure.

Die Fluktuation ist gering. Schaut man aus dem Fenster auf die in der Herbstsonne leuchtenden Berge, weiß man warum: „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“, nennt Bürgermeister Feser das. Die Nähe zu Frankreich und der Schweiz tut ihr Übriges.

Auch darüber hinaus bietet Testo seinen Mitarbeitern einiges. Das reicht von fachlicher Weiterqualifizierung und der Möglichkeit, sich aus den Großraumbüros in separate Stillarbeitsräume zurückzuziehen bis hin zu Fitnesstrainern, die nach Dienstschluss die müden Mitarbeiter wieder locker machen. Für Mitarbeiter mit kleinen Kindern sind in den Horten der Region Plätze angemietet, für Pendlergruppen aus Freiburg stehen am Bahnhof Titisee Autos für die Fahrt nach Lenzkirch bereit. „Wir sind“, so Knospe zuversichtlich, „in der Region der bekannteste, vielleicht sogar der beliebteste Arbeitgeber.“

„Die Mitarbeiter von Testo beleben die ganze Ortschaft“

Die Gemeinden Lenzkirch und Titisee-Neustadt versuchen, das zu unterstützen und stellen Bauland für Testo-Mitarbeiter zur Verfügung. Und sie wissen warum: „Die Mitarbeiter von Testo beleben die ganze Ortschaft“, sagt Bürgermeister Feser – und bremsen nicht zuletzt auch das Schrumpfen der Einwohnerzahl.

Aber selbst wenn mit dem neuen Gebäude in Titisee-Neustadt die Zeichen auch in Deutschland auf Expansion stehen, so kommt das Umsatzwachstum aus anderen Regionen: Größter Wachstumsmarkt für Testo ist seit Jahren Russland. Allein in diesem Jahr wird der Umsatz im größten Land der Erde um weitere 38 % steigen. Ähnliche Zuwächse melden die asiatischen Länder. Deutschland und Europa verlieren demgegenüber an Bedeutung. Bereits heute macht Testo 35 % bis 40 % seines Umsatzes außerhalb der EU.

Dass trotzdem in Deutschland auf Zuwachs geplant wird, liegt an der besonderen Struktur des Unternehmens: Die Fertigungstiefe liegt bei nur 10 %, an den Standorten Lenzkirch und  Titisee-Neustadt arbeiten deutlich mehr Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung als in der Produktion. Dazu kommen noch Vertrieb und Marketing, sodass von den insgesamt 1200 Testo-Mitarbeitern in Deutschland nur 295 in der Produktion beschäftigt sind.

Gut 10 % seines Umsatzes investiert das Unternehmen in Forschung und Entwicklung, für Technikvorstand Jörk Hebenstreit eine „strategisch sinnvolle Größenordnung“.

Geforscht und entwickelt wird an nur drei Standorten: an den beiden Standorten im Hochschwarzwald und im südchinesischen Shenzhen, wo zudem vor allem einfachere Messgeräte montiert werden. Das lohnt sich in Deutschland nur bei höherwertigen Geräten. So kommt zwar die Mehrheit der Geräte aus Shenzhen, den meisten Umsatz machen aber die deutschen Niederlassungen. 1000 Messgeräte fertigt Testo jeden Arbeitstag weltweit.

Der Weg zu anhaltendem Wachstum führt über immer intelligentere Produkte: „Wir wollen für bestehende Zielgruppen“, formuliert es Knospe, „neue Anwendungen möglich machen, um so zusätzliche Messprobleme mit neuen Produkten angehen zu können.“ Schon das neue Gebäude, das in der Schwarzwälder Umgebung kompromisslos modern anmutet, ist ein Symbol dafür, wo es hingeht. „Innovationen sind für uns das A und O“, so Knospe.

Von Lisa Schneider/Wolfgang Mock

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