Mess- und Prüftechnik 15.11.2002, 18:22 Uhr

Kleiner Gas-Schnüffler will groß raus

Zwei findige Hamburger Unternehmer haben den weltweit kleinsten Gas-Chromatographen gebaut, der sekundenschnell arbeitet – zu einem Bruchteil der bisherigen Kosten.

Im alten Harburger Hafen tut sich was. Wo früher Schiffe lagen und Kräne standen, forschen und entwickeln heute junge Hightech-Unternehmen. Eine Vorzeigefirma für den Trend vom Ship zum Chip ist die SLS Micro Technology GmbH. Gründer Uwe Lehmann und sein Geschäftsführungs-Partner Arne Gebhardt haben in ihrer Start-up-Company, die mit Hilfe der Mikrosystemtechnik Sensoren und Analysesysteme entwickelt und fertigt, einen fingernagelkleinen Chip aus der Taufe gehoben, mit dem blitzschnell die Zusammensetzung von Gasen gemessen werden kann.
Die theoretische Grundlage bildete Lehmanns Promotionsarbeit. Der 38-Jährige kommt von der TU Hamburg-Harburg und hat dort unter Mikrosystemtechnik-Guru Prof. Jörg Müller gearbeitet. „Den Kern unserer Technologie bilden mehrere mikroskopisch kleine Komponenten“, erläutert Lehmann. Der Beleg: Erst unter einer Lupe sind das winzige steuerbare Ventil und der Gasdetektor des Systems erkennbar. „Die Messungen sind daher genauer und um ein Vielfaches schneller als mit herkömmlichen Gas-Chromatographen“, ist der technische SLS-Geschäftsführer stolz. „Und statt 20 000 @ bis 30 000 @ kostet unser Chromatograph weniger als 5000 @“, ergänzt Arne Gebhardt.
Der 60-Jährige ist das „kaufmännische Gewissen“ des Start-up, hat mehr als 30 Jahre Industrieerfahrung und war Leiter einer Philips-Entwicklungsabteilung mit rund 350 Mitarbeitern. Das ist eine Zutat des Erfolgsrezepts der SLS: Technologisches und kaufmännisches Know-how in den Köpfen erfahrener Manager.
Zweite wichtige Prise: eine solide Finanzierung. Nachdem sich Lehmann Ende 2001 nach drei Jahren von seinen zwei Gründungspartnern getrennt hatte, holte er neben Gebhardt den Harburger Betreuungsinvestor MAZ level one als Gesellschafter mit an Bord. Weiteres Kapital bekam er ein halbes Jahr später in der ersten Finanzierungsrunde von den Hamburger Wagnisfinanzierern Dr. Neuhaus Techno Nord und der BGM, der Beteiligungsgesellschaft für den Mittelstand der Hamburger Sparkasse. Ein dritter Venture Capitalist steht vor der Tür: die Düsseldorfer Enjoyventure Management.
„Unter dem MAZ-Dach ist SLS aus den Kinderschuhen gewachsen. Wir haben das Unternehmen dort schon eine ganze Weile begleitet und kennen gelernt. Das Beteiligungskapital, das wir jetzt gegeben haben, ist der Düsenkraftstoff zum Durchstarten bis zur Markteroberung“, begründet Gottfried Neuhaus sein Engagement. „Wir sehen großes Marktpotenzial. Mit der Technologie von SLS werden Anwendungen möglich, die mit der bisherigen zu großen, zu aufwändigen und zu teuren Messtechnik undenkbar waren.“
Neuhaus und das agile Unternehmer-Duo von der Waterkant denken an Einsatzgebiete etwa in der Holzverarbeitung oder Gesundheitsvorsorge und an kostengünstige mobile Lösungen. „Feuerwehr, Polizei und Betriebssicherheits-Abteilungen warten auf zigarrenkastenkleine Geräte für ein paar hundert Euro, mit denen man flexibel und schnell die Zusammensetzung von Gasen feststellen kann“, ist Gebhardt überzeugt.
Auch Privatleute werden künftig dank der Innovation gesundheitsgefährdende Ausdünstungen von Teppichen, Tapeten oder Deckenverschalungen einfach vor Ort feststellen können. „Auch für Massenanwendungen werden unsere Komponenten interessant, etwa für den Einbau in Autos, um das Belüftungssystem entsprechend der Außenluft zu steuern.“
Da die SLS-Technologie auf Silizium-Glas-Basis bis zu 200 Grad Hitze verträgt (limitierendes Element ist die Verbindungstechnik), ist sie sogar als Helfer bei der Motorensteuerung geeignet. Wie? Der Chromatograph misst die Abgase und gibt die Ergebnisse an den Bordcomputer weiter, der dann das Gas- oder Benzingemisch optimal steuern kann.
Uwe Lehmann und Arne Gebhardt haben den ABB-Konzern als Pilotkunden für ihren Miniatur-Gas-Chromatographen gewonnen. Mit anderen Großunternehmen wie Siemens ist man im Gespräch. Nachdem vor wenigen Tagen im Firmengebäude am Tempowerkring der Reinraum fertig gestellt wurde, hoffen die beiden SLS-Geschäftsführer, den Prototypen eines kompletten Gas-Chromatographie-Moduls auf der nächsten Industriemesse in Hannover präsentieren zu können.
Bis dahin dürfte die Zahl der Mitarbeiter von heute zehn auf mehr als 15 gewachsen sein. Arne Gebhardt ist jedenfalls optimistisch: „Im Jahr 2004 werden wir vierstellige Stückzahlen liefern.“ JÜRGEN HOFFMANN

Von Jürgen Hoffmann

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