Mess- und Prüftechnik 22.01.1999, 17:20 Uhr

Bodyscanner statt Maßband

Bald kann sich jeder berührungslos vermessen lassen und seine Garderobe online maßgeschneidert bestellen. Davon sollen die Kunden, die Textilindustrie und der Standort Deutschland profitieren. Das Forschungsprojekt „Bekleidung nach Maß“ zeigt, wie es geht.

Der Laserstrahl gleitet über die Konturen. Erst Kopf, dann Schultern, Taille und Bauch. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei. Die exakten Daten für den Maßanzug flimmern auf dem PC-Bildschirm. Der Kunde wurde nicht mal berührt.
3D-Ganzkörper-Scanner nennt sich eine Erfindung, die der darbenden deutschen Bekleidungsindustrie Hoffnung macht. Die Idee: Sind die Daten einmal erfaßt, lassen sie sich so verarbeiten, daß ein maßgefertigtes Kleidungsstück in acht bis zehn Tagen zum Preis vergleichbarer Massenware im Laden erhältlich ist. Je besser die Arbeitsgänge der Schneider – Maß nehmen, Schnitt erstellen, zuschneiden, nähen – verknüpft sind, desto schneller, preiswerter und individueller ist die Produktion. Computer Aided Design (CAD) statt Schneiderlein lautet die Formel. Der Erfolg scheint sicher. Wer stand nicht schon genervt im Laden, weil es den Blazer nur noch in Größe 34 gab?
Beim Bekleidungsphysiologischen Institut Hohenstein in Bönnigheim bei Stuttgart ist die Vision vom Maßhemd per PC schon Realität. Im Forschungsprojekt „Bekleidung nach Maß“ haben Unternehmen gemeinsam mit dem privaten Institut eine Modellwerkstatt aufgebaut. Die Kaiserslauterner Tecmath GmbH Co. KG entwickelte das derzeit schnellste 3D-Ganzkörper-Scannersystem. Damit ist erstmals die vollautomatische, flexible Erfassung von Menschen zwischen 1 m und 2,20 m möglich. Projektleiter Andreas Seidl erklärt: „Anspruch der Industrieproduktion ist es, die Vorteile der Extreme Maß- und Massenproduktion miteinander zu verbinden.“
Das Bekleidungsphysiologische Institut setzt mit Hilfe eines automatischen Systems die Maße in Schnitte um. Dank der Schnittbildoptimierung können Kragen geändert, und die Teile platzsparend auf dem Stoff verteilt werden. Die Pfaff AG half, Nahtlänge und -krümmung an die Nähmaschinen weiterzuleiten. Das 10 Mio. DM-Verbundprojekt mit einer Laufzeit von drei Jahren wird vom Bundesforschungsministerium gefördert. Neben Bekleidungsherstellern wie Boco und Triumph sind auch die Versand- und Kaufhäuser, die Zeitschrift Burda und BMW beteiligt.
Eine Sekunde braucht der 3D-Scanner zur Messung. Noch ist es ein sperriger Prototyp mit einer Plattform, um die herum vier verspiegelte Podeste angeordnet sind. Ein ungefährlicher, schwacher Laser wird über die Spiegel aufgespaltet und tastet den Körper ab vier Videokameras zeichnen die Ergebnisse auf. Die Kamerabilder werden mittels Lichtschnitt ausgewertet – so genau, daß selbst Brusthaare am PC sichtbar werden.
Für das Schnittmuster sind jedoch Eckdaten nötig: wo endet der Ärmel, wo beginnt der Schritt? Das gelingt durch die Kombination des Lichtschnittverfahrens mit dem an der Uni Kaiserslautern entwickelten Menschenmodell „Ramsis“. Das ist ein mathematisches Menschenmodell, das auf den Daten von rund 6000 Personen beruht, deren Schneidermaße bekannt sind. Es wird einfach wie eine Schablone an die zahlreichen Daten des Kunden angepaßt, die auf dem Bildschirm zunächst als diffuse Punktwolke erscheinen – und schon ist klar, wo genau beim Dicken mit dem Hohlkreuz die Taille sitzt.

Maß nehmen für Mieder ohne den Busen zu berühren

Zur Zeit nimmt der 3D-Scanner Maß bei 2000 Frauen. So viele sucht das Hohensteiner Institut, damit die Mieder- und Bekleidungsindustrie ihre Daten für zukünftige Dessous bis zum Jahr 2001 an die neuen Größen anpassen kann. Denn schon jetzt stöhnen Hanseatinnen über die kleinen französischen Modelle. Und ein großer Busen ist längst größer als noch vor 60 Jahren. Die Probandinnen des Forschungsvorhabens „Mieder“ können während der weltweit ersten Reihenmessung mit einem berührungslosen System schon mal von der Zukunft träumen: Einfach in den Laden gehen, vermessen lassen, Stoff auswählen und eine Woche später Maßgeschneidertes abholen.
Einige solcher Läden gibt es bereits. So setzt das Unternehmen Mplus in seiner Mainzer Geschäftsstelle auf ein Konturmeßsystem – und bietet Maßanzüge laut Eigenwerbung „schon für weniger als 800 DM“ an. Doch im Gegensatz zum 200 000 DM teuren 3D-Koloß mit vier Kameras haben sie ein preiswerteres 2D-Modell.
Generell bieten sich Händlern zwei Varianten an: Ein 3D-Bodyscanner mit zwei statt vier Kameras, der einer schwarzen, fast 3 m hohen Umkleidekabine gleicht. Das Gerät ist mit rund 100 000 DM teurer als das 2D-System für 35 000 DM. Leider eignet sich diese weiße Wand mit schwarzen Markierungspunkten, vor der Kunden von einer mit dem PC verbundenen Kamera aufgenommen werden, nur für Männer, da die Konturen aufgrund der Schattenbildung des Körpers berechnet werden. „Die Form der weiblichen Brust“, bedauert Bekleidungs-Technikerin Elfriede Kirchdörfer“, kann aber nur mit dem 3D-Scanner erfaßt werden.“
Deshalb profitieren erst mal Männer von der Bekleidungsfabrik der Zukunft. Sie können beim Kölner Dietrich Brügelmann (www.dietrich.com) online Hemden ordern oder sich beim hessischen Hersteller Bernhardt dreidimensional für ihren Anzug erfassen lassen. Den Damen bleibt vorerst nur ein Besuch bei der Kölnerin Ursula Diaz, die bereits mit einem Bodyscanner für ihren Cyberfashion-Shop arbeitet.
Noch sind das Einzelfälle. Das Gros der Hersteller läßt preiswert in Asien fertigen. Doch die Hohensteiner versprechen sich von der 3D-Technik auch neue Arbeitsplätze. „Die Maßkonfektion könnte wieder zurück nach Deutschland verlagert und stärker genutzt werden“, glaubt Kirchdörfer. Auch Rheinland-Pfalz setzt darauf und bereitet ein europäisches Zentrum für individuelle Produktion (ECIP) in Kaiserslautern vor, das kleineren Firmen nützen soll.
Kunden gäbe es genug. Schätzungsweise 50 % aller Frauen und 43 % Männer finden im Handel keine passende Kleidung. Die Folge: Frust, berstende Lager und Hersteller, deren Ware oft hängenbleibt. Würde die Bekleidungsfabrik der Zukunft Wirklichkeit, wäre allen geholfen. „Der Kunde kann sich stärker mit dem Produkt identifizieren und schnell Folgeprodukte ordern, wenn seine Daten vorliegen“, erklärt Andreas Seidl von Tecmath. Die Vorteile sind so überzeugend, daß die Bundeswehr schon den Scanner samt Ramsis-Modell geordert hat. Und die Post denkt darüber nach, ob Briefträger in Maßhosen besser beißenden Hunden entkommen.
Der Scanner wäre vielfältig einsetzbar. Beispiel Vermessungsläden: Der Kunde läßt sich scannen, die Daten auf eine Chipkarte speichern – und kauft damit bei Quelle oder im Laden ein. So blieben den Händler auch die Anschaffungskosten des Scanners los. Projekte laufen bereits.
Doch warum nur an Kleidung denken? In der Schuh-Industrie sind Pioniere schon auf elektronische Leisten umgestiegen. Oder wie wäre es mit Fahrrädern passend zur Beinlänge? Auch in der Medizin könnte der Body-Scanner Dienste leisten bei passenden Stützen und Schienen oder künstlichen Gliedmaßen.
Noch klappt der Ablauf bei den PC-Schneidern nicht ohne menschlichen Eingriff. Zu unterschiedlich sind Stoffe und Handgriffe. „Es fehlen automatische Konstruktionssysteme und die Vernetzung der Schritte. Das geht bei der Mode nicht wie in der Metallbranche“, weiß Martin Rupp. Der Ingenieur, in Hohenstein Direktor der Bekleidungstechnik, hofft auf das Projektende im März 1999. Vielleicht wird dann der erste Anzug vollautomatisch geschneidert.
CORDELIA BECKER www.bekleidung-nach-mass.de

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